Literaturkritik

Vertrackte Lovestory mit Schuldgefühlen

Julian Barnes legt mit „Die einzige Geschichte“ einen Roman vor, der seine Leser gefangen nimmt und erschüttert. In den Hauptrollen: Zwei Verliebte mit gehörigem Altersunterschied – doch über den denken sie kaum nach.
Roland Gutsch Roland Gutsch
Julian Barnes: Die einzige Geschichte. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2019. 304 Seiten. 22 Euro. ISBN 978 – 3 – 462 – 05154 – 4.
Julian Barnes: Die einzige Geschichte. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2019. 304 Seiten. 22 Euro. ISBN 978 – 3 – 462 – 05154 – 4. Verlag Kiepenheuer & Witsch
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Neubrandenburg.

Nein, da ist keine (coo coo ca-choo) Mrs. Robinson wie im Hollywood-Klassiker „Reifeprüfung“ zugange, um einen Jüngling in den Künsten körperlicher Liebe weiterzubilden. Es handelt sich ebenso wenig um eine angejahrte Sugar Mama, die einem Heißsporn für sein Nettsein und mehr ihre Hilfe gewährt und ihn dann in die Welt der jüngeren Damen entlässt. Im neuen Roman von Julian Barnes (73), Spezialist für begrübelnswerte Beziehungskisten und neben Ian McEwan Englands Top-Autor, bekommen Klischee-Affären – erwartungsgemäß – keinen Aufguss. „Die einzige Geschichte“ hat in den Hauptrollen zwar zwei Verliebte mit gehörigem Altersunterschied, doch über den denken die beiden kaum nach.

Für ihn, Paul, 19, Rechtanwalt in spe, und für sie, Susan, 48, Hausfrau, Mittelschicht, erwies sich ein gemischtes Tennis-Doppel als schicksalhaft. Es funkte. Das waren die Zeiten, da man noch „heiliger Bimbam“ sagte, „Russkis“ als Schimpfwort allgemeiner Gültigkeit herhielt und Abtreibung Teufelswerk war – die 1960er. Susan hatte sich in der Nachkriegsphase in die Ehe mit einem Mann zweiter Wahl gestürzt. Ihre stille Hoffnung: Liebe würde sich noch einstellen. Nachwuchs kam, Liebe nicht. Trotz verkrusteter Konventionen und Kleinstadt-Miefs in Londons Umland hatte sie sich Freimütigkeit und Pietätlosigkeit bewahrt. Paul verfiel Susan nachgerade.

Der wollte nie „meinen Vater umbringen und mit meiner Mutter schlafen“, was man gern Ödipus unterstellt. Susan war für ihn kein Sommerintermezzo. Das Paar meinte es ernst, brannte kontrolliert durch, lebte mehr als ein Jahrzehnt zusammen. Ohne Happy End.

Die komplette Überforderung

Vom „anderen Ende des Lebens“ erzählt Paul diese für ihn erste/einzige und für die Gesellschaft unerhörte Liebe nach und steht vor der Frage: Wie fertig werden mit den Schuldgefühlen? Denn als eigentlich alles gut war, wurde Susan – für ihn lange unbegreiflich – zu einer Alkoholikerin. Sie soff sich um ihre geistigen Fähigkeiten. Das Gedächtnis: Löchrig. Der Jura-Student Paul gestand sich komplette Überforderung ein. Er löste die Verbindung. Und knabbert daran noch im Alter.

Julian Barnes stellt hohe Ansprüche an seinen Roman – und erfüllt sie. Er belässt es nicht bei einer außergewöhnlichen, vertrackten Lovestory, die den Leser gefangen nimmt und erschüttert. Der Autor, diesmal kein Ironiker, und sein trauriger Held philosophieren unprätentiös und anregend über die Unzuverlässigkeit von Erinnerung, über Glück/Unglück-Statistiken. Die Liebe in eine Definition zu sperren, daran scheitert Paul erfreulich. Immerhin kommt der zu diesem Schluss: Sie sei „das einzige Thema, über das man unmöglich etwas Absurdes sagen kann“.

Barnes landete 2011 mit dem Roman „Vom Ende einer Geschichte“ den großen Wurf, für das novellistisch durchkomponierte Werk gab’s den Man Booker Prize. Ähnlich elegant geriet sein „Neuling“ nicht, dennoch ist dessen Lektüre absolut empfehlenswert.

 

Julian Barnes: Die einzige Geschichte. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2019. 304 Seiten. 22 Euro. ISBN 978 – 3 – 462 – 05154 – 4.

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