Literatur-Rezension

Von Henkern und Hutmachern

Was an Genialem, Schnurrigem, Auswüchsen, kurz an Spezialistentum, sich die Menschheit per Arbeitsteilung beschert hat, präsentiert der Alt-Intellektuelle Hans Magnus Enzensberger in seiner unterhaltsamen „Experten-Revue in 89 Nummern“.
Roland Gutsch Roland Gutsch
Hans Magnus Enzensberger: Eine Experten-Revue in 89 Nummern. Suhrkamp Verlag Berlin, 2019.
Hans Magnus Enzensberger: Eine Experten-Revue in 89 Nummern. Suhrkamp Verlag Berlin, 2019. Reuter, Lutz
0
SMS
Neubrandenburg.

Ohne Langfinger würde es keine Geldschrank-Produzenten geben, ohne Verbrecher keine Polizei, Juristen, Vollzugsbeamten. Die Liste ließe sich verlängern. – Hans Magnus Enzensberger (89) präsentiert hier ein hübsches Beispiel für seinen legendären Sarkasmus, und der beneidenswert produktive Alt-Intellektuelle verdeutlicht zugleich das Anliegen seines neuen Bandes „Eine Experten-Revue in 89 Nummern“. Was an Auswüchsen, Genialem, Schnurrigem, kurz an Spezialistentum, hat sich die Menschheit per Arbeitsteilung beschert? Worin wer der Beste ist!

Dieses Buch brav von vorn nach hinten zu lesen scheint nicht zwingend notwendig. Man darf es an beliebiger Stelle aufklappen, und die Wahrscheinlichkeit ist hoch, auf ein Zehn-Minuten-Lesestück zu treffen, das umgehend zu fesseln vermag.

Etwa über Dynastien klassischer Henker, die zugleich medizinisches Fachpersonal waren. Über eine alte Hutmacherin, die nicht aufgab. Über die Wunderwelt des Bierdeckelsammelns, Miniaturmodellbauens, über Bestattungs-, Kanaldeckel-, Taschendiebstahlkunst. Die Maßhemden-Herstellung sei nicht weniger als eine Wissenschaft. Man erfährt, dass der Apfelkundler Johann Hermann Knoop, der Ur-Pomologe, leider auch „dem Trunke ergeben“ war.

Der Schweizer Immunologe und Nobelpreisträger Rolf Martin Zinkernagel gilt zugleich als Autorität auf dem Gebiet der Mausefallen. – Leichthändig, ohne ins Belanglose abzugleiten, wird eine Menge nützlichen und weniger nützlichen Wissens vermittelt. Wer sich bei dieser Lektüre langweilt, ist selbst langweilig.

Wahre Virtuosen und faszinierende Zaubergeister

Enzensberger, dem sein 90. Geburtstag am 11. November nach eigenem Bekunden schnurz ist, fährt eine Parade an Typen auf, von denen viele nicht oder nicht mehr in Lexika auftauchen. Kleine Leute, bisweilen Nischenhocker, unter deren Harmlosigkeit wahre Virtuosen und faszinierende Zaubergeister stecken, scheinen es ihm speziell angetan zu haben. Und: Die Nerds der Mathematik! Zum Verweilen lädt zudem die reiche und reizvolle Illustration des Buches ein.

Neugierig mäandert der Autor – in Deutschland als Lyriker, Essayist und Ex-Bürgerschreck eine Institution – durch Jahrhunderte, Erfindertum, Branchen. Da guckt auch ein Schelm mit all seiner Skepsis auf die Unwucht manch aktueller Entwicklung. Im Background läuft eine undogmatische Anstiftung zum Menschlichsein.

Um nicht in den Verruf der Universalgelehrsamkeit zu geraten, stellt Enzensberger klar: Angaben ohne Gewähr. So sind Zweifel angebracht, ob die Französin Jeanne Louise Calment tatsächlich die Weltmeisterin im Altwerden ist. Mit 117 soll sie das Rauchen aufgegeben, kurz darauf aber wieder der ungesunden Leidenschaft gefrönt haben und unterm Strich 122 Jahre alt geworden sein. Gewissheit besteht darüber, dass die katholische Kirche auch Schutzpatrone für Bettnässer, Latrinenarbeiter, reuige Dirnen und Motorradsportler zur Verfügung stellt.

Hans Magnus Enzensberger: Eine Experten-Revue in 89 Nummern. Suhrkamp Verlag Berlin, 2019. 336 Seiten, 24 Euro. ISBN 978 – 3 – 518 – 42855 – 9.