In Dörte Hansens neuem Roman „Zur See“ geht es um das Leben am und auf dem Meer – in Gegenwart, Vergangenheit und ein wenig auch in der Zukunft.
In Dörte Hansens neuem Roman „Zur See“ geht es um das Leben am und auf dem Meer – in Gegenwart, Vergangenheit und ein wenig auch in der Zukunft. Georg Wendt/dpa, Penguin Random House Verlagsgruppe, NK-Montage
Dörte Hansen

Von Menschen, die noch frieren können

Mit ihren ersten beiden Romanen hat sich Dörte Hansen in die Herzen vieler Leser geschrieben. In ihrem neuen Werk „Zur See“ stehen die Menschen auf einer Insel im Mittelpunkt.
dpa
Hamburg

Ryckmer Sander friert schon mal vor. Der nicht mehr ganz junge Nordfriese mit verlorenem Kapitänspatent, der als Decksmann auf einer Inselfähre arbeitet, ist nie warm genug angezogen. Immer trägt er nur eine Jacke, die aussieht, als hätte sie schon seinen Ahnen gehört – Mütze und Handschuhe kommen für den Sohn des unbenannten Eilands schon gar nicht infrage.

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Trotz der salzigen Eiseskälte, die in den kleinen Häfen herrscht. Mit klammen Fingern, der Zigarette zwischen den Lippen und seinem Alkoholismus fühlt sich der für Frauen attraktive Ryckmer bei Wind und Wetter gewappnet für „das große Frieren“ – die ultimative Katastrophe, die eines Tages kommen werde.

„Der große Sturm, die große Flut oder die eine große Welle. Wer dann nicht frieren kann, ist schon verloren.“ So schreibt es Dörte Hansen, die 58-jährige, bei Husum in Schleswig-Holstein lebende Nordfriesin und Autorin zweier Bestseller-Romane, die den Strukturwandel im Norden der Republik schildern („Altes Land“ und „Mittagsstunde“, als Film mit Charly Hübner derzeit in den Kinos).

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Nun also, in „Zur See“ (Penguin Verlag, München, ab 28. September im Handel), geht es um das Leben am und auf dem Meer – in Gegenwart, Vergangenheit und ein wenig auch in der Zukunft. Tatsächlich unterliegen ja das Dasein und das Miteinander von Inselbewohnern längst großen Veränderungen.

Nicht nur wegen der existenziellen Tatsache, dass die Männer nicht mehr monatelang auf Walfang fahren, bei dem viele von ihnen ihr Leben lassen mussten. Und an deren Ende sie ihren Frauen, die mit den Kindern wohl auf sie warteten, die großen Wal-Zähne mitbrachten, die seither als Gartenzaun reetgedeckter Friesenhäuser herhalten.

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Manch ein Insulaner sah vor seinem Ende auf See noch „die große weiße Wand“, der auch Ryckmer begegnete – und die ihm in den Knochen steckt. Nein, heutzutage, so erkennt Hansen, sind es die Touristen, die mit ihren Strandvergnügungen, ihren Dämmertörns mit als Matrosen verkleideter Besatzung, ihren Aufkäufen alter Häuser (die dann oft leer stehen) das überlieferte, dabei aber auch nicht ganz so edle Inselleben zerstören.

Und mit ihren Ansprüchen – vor allem an das Wetter. Denn diese „Touris“ sind in der Regel Menschen, die nicht frieren können. Und genau da scheiden sich für die Autorin, die laut Interview-Aussagen („Hamburger Abendblatt“ vom 24. September) über Jahrzehnte Nordseeinsel-Erfahrungen auch als Feriengast verfügt, die Geister.

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So erzählt Hansen, die an der Uni in Kiel unter anderem Friesisch studiert hat, vor allem von den Angestammten. Von ihren seelischen Prägungen und den sehr zwiespältigen Folgen, die der Wandel für sie hat. Sowie von einigen Neuzugängen wie der zerrissenen Pastorenfamilie Lehmann, deren Frauen zurück aufs Festland gehen. Im Kern kreist die in kunstvoller, knapper, manchmal atemlos wirkender Sprache erzählte Geschichte um die ganz anders dysfunktionale, aber irgendwie – jeder auf seine Art – auch tapfere Familie Sander.

Da ist die Mutter Hanne Sander, die hyperaktiv die Stellung halten will. Die in der Saison Urlauber in ihren Kinderzimmern wohnen ließ – solange sie noch mit einer Privatunterkunft zufrieden waren und keinen Wellness-Spa wollten. Heute betreut Hanne in einem Teil ihres Hauses, das als das ältestes und schönstes der Insel gilt, ein Heimatmuseum. Ihr Mann Jens, der früher zur See fuhr, haust seit 20 Jahren einsam in der Vogelkoje und präpariert tote Tiere.

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Sohn Ryckmer, der Decksmann, ist mit seinen 40 Jahren wieder bei Muttern eingezogen – und sie kauft ihm, streng rationiert, sein Flaschenbier. Tochter Eske, ein Heavy-Metal-Fan, ganzkörpertätowiert, wehmütig bewahrend und liebevoll, arbeitet im Altersheim und führt eine wackelige Beziehung mit einer Tattoo-Fachfrau auf dem Festland.

Seinen Platz nicht wirklich gefunden hat auch Hannes jüngster Sohn Henrik. Schon immer etwas komisch, bastelt er in einem Schuppen aus Treibgut Figuren, die andere als Kunst betrachten, für die sie viel Geld bezahlen. Eines Tages – es erscheint fast wie ein Omen – strandet auf der Insel ein toter junger Wal, der für viel Aufregung sorgt. Und dann kommt es tatsächlich zur großen Katastrophe. Gegen die jedoch kein warmer Mantel helfen würde. So ist das Leben – nicht nur an der See.

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