LITERATUR

Von Snobs und Salonlöwen

Top-Autor Julian Barnes befasst sich in seinem Werk „Der Mann im roten Rock” mit dem Leben des französischen Mediziners Samuel Pozzi und bietet zugleich ein fesselndes Porträt der Belle Époque.
Julian Barnes: Der Mann im roten Rock. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2021
Julian Barnes: Der Mann im roten Rock. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2021 Kiepenheuer & Witsch
Neubrandenburg ·

Einer jener Snobs soll nach einem so strengen Rotationsprinzip mit seinen Mätressen geschlafen haben, dass die Kutschpferde von allein am jeweiligen Tag bei der jeweiligen Adresse stehen blieben. Diese bartgepflegten Typen sahen aus wie Spielkartenkönige, ihre Fremdgänge gehörten zum guten Ton. Es war die Zeit der Narzissten, der Chauvinisten, der launenhaften und liebestollen Diven, Glücksspieler, Morphinsüchtigen. Nicht nur dabei, sondern mittendrin: Der französische Chirurg und Gynäkologe Dr. Samuel Pozzi (1846-1918). Mit dieser schillernden Figur befasst sich Julian Barnes, der mit seinem Freund Ian McEwan das Top-Duo der britischen Gegenwartsliteratur bildet, in der Biografie „Der Mann im roten Rock“.

Die große Qualität des (üppig illustrierten) Barnes-Buches: Der bekennend frankophile Autor liefert mit sprachlicher Eleganz, viel Sinn fürs Detail, auch fürs pikante, und enormer Recherche-Akribie zugleich ein fesselndes Zeitporträt: Die Belle Époque und ihre Anarchisten. Der Deutsch-Französische Krieg 1870/1871 kostete den Verlierer weniger als die folgende Reblausplage den Weinanbau, sodass im Frankreich jener Jahre das Dandy- und Mäzenatentum Blüten treiben durfte. Dichtung, Kunst und Wissenschaft waren sich – heute kaum vorstellbar – ganz nah.

Eine bunte Schar Exzentriker

Charismatiker hatten Hochkonjunktur. Der Möchtegern-Schriftsteller Robert de Montesquiou, Marcel Proust, diverse Skandal-Journalisten, die exzentrische, später beinamputierte Star-Schauspielerin Sarah Bernhardt, die Brüder Goncourt, die ihr berühmt-berüchtigtes „Journal“ ebenso einvernehmlich verfassten, wie sie dieselbe Liebhaberin hatten – eine bunte Schar. Der theatralische Ire Oscar Wilde, der in Paris berühmt war, noch ehe er sich ans Schreiben machte, gehörte dazu.

Samuel Pozzi – „ekelhaft gut aussehend“, wie Alice, die Prinzessin von Monaco, äußerte – galt als chirurgischer Neuerer, eine Koryphäe. Er brachte die Gynäkologie voran, verfasste ein Lehrbuch zu dem Thema, das ein Standardwerk werden sollte. Man bedenke: Seinerzeit waren Meinungen noch nicht komplett Geschichte, dass vaginale Untersuchungen durch einen männlichen Arzt zu lockerer Moral bei Patientinnen führen könnten. Pozzi, ein wissbegieriger Darwinist, focht solch Unsinn nicht an. Parallel war er ein unglücklicher Ehemann und unverbesserlicher Don Juan, notorisch sexsüchtig, ein Salonlöwe, Bücher- und Kunstsammler, medizinischer Assistent blitz-beleidigter Duellanten. Einer, der sich politisch einmischte.

Klatsch und Tratsch geistreich eingeordnet

Biografien können schnell ins Langweilige abdriften, weil deren Schreiber allzu sklavisch den Fakten anhängen. Zu dieser Sorte zählt das Werk von Julian Barnes nicht, der vertritt ohnehin den Standpunkt: „Auf Biografien ist noch weniger Verlass als auf einen Roman.“ Es ist ein Genuss, wie Julian Barnes das (durch einen offenbar irren Patienten beendete) Leben Pozzis erzählt, Klatsch und Tratsch dabei nicht verbannt, sondern geistreich einordnet. Der versteht es, seine Leser bei der Stange zu halten.

Und immer wieder gelingt ihm zu verdeutlichen, wie fruchtbar die Verbindung zwischen Franzosen und Briten in Kunst und Wissenschaft seinerzeit war. Hier fährt Barnes die Bohème gegen den Brexit auf. In einem Nachwort schreibt er von „verblendetem, masochistischem Austritt“ seines Landes aus der Europäischen Union, Großbritannien begebe sich in „Selbstisolation“ und hocke „nun wieder in seiner Vergangenheit“.

Julian Barnes: Der Mann im roten Rock. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2021. 303 Seiten. 24 Euro. ISBN 978 – 3 – 462 – 05476 – 7.

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