Original Neubrandenburg: Im Video tauchen auch spontane Besucher auf.
Original Neubrandenburg: Im Video tauchen auch spontane Besucher auf. HUSH&HYPE
Marteria, Finch, Silbermond

„Wendekind”-Video bringt ganz viel Liebe für Neubrandenburg

Das „Wendekind”-Musikvideo aus Neubrandenburg, laut Marteria „eine der geilsten Städte überhaupt”, begeistert hunderttausende Fans. Ein Besuch bei den Drehorten.
Neubrandenburg

Das Ostalgie-Trio aus Marteria, Finch und Stefanie Kloß von Silbermond scheint einen Nerv getroffen zu haben. Nach nicht einmal einer Woche wurde ihr „Wendekind”-Video auf YouTube schon mehr als eine halbe Million Mal aufgerufen. Hinzu kommen fast noch einmal so viele Streams, allein auf Spotify. In dem Song thematisieren die drei ihre Jugend in Ostdeutschland nach dem Mauerfall und wählten als Kulisse für die besungene Tristesse die Plattenbauten von Neubrandenburg.

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Klar, immer eine gute Wahl, doch warum eigentlich genau diese Stadt? Der Rapper Marteria, der mit „Mein Rostock” schon seiner eigenen Heimatstadt eine donnernden Hymne gewidmet hat, brachte es auf Instagram auf den Punkt: Das Musikvideo haben sie „in einer der geilsten Städte, die es überhaupt gibt, in Neubrandenburg gedreht“, erklärte er. Später schrieb er noch unter einem Foto mit sich und Finch, grinsend in der Südstadt: „Was für ein schönes Video direkt aus Neubrandenburg. Danke, dass du uns die Kulisse für Wendekind bereitgestellt hast. Ich liebe diese Stadt und der Song passt einfach perfekt.”

Marteria feiert Neubrandenburg, das ist nun bekannt. Ein Konzert hat er hier trotzdem leider noch nicht gespielt. Immerhin kam er 1995 als Steppke zum Fußball-Knabenturnier des Nordkurier und führte die U13 von Hansa Rostock als Kapitän im Jahnsportforum an. Bis heute ist der Rapper großer Hansa-Fan und in einer Szene im „Wendekind”-Video ist neben ihm ein Sticker der Neubrandenburger Ultra-Gruppe „Vier Tore Power” (VTPNB) deutlich zu erkennen.

Seine Fans schätzen Marterias Worte über Neubrandenburg sehr. „Ihr habt mit eurem Lied dafür gesorgt, dass ich meine Heimatstadt doch nochmal mit ein bisschen mehr Liebe wahrnehme”, kommentierte eine Followerin bei Instagram.

Hintergrund: 2022 – Das Jahr der Ost-Erinnerungen

„Der Ossi, der ewig frustrierte Loser”

Die Resonanz auf den Song scheint überwiegend positiv zu sein, viele Fans fühlen sich mitgenommen und an ihre Jugend erinnert. Für manche steckt im Song aber zu viel Kitsch und Pessimismus. So schrieb eine Leserin auf der Facebook-Seite des Nordkurier: „Den 'Wendekindern' stand und steht die Welt offen, wenn man denn wollte. Verfehltes Rumgejammer. Ein Song über die Erfolge der Wendekinder wäre mal was!” Eine andere schrieb: „Wendekinder, der Ossi, der ewig frustrierte Loser. Darauf soll man als im Osten geborene/r stolz sein? Nein danke. Diese Attitüde des Textes gefällt mir gar nicht.”

Silbermond rechtfertigen sich vor Fans

Kritik mussten sich auch die Mitglieder von Silbermond anhören und zwar für die Zusammenarbeit mit dem Rapper Finch. Denn ausgerechnet auf der Single, auf der er „Wendekind” veröffentlicht hat, findet sich mit „Dorfdisko Zwei” ein Song, in dem er rappt, wie er sonst so rappt: übler Sexismus und unerträgliche Frauenverachtung. Was seine Fans vielleicht noch für ein gelungenes Stilmittel halten, trifft Silbermond-Fans deutlich sensibler, sodass die Band direkt am Veröffentlichungstag reagierte und sich auf Instagram für den gemeinsamen Song rechtfertigte. Die Botschaft darin sei ihnen wichtig gewesen, die Arbeit mit „Nils”, Finchs bürgerlicher Name, sei respektvoll verlaufen. Vorbehalte gegenüber seinem Stil würden sie aber verstehen.

Der Ossirapper Finch ist der einzige aus dem Trio, der schon ein Konzert in Neubrandenburg gegeben hat. Im Sommer trat er vor 5000 Fans auf dem Marktplatz auf, was die Idee zum Drehort geliefert haben dürfte. In ein paar Tagen will er wiederkommen: Am 26. November für eine Club-Show ins Colosseum.

Schauplätze mit Weitblick

Schauplätze des Videos sind etwa die Max-Adrion-Straße auf dem Datzeberg, die Neustrelitzer Straße in der Südstadt und die Semmelweisstraße in der Oststadt. Zudem haben sich die Drei „auch einen der schöneren Flecke der Vier-Tore-Stadt Neubrandenburg mit Weitblick ausgesucht”, sagt der Betreiber der Facebook-Seite „Quer durch Neubrandenburg”.

Hier hat er einige Szenen aus dem Video eigenen Fotos gegenübergestellt:

Fotos/Montage: "Quer durch Neubrandenburg" auf Facebook und Instagram

Den Aufnahmen vor Betonplatten-Kulisse hat die Dortmunder Produktionsfirma noch Szenen beigemischt, die gar nicht in Neubrandenburg, nicht einmal im Osten, sondern im Ruhrgebiet entstanden sind. Das sieht auch irgendwie marode aus, kratzt aber an der Ost-Authentizität, für die der Song stehen will.

Bürgermeister: Freut mich, dass Neubrandenburg gewürdigt wird

Neubrandenburgs Oberbürgermeister Silvio Witt freute sich trotzdem über „Wendekind”. Er kommentierte: „Es freut mich sehr, dass Neubrandenburg in diesem Video gewürdigt wird. Wir stehen selbstbewusst zur Architektur unserer Stadt. Der Text des Liedes beschreibt vieles, was Menschen meiner Generationen bewegt.”

Kritiker bemängelten da, dass dieses Selbstbewusstsein offensichtlich Grenzen habe. So ist das Hochhaus in der Waagestraße ein markanter DDR-Bau in der Innenstadt, soll aber bis 2024 abgerissen werden. Die Stadt verweist darauf, dass es 1991 als „städtebaulicher Missstand” deklariert wurde. Den eigentlichen Beschluss zum Abriss fassten die Stadtvertreter vor einigen Jahren.

An der Stelle soll dann ein neues, niedrigeres Wohnhaus errichtet werden und die Stadt hat dann ein Zeugnis der Wendezeit weniger. Aber vielleicht wird es ja irgendwann Schauplatz für einen neuen Song, im Jahr 2052, als Erinnerung an die Zeit der „Krisenkinder”?

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