ROMAN ÜBER RAF-STASI-CONNECTION

Wie sich ein Stasi-Mann in eine RAF-Terroristin verliebte

Die Geschichte der DDR-Aussteiger der Rote Armee Fraktion in den 80er-Jahren ist spannender als so mancher Krimi. Kein Wunder, dass ein Autorenduo den Stoff in einem Roman verarbeitete.
Die RAF-Terroristinnen Susanne Albrecht (l) und Silke Maier-Witt auf einem Fahndungsfoto 1977. Drei Jahre später fanden d
Die RAF-Terroristinnen Susanne Albrecht (l) und Silke Maier-Witt auf einem Fahndungsfoto 1977. Drei Jahre später fanden die beiden steckbrieflich gesuchten Frauen Unterschlupf in der DDR. Dpa
Silke Maier-Witt (rechts) und ihre Freundin Susanne Albrecht (links) auf einem Fahndungsplakat Ende der 70er Jahre. Beide tauc
Silke Maier-Witt (rechts) und ihre Freundin Susanne Albrecht (links) auf einem Fahndungsplakat Ende der 70er Jahre. Beide tauchten in der DDR ab. Bundeskriminalamt Wiesbaden/dpa
In dem konspirativen Objekt „Falke” bei Briesen wurden die RAF-Aussteiger auf ihr Leben in der DDR vorbereitet.
In dem konspirativen Objekt „Falke” bei Briesen wurden die RAF-Aussteiger auf ihr Leben in der DDR vorbereitet. BSTU
Silke Maier-Witt, hier in einem Prozess gegen die ehemalige RAF-Terroristin Verena Becker (l) 2011, ist eine der wenigen RAF-K
Silke Maier-Witt, hier in einem Prozess gegen die ehemalige RAF-Terroristin Verena Becker (l) 2011, ist eine der wenigen RAF-Kämpfer, die zu ihrer Vergangenheit stehen. Uwe Anspach
Ulrich Hutten und Robert Morgenroth haben das Leben einer RAF-Aussteigerin in einem Roman verarbeitet.
Ulrich Hutten und Robert Morgenroth haben das Leben einer RAF-Aussteigerin in einem Roman verarbeitet. Hutten/Morgenroth
Ulrich Hutten und Robert Morgenroth haben ihr drittes Buch gemeinsam geschrieben.
Ulrich Hutten und Robert Morgenroth haben ihr drittes Buch gemeinsam geschrieben. privat
Potsdam.

Das sorgte vor 30 Jahren für einen Aufschrei in Ost- und Westdeutschland: Nach und nach nahm die gerade gewendete DDR-Kriminalpolizei zehn RAF-Aussteiger fest, die seit 1980 beziehungsweise 1982 in der DDR untergetaucht waren. Allesamt wurden sie in der Bundesrepublik wegen der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung gesucht. Einige der Festgenommenen standen unter Mordverdacht: Susanne Albrecht, die die Mörder von Bank-Manager Jürgen Ponto in dessen Haus geführt hatte. Inge Viett, die unter anderem einen Polizisten in Paris lebensgefährlich angeschossen hatte. Henning Beer, der dabei war, als 1979 eine Passantin bei einem Banküberfall in Zürich erschossen wurde. Er fand 1982 in Neubrandenburg Unterschlupf.

Silke Maier-Witt dient als Vorbild

Zehn Jahre lang versteckte die Staatssicherheit die gesuchten Terroristen unter falschem Namen und mit einer erfundenen neuen Identität in der DDR. So auch Silke Maier-Witt, die in Hoyerswerda, Erfurt und Neubrandenburg untertauchte. Sie dient den Autoren Ulrich Hutten alias Bernt Armbruster und Robert Morgenroth als Vorbild für die Protagonistin Christine in „Der Alp und die Kinder“. Dabei orientieren sich die Erzähler sehr eng an der Realität: Die Vorbereitung der RAF-Aussteiger auf das Leben in der DDR in dem Stasi-Geheimobjekt Briesen zwischen Berlin und Frankfurt/Oder wird ebenso verarbeitet wie die Erfindung eines neuen Lebenslaufes und die enge „Betreuung“ der Ex-Kämpfer durch wenige eingeweihte Offiziere der MfS-Terrorabwehr.

Wie der Tanz auf einem Vulkan

Als sich Stasi-Mann Werner in Christine verliebt, fangen die Autoren an, zu erfinden. Der Geheimdienstler und die Ex-Terroristin können nicht voneinander lassen. Seine Dienstreisen zu der ehemaligen RAF-Kämpferin verschaffen dem verheirateten Werner ein ideales Alibi. In diesen Passagen spielen die Autoren geschickt auf dem schmalen Grat zwischen Realität und Fiktion, finden immer wieder treffende Formulierungen. „Es war ein Tanz auf dem Vulkan. Aber wir waren einander verfallen, rettungslos, vom ersten Augenblick an“, erinnert sich Christine später an die Beziehung. Doch Werners Doppelspiel bleibt seinen Stasi-Genossen nicht verborgen: Sie nehmen ihn fest. Plötzlich sitzt er im Verhörraum. Das liest sich wirklich spannend.

Wie kam der Stasi-Offizier ums Leben?

Zeitsprung, 30 Jahre später: Der einst erfolgreiche, nun aber altersdepressive Journalist Leonhard Ross flieht, gescheitert in der Liebe zu einer jüngeren Frau, nach Italien. Auf einem Campingplatz findet er seine Ruhe und eine geheimnisvolle Obdachlose, zu der er sich hingezogen fühlt. Sie erzählt ihm ihre Geschichte – die einer jungen Frau, die angefangen vom Widerstand gegen den Vietnamkrieg bei der RAF landet. Es handelt sich um Christine, die ihm auch ihre DDR-Geschichte preisgibt. Als sie erwähnt, dass ihr einstiger Geliebter Werner, der Stasi-Offizier, unter mysteriösen Umständen ums Leben kam, ist der journalistische Spürsinn Leonhards geweckt.

Die Autoren wollen vielleicht zu viel

Die Spannung, die Hutten und Morgenroth, einst selbst Journalisten aus Potsdam und Wiesbaden, am Anfang aufbauen, halten sie leider nicht durch. Vielleicht, weil sie zu viel wollen und sich zu dicht an der Realität entlang hangeln. NSU, antisemitische und rassistische Anschläge in Deutschland, AfD – alle großen Themen dieser Welt wollen sie irgendwie unterbringen in 200 Seiten.

Gute Belletristik lebt aber insbesondere vom Erfinden, Verdichten, vom Fabulieren. Schließlich steigert sich da Autoren-Duo auch noch in eine Utopie: eine Alterskommune in der Bretagne im Jahr 2041, in der Christine, Leonhard und sein Freund Paul umschlossen von einem diktatorisch regierten Frankreich die letzten Jahre bei gutem deutschen Wein genießen. Im Nachwort räumen die Autoren ein: „Wir haben uns wirklich alle Mühe gegeben. Wir können es einfach nicht. Einen richtigen Krimi schreiben.“ Leider, leider haben sie recht.

Die Geschichte als Krimi

Ulrich Hutten/Robert Morgenroth: Der Alp und die Kinder. Oder: Eine andere Welt ist möglich. Potsdam, 2020 (Eigenverlag). 211 Seiten, 16,80 Euro

Die Geschichte als Sachbuch

Frank Wilhelm: RAF im Osten. Terroristen unter dem Schutz der Stasi. Neubrandenburg, mecklenbook.de, 2019. 230 Seiten, zahlreiche Illustrationen, 14,95

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