Das Kurhotel Augustabad in seiner ursprünglichen Gestalt: Das Ehepaar Fontane hielt sich im Juni und Juli 1897 hier auf.
Das Kurhotel Augustabad in seiner ursprünglichen Gestalt: Das Ehepaar Fontane hielt sich im Juni und Juli 1897 hier auf. Repro: Andreas Hentschel
Hatte im Sommer 1897 täglich die Fontanes an Bord: das Dampfschiff „Fritz Reuter“. Neben der Erholung üb
Hatte im Sommer 1897 täglich die Fontanes an Bord: das Dampfschiff „Fritz Reuter“. Neben der Erholung überarbeitete der Schriftsteller damals seinen Roman „Der Stechlin“.Repros (3): a. Hentschel Repro: Andreas Hentschel
Literatur-Geschichte

Wie Theodor Fontane einst vom Tollensesee schwärmte

Auch von Neubrandenburg war der Autor begeistert. Bevor er im Sommervor 125 Jahren mit seiner Frau anreiste, gab es für Berlin und die Berliner deutliche Worte.
Neubrandenburg

„Seit die Nordbahn ihre eisernen Schienen von Berlin aus durch die mecklenburgischen Lande legte und damit dem Verkehr nach diesen Gegenden einen ungeahnten Aufschwung gab, hat sich auch die Schar der Touristen und Sommerfrischler mehr und mehr dem Lande der Obotriten zugewandt; sensationslüsterne Reisende werden dort kaum ihre Rechnung finden: an großen Zug- und Schaustücken mangelt es, die Schönheiten wollen ‚ausgesucht‘ sein. Wer wußte vor Erbauung der Nordbahn und ihrer Nebenlinien etwas von der ‚Mecklenburgischen Schweiz‘ bei Malchin, von den herrlichen Umgebungen des Tollensesees bei Neubrandenburg, von den in den Wäldern zwischen Strelitz und Feldberg versteckten Naturschönheiten? Wer kannte gar erst das kleine, einsame Landstädtchen an der ‚Linde‘, das von dem gewaltigen Turm der uralten Herzogsburg überragt wird? Wohl nur selten verirrte sich der Fuß eines märkischen Touristen in jene Gefilde, und es bedurfte erst der Anregung eines Theodor Fontane, um auf die Naturschönheiten und die Geschichte der engeren Heimat, der Mark Brandenburg mit ihren Nachbargebieten, aufmerksam zu werden.“

Das war im September 1897 in der in Berlin erscheinenden „Illustrirten Wochenschrift für vaterländische Geschichte“ mit dem Haupttitel „Der Bär“ zu lesen. Zu ihren Beziehern gehörte Theodor Fontane, der mit dem Autor des Textes, Paul Münde, bekannt war. Münde war einer der beiden Vereinsvorsitzenden des „Touristen-Clubs für die Mark Brandenburg“. Er gehörte der Abordnung an, die 1895 Fontane in seiner Berliner Wohnung besucht hatte. Man feierte den Schriftsteller als „geistigen Begründer“ des Clubs und machte ihn zum Ehrenmitglied.

Sommerfrische mit „sehr angenehmen Wochen“

Mündes im „Bär“ erschienener Text könnte nach einem Besuch bei Fontane in Neubrandenburg entstanden sein, als der dort mit seinen Angehörigen zur Sommerfrische weilte. Die Quellen dazu sind spärlich und ergeben sich lediglich aus einer Tagebucheintragung Fontanes und wenigen Passagen in Briefen.

In einem Notizbuch vermerkte Fontane: „Statt Waren am Müritzsee hatten wir diesmal Neu-Brandenburg am Tollense-See gewählt. Wir wohnten in dem eine Viertelmeile vor der Stadt gelegenen Augusta-Bad, halb Hotel, halb Sanatorium, und verbrachten daselbst vier oder fünf sehr angenehme Wochen. Über nichts war Klage zu führen, einzig und allein die Mücken abgerechnet ... Wie der Aufenthalt im Augustabad, so war auch der in Neu-Brandenburg immer sehr angenehm. Die Mecklenburger wissen zu leben. ... Ende Juli war ich aus der Fritz-Reuter-Stadt (ein Dampfschiff ‚Fritz Reuter‘ fuhr uns täglich über den See) wieder nach Berlin zurück.“

Ein erster Hinweis auf das Geschehen findet sich in einem Schreiben Fontanes vom 6. Juni 1897 an seinen Verleger Wilhelm Ludwig Hertz: „Am Mittwoch will ich mit Frau und Tochter nach ‚Nigen-Bramborg‘ abdampfen, um Preußen zu vergessen, wozu Fritz Reuters Heimat – als eine Art Gegensatz – die beste Gelegenheit bietet. In Augusta-Bad bei Neubrandenburg, am Ufer des Tollensee-Sees will ich auch endlich an die Korrektur bzw. Anordnung meiner Gedichte für die fünfte Auflage gehen. Ich bin gern in Mecklenburg wie in allen Ländern und Städten, die man in dem öden und dämlichen Berlinertum unserer Jugend für Plätze zweiten Ranges hielt, während sie unserem elenden Nest immer überlegen waren.“ Am 9. Juni 1897 bezogen die Fontanes ihre Zimmer im Kurhotel Augustabad.

Hotel am Tollensesee wurde im Sommer 1895 eröffnet

Erstmals erwähnt wurde es 1895 in der Publikation „Mecklenburgs Perle“ von Erika Weber über Neubrandenburg. Darin hieß es: „Am 10. Juli 1895 wurde das ‚Augusta-Bad‘, das sich durch wundervolle Lage am See, durch Eleganz und vornehme Bauart vorteilhaft auszeichnet, eröffnet. Es enthält 36 mit allem der Neuzeit entsprechenden Komfort eingerichtete Fremdenzimmer, einen Speisesaal, zwei Restaurationszimmer, Badezimmer, viele Balkons und zwei große Veranden. Schön gepflegte Gartenanlagen, Spielplätze sowie ein Pavillon am See gehören mit zum Hotel.“

Es war im Besitz einer Aktiengesellschaft, deren Papiere mehrheitlich Neubrandenburger besaßen. Der Name des einst größten Sichtfachwerkbaus Norddeutschlands war eine Referenz an die Großherzogin Augusta Caroline von Mecklenburg-Strelitz (1822-1916). Bald entstanden in der Umgebung weitere Objekte, während das ursprüngliche Kurhotel 1929 modernisiert wurde und sich danach vollkommen verändert präsentierte. Das ermöglichte später die Nutzung durch die deutschen und dann sowjetischen Militärs. Die einstige „Villenkolonie Augustabad“ wurde Sperrgebiet, welches sich nach der Wende wieder der Allgemeinheit öffnete.

Das Hotel wurde 2005 nach jahrelangem Leerstand abgerissen. Derzeit bedienen sich das Strandbad und eine anliegende Straße des Namens.

Es ist wenig bekannt über das Leben und Treiben der Fontanes in „Neu-Brandenburg/Augusta-Bad“, wie der Schriftsteller seinen Aufenthaltsort in einem Schreiben an Brieffreund Georg Friedländer am 21. Juni 1897 nannte. Dann berichtet er, dass ihn ein neuer Roman mit seinen letzten Kapiteln in Anspruch nehme. „Am 15. August soll er in Stuttgart sein und da heißt es denn sich ranhalten, da die Korrektur von etwa 600 Seiten noch ein hübsches und schwieriges Stück Arbeit ist.“ Es handelte sich um den „Stechlin“. Zur gleichen Zeit ließen die Fontanes ihre Bekannte Emilie Zöllner wissen: „Mit unserem Aufenthalt haben wir Ursach zufrieden zu sein. Alles ist still und friedlich; wir haben Spaziergänge, Schlaf und gutes Essen. Mecklenburg ist kein leerer Wahn.“

Schwäne oder Wellenkämme vom Ehepaar gesichtet

Am 17. Juli 1897 kehrte das Ehepaar Fontane nach Berlin zurück, wo sie bereits ihre vor ihnen abgereiste Tochter Martha erwartete. Ihr hatte Fontane zuvor brieflich mitgeteilt: „Das Leben ist unverändert. Abends fahren die jungen Mädchen auf den See hinaus und singen und brennen Feuerwerk ab, was reizend aussieht; heute haben sich auch Schwäne eingestellt, wenn es nicht Wellenkämme waren. Mama hat zwar durch ihr ‚Glas‘ Schwäne festgestellt, aber das hat mich in meinen Zweifeln bestärkt. Ich will mich nun anziehn und meinen Abendspaziergang zwischen den Kornfeldern machen.“

Zurück in Berlin verwandelte sich Fontane wieder in eine „Arbeitsmaschine“, um Mitte August die Korrektoren an der Neuausgabe seiner Gedichte und am „Stechlin“ abzuschließen.

Nun fand er wieder Zeit zur Lektüre des „Bären“, zumal er durch Paul Mündes Texte an seinen Aufenthalt in der Region erinnert wurde. In einer September-Ausgabe 1897 bemerkte Münde über vergangenes und aktuelles Geschehen rund um den Tollensesee: „Nicht zu verwundern ist es, wenn die mecklenburgischen Ritter ihre von ihrem Standpunkte aus wohl erworbenen Rechte mit großer Zähigkeit durch die Jahrhunderte und bis auf den heutigen Tag verteidigt haben, und daß infolge dessen die gleich mäßigere und gerechtere Verteilung der Rechte und Pflichten zwischen Regierung, Rittern und Bürgern noch immer nicht zu stande gekommen ist. So ragt denn die alte ständische Verfassung in ihrer mittelalterlichen Gestaltung etwas fremdartig in die moderne Weltordnung hinein, und es wird wohl noch mancher Zentner Papier verschrieben werden, ehe die Streitfrage zur Ruhe kommt.“

Verehrer von Fritz Reuter zum Reisen ermuntert

Nach einer Schilderung der Wandermöglichkeiten um den Tollensesee endete der Text Mündes: „Da liegt die freundliche Stadt mit dem himmelanstrebenden Turm der Marienkirche, mit den vielgerühmten, wohlerhaltenen gotischen Thoren, mit den trutzigen Mauern, den Hängeltürmen und Wiekhäusern. Links aber dehnt sich in endloser Weite der Tollensesee aus mit den von bewaldeten Bergen umrahmten Ufern; zwischen dem Wald und der Stadt zeigt sich das Kloster Broda, und daneben auf waldiger Höhe das ‚Belvedere‘ oder, wie Fritz Reuter, an den hier fast jedes Fleckchen erinnert, den Kammerdiener Rand sagen läßt, ‚Belmandür’; ‚een Belmandür möt wi hebben; alle hochen Herrschaften hebben een Belmandür, blot wi allein nich!’ Die zahlreichen Verehrer der Reuterschen Muse werden sicher gern mal die Gelegenheit benutzen, hier, an Ort und Stelle, sich all die teils treuherzigen, teils so harmlos schalkhaften Erzählungen ins Gedächtnis zurückzurufen und den Genuß, den sie schon beim Lesen gehabt haben, zu erneuern.“

Theodor Fontane sollte dazu keine Gelegenheit mehr haben. Er starb am 20. September 1898 in Berlin.

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