INTERVIEW MIT "WACKEN"-GRÜNDER THOMAS JENSEN

„Wir sind eine Familie“

Vor 25 Jahren wurde der Grundstein dafür gelegt, dass ein Dorf in Schleswig-Holstein zum Mekka der Rock-Fans aus aller Welt und zum popkulturellen Phänomen avancierte. Heute steht der Namen „Wacken“ synonym für DAS Festival für Fans harter Klänge. Wir trafen Festival-Gründer Thomas Jensen (48) zum Gespräch.
André Wesche André Wesche
Thomas Jensen, Gründer und Veranstalter des Heavy Metal Festivals in Wacken.
Thomas Jensen, Gründer und Veranstalter des Heavy Metal Festivals in Wacken. Bis zum Samstag werden in der kleinen Gemeinde rund 75.000 Besucher erwartet. Carsten Rehder/dpa
Wacken.

Herr Jensen, Sie feiern 25 Jahre Wacken Open Air und einen gelungenen Kinofilm. Wie hat alles angefangen?

Wir waren und wir sind Rock- und Metal-Fans aus der Region. Holger Hübner, Andy Göser, der heute mit „Skyline“ spielt, mein Bruder Jörg und ich hatten die Idee, Rockpartys im Gasthof zu organisieren. Eine Liveband gehörte zum Konzept. In der Regel war das unsere eigene Band „Skyline“, aber manchmal auch andere. Wir haben wenig Eintritt verlangt und den Ausschank selbst gemacht, um Kosten zu sparen. Wenn man es ganz ´runter bricht, machen wir es ja heute noch genauso. Wir machen die Gastronomie selbst. Wir versuchen, den Eintrittspreis für das, was geboten wird, relativ gering zu halten. Und so ziehen wir immer noch unsere Party auf, deren Schwerpunkt auf Heavy Metal liegt.

Wie wurde aus der Party im Gasthof das Festival?

Die Biker aus dem Großraum haben ihr jährliches Treffen in der gemeindeeigenen Kuhle abgehalten, dort, wo heute unser „Artist Village“ und die Produktion untergebracht sind. Das brachte uns auf die Idee, ein Open Air zu veranstalten. Holger kannte das Roskilde-Festival und viele skandinavische Geschichten. Er sagte, dass das Ding mehrere Tage dauern muss und dass wir unbedingt einen Campingplatz brauchen. Alles ist dann aus einem permanenten Dialog entstanden. Wir haben viel mit den Leuten von der Ton- und Licht-Crew geredet, die am Anfang natürlich alle viel mehr Erfahrung hatten als wir. Manche von ihnen hatten schon große Tourneen mitgemacht. Das war für uns ganz großes Kino.

Haben Sie von Anfang an von den ganz großen Bands geträumt?       

Nee. Ziel war eine amtliche Party und dafür brauchten wir schon größere Bands. Aber dass es einmal diese Dimensionen annehmen würde, hätte keiner zu träumen gewagt. Es hat ja auch eine Weile gedauert. Im ersten Jahr hatten wir achthundert Leute, das war für die damalige Zeit schon gar nicht schlecht. Am Freitag haben wir abwechselnd eine halbe Stunde gespielt, dann hat eine Stunde die Disco aufgelegt. Das „normale“ Konzert war eher am Samstag. Da spielten lokale Bands, vor allem aus Hamburg, „5th Avenue“ zum Beispiel oder „Wizard“ aus der Lüneburger Heide. Dieser Tag ähnelte dann schon eher einem Festival.

Wacken ist jedes Jahr gewachsen und immer früher ausverkauft. Sehnen Sie sich manchmal nach den beschaulichen Anfangszeiten zurück?

Das Wachstum hat natürlich eine zunehmende Professionalisierung mit sich gebracht. Früher war ich an jedem Gewerk irgendwie beteiligt. Ich habe ein bisschen Ahnung von Gastronomie, ich kann eine Bühne aufbauen und kenne mich ein bisschen im Stage-Management aus. Heute haben wir ein starkes Team, die A-Liga Deutschlands, oft auch im internationalen Maßstab. Das macht schon richtig Spaß. Sehnt man sich zurück? Na gut, man war jung. Und wusste Partys zu feiern.

Wie viele Arbeitstage stecken im Festivalwochenende?

Tatsächlich kommen wir mit dem Zeitraum von einem Jahr nicht mehr aus. Man braucht 15 bis 18 Monate für diese Veranstaltung. Wir beschäftigen uns schon länger mit 2015. Die Gewerke sind so vielfältig. Bei uns steckt keine große Agentur dahinter, die dem örtlichen Veranstalter die ganze Infrastruktur vom Halse hält oder die das Booking erledigt. Wir kennen uns bei allem selbst aus und können auf langjährige Erfahrungen zurückgreifen. Ich habe schon als Caterer für „Overkill“ Chili con Carne gekocht oder als Security-Mann bei „Blümchen“ im Graben gestanden und achthundert Teenies im Zaum gehalten.

Was versprechen Sie sich von dem 3D-Film? Werbung brauchen Sie ja offensichtlich nicht.

Wir hatten schon immer große Lust, die Nummer hier auch zu dokumentieren. Es gab schon den Gedanken, Konzerte live im Kino zu übertragen, um auch Leute teilhaben zu lassen, die keine Tickets mehr bekommen oder die erstmal Berührungsängste haben. Natürlich werden eine DVD oder ein Kinofilm nie die Livenummer ersetzen können. Aber mit 3D kommen wir schon nahe an die „Wacken-Experience“ heran.

Stimmt es, dass Sie bei der Auswahl der Bands auf die Wünsche der Besucher eingehen? 

Ja. Jedes Feedback ist für uns von großer Bedeutung. Wir führen ständig Diskussionen mit der Crew, dem Dorf, den Behörden und hauptsächlich natürlich mit den Fans. Was wollen sie, was wollen sie nicht? Was sollen wir verändern, was sollen wir besser machen? Was man dann nach anderthalb Jahren hier erlebt, ist der Kompromiss aus all den Meinungen.

Wenn man eine Band „Skyline“ nennt, schwingt dann ein bisschen Fernweh mit? Oder holen Sie sich die große, weite Welt lieber nach Hause?

Ich war mit „Saxon“ schon zehn Jahre lang auf Tour rund um den halben Globus. Heute fokussiere ich mich mehr auf die Familie und den Nachwuchs. 

Was ist aus dem Gedanken geworden, Wacken zu exportieren, etwa nach São Paulo?

Es hat sich als sehr schwierig erwiesen, dafür das richtige Setup zu finden. Deshalb ist die Entscheidung gefallen, dass Wacken nur in Wacken sein kann. Was nicht heißt, dass wir nicht auch anderswo auf der Welt für die Fans unterwegs sind. Diese Veranstaltungen werden aber nicht den Namen „Wacken“ tragen. Wir unterstützen zum Beispiel das indische „Bangalore Open Air“.

Wacken gilt als eines der friedlichsten Open Airs weltweit. Wie erklären Sie sich das?

Wenn man sich die Familie einlädt, dürfte es in der Regel eigentlich keinen Stress geben, das haben wir uns immer gesagt. Wir sind eine Familie. Man hat seine Kumpels um sich und Leute, die einen gemeinsamen Nenner haben. Und dieser Nenner ist Metal. Es gibt hier eine große Selbstdisziplin. Gerade in den Anfangsjahren haben wir es oft erlebt, dass gestandene Rocker den Jüngeren gesagt haben: „Alter, mach´ jetzt mal langsam.“. Dann funktioniert das auch. Außerdem sollen die Leute hier ja durchdrehen. Wacken steht für Party, Freiheit und die Sau ´rauslassen. Aber in diesem ganzen Ding herrscht eine friedliche Grundstimmung. Ich habe Schlagerpartys erlebt, bei denen ältere Damen mit dem Regenschirm aufeinander losgegangen sind.

StadtLandKlassik - Konzert in Wacken

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