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Rezension

Das Leben in den Häusern der anderen

Neubrandenburg / Lesedauer: 5 min

Hierzulande kennt man vor allem das Schicksal jener Menschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg östlich der heutigen Grenze ihr Hab und Gut verloren. Ein neues Buch weitet die Perspektive.
Veröffentlicht:12.02.2023, 11:40

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Die Vergangenheit liegt in Schichten über den Orten und in den Dingen. Nicht immer gleich sichtbar, aber spürbar – und für den, der sehen will, öffnet sich eine Tür in eine andere Welt. Das neue Buch der polnischen Autorin Karolina Kuszyk mit dem Titel „In den Häusern der anderen“ ist so ein Türöffner.

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Die 1977 in Legnica, bis 1945 das niederschlesische Liegnitz, geborene Autorin stellt auf viele Arten die Frage, wie es den Bewohnern des heutigen Westpolens in den ehemals deutschen Gebieten ergangen ist. Das alles ausgehend von der eigenen Erfahrung, anders als Menschen in Warschau oder Lublin „in einer nie ganz als eigen empfundenen Landschaft zu leben, die mit dem Gefühl verknüpft war, dass die Geschichte meiner Stadt und ihres Umlands ein schambehaftetes Geheimnis in sich barg“.

Das Deutsche war nach 1945 in den nach polnischer Formulierung „wiedergewonnenen Gebieten“ ja nicht weg, auch wenn die meisten Deutschen weg waren. Es steckte in den Möbeln, in den Löffeln, in den Kellern; es war auf den Fassaden, manchmal nur notdürftig übertüncht, bis es doch wieder durchdrückte. Kuszyk erzählt eine Geschichte dieser Dinge und jener Menschen, die mit ihnen lebten.

„Es war nicht schön, das deutsche Zeug zu benutzen“, so lautet eine Kapitelüberschrift. Kuszyk beschreibt hier an vielen Beispielen, wie sich das Verhältnis zu den vorgefundenen Dingen mit den Jahrzehnten wandelte. Die ersten Neuankömmlinge standen vielem skeptisch gegenüber, sie hatten zum Teil noch nicht einmal ein Wort oder Namen dafür. Doch das wandelte sich mit der Zeit, die Dinge wurden in Besitz genommen und sind heute teilweise selbst zum eigenen Erbe, zu Familienstücken geworden. Die Biografien der Dinge verflechten sich mit denen der Menschen und damit auch über Generationen und Grenzen hinweg.

Die großen Linien zeigen sich in den Details

Das Deutsche, das im Nachkriegs-Polen offiziell tabuisiert war, wirkte vor allem auf die später dort Geborenen als Faszinosum, als Geheimnis, als Schauer durch alte Gräber mit unverständlichen Inschriften auf alten Grabsteinen. Der mit diesen Dingen mitunter verbundene Mythos findet sich etwa in der Geschichte des „Goldzuges“ vom Zamek Ksiaz (Schloss Fürstenstein) in Wałbrzych, dem damaligen Waldenburg: Die Suche nach dem verschollenen Zug, in dem sich deutsche Reichtümer befinden sollten, elektrisierte vor einigen Jahren die polnische und die deutsche Öffentlichkeit gleichermaßen. Gefunden wurde der Zug allerdings nicht; ob er überhaupt existiert, ist ungewiss. Der Goldzug ist damit einer jener paradoxen Schätze, die nur so lange wertvoll für alle sind, solange sie nicht gefunden werden.

Karolina Kuszyk erzählt in ihrem Buch Geschichte und Geschichten, zeigt die großen historischen Linien in den Details der kleinen Dinge. Es ist ein faszinierendes Panorama bis in die Details, die sie ausbreitet, wenn sie von Schüsseln, Dachböden und Postkarten schreibt, aber auch von deutsch-polnischen Begegnungen und Literatur.

Im Polnischen gibt es das Wort „Poniemieckie“, das auch der Titel des zuerst in Polen erschienenen Buches ist. Es lässt sich am besten noch mit „postdeutsch“ oder „nachdeutsch“ übersetzen. Karolina Kuszyk hat die vielen Ausdrücke und Formen dieses Phänomens in eine Form gebracht, was den Erfolg des Buches in Polen erklärt. Nach dem Tabu im Sozialismus folgt eine Phase der (Wieder-)Entdeckung. Kuszyk sagt dazu: „In der polnischen Literatur wimmelt es seit den 1990er-Jahren auch von alten deutschen Tischen, Öfen, Schränken, Gemälden, Fotografien und Geschirren. Sie werden mit demonstrativer Empathie behandelt und gern zu Tellerchen, Väschen oder Schränkchen verkleinert.“

Auch viele Polen wurden von Stalin vertrieben

„In den Häusern der anderen“ ist keine wissenschaftliche Arbeit, sondern eine persönliche Entdeckungsreise, auf die Karolina Kuszyk ihre Leser mitnimmt. Denn in Legnica, ihrer Heimat, liegen viele Vergangenheiten wie Schichten übereinander. Im ehemals deutschen Liegnitz leben seit 1945 nun Menschen, die ihrerseits aus ihrer Heimat im damaligen Ostpolen durch die von Stalin initiierte Westverschiebung Polens vertrieben worden sind. Vertriebene aus dem Osten schliefen in den Betten der noch weiter nach Westen Vertriebenen.

Bis 1993 war Legnica Hauptstationierungsort der Sowjetarmee in Polen. Kuszyk beschreibt anschaulich, wie sich Polen und die Besetzer aus der Sowjetunion zu Zeiten des Sozialismus fremd blieben, wiewohl letztere im Alltag präsent waren, anders als die Deutschen: „Sie spielten auf alten deutschen Klavieren und mit den Nerven der polnischen Verwaltung.“ Überall in West- und Nordpolen überlagern sich bis heute polnische, deutsche und dazu auch noch sowjetische Spuren.

Karolina Kuszyks Buch ist eine Geschichte vom Kommen und Gehen, Fliehen und Bleiben. Von Augenblicken und Gerüchen, von den großen Linien in und hinter den kleinen Dingen. Ein unbedingt lesenswertes Buch zum Nachfühlen und Verstehen.

Karolina Kuszyk; In den Häusern der anderen – Spuren deutscher Vergangenheit in Westpolen, Ch. Links Verlag, ISBN 978-3-96289-146-6, 25 Euro.