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Defa-Film

Ein Sommer an der Seite von Lütt Matten

Friedland / Lesedauer: 7 min

Benno Pludras Erzählung „Lütt Matten und die weiße Muschel“ kam vor 60 Jahren heraus. Gerlinde Bauszus sprach mit Heike Kahl über die Dreharbeiten.
Veröffentlicht:16.12.2023, 11:27

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Am 24. Januar feiert der Film seinen 60. Geburtstag. Wie haben Sie damals als Siebenjährige diese Premiere in Berlin erlebt?

Als sehr außergewöhnlich. Natürlich fühlte ich mich auch ein wenig gebauchpinselt, als wir mit einem großen Tatra zur Premiere abgeholt wurden. Vor lauter Aufregung bekam ich Nasenbluten, riss eine Foto-Ecke ab und steckte sie in meine Nase. Das Bild gibt es übrigens immer noch. (lacht laut und herzlich) Im Kino dann fand ich es besonders toll, in der ersten Reihe zu sitzen.

Wenn Sie an die Dreharbeiten auf Hiddensee zurückdenken, was ist Ihnen am deutlichsten in Erinnerung geblieben?

Zunächst dieser wunderbare, freie Sommer. Wie ein riesengroßes Ferienmärchen. Und ich erinnere mich an einzelne Szenen, etwa die, in der ich Lütt Matten die Seeschlange zeige und „Großvadding“ sagt: „Na ja, sie hatte schon immer viel Fantasie.“ Am Beeindruckendsten aber fand ich das Eingebunden- und Aufgehobensein in dieser großen Filmfamilie. Wir drei Kinder fühlten uns wie Häschen im Korb. Alle kümmerten sich. Vor allem Herrmann Zschoche mochten wir gern, der eine besondere Fähigkeit hatte, mit uns umzugehen.

Wie lange gingen die Dreharbeiten?

Gefühlt den ganzen Sommer, in Wirklichkeit acht oder zehn Wochen. Es gibt ein Interview, in dem Herrmann Zschoche über den Luxus spricht, den ihm die Defa als Regisseur zugestanden hat. Da war keiner, der verlangt hätte, der Film müsse in zehn Drehtagen stehen. Es hat eben gedauert, wie es gedauert hat. Wahrscheinlich haben wir uns auch deshalb so wohlgefühlt - Drehtage ohne jeglichen Zeitdruck.

Der Vater von Lütt Matten (Erik S. Klein) mit Kaule (li., Joachim Krause), Lütt Matten (Lutz Bosselmann) und Mariken (Heike Lange) 
Der Vater von Lütt Matten (Erik S. Klein) mit Kaule (li., Joachim Krause), Lütt Matten (Lutz Bosselmann) und Mariken (Heike Lange)  (Foto: © DEFA-Stiftung/Hans-Joachim Zillmer)

Die Inselkinder haben sich sicher auch über die Abwechslung gefreut.

Absolut. Die haben sogar in einigen Szenen mitgespielt. Auch in der Freizeit stromerten wir gemeinsam über die Insel.

Ist diese Verbindung zu Hiddensee geblieben?

Auf jeden Fall, wenngleich erst Jahre später. Die Dreharbeiten waren ein prägendes Ereignis für mich, danach aber habe ich mich anderen Dingen zugewendet: Sport, Studium, Beziehung, Kind. Als Erwachsene fuhr ich dann öfter zur Insel, die nach wie vor einen großen Reiz für mich hat. Jeden Sommer lief auch der Film im Zeltkino, und voriges Jahr gab es eine Sonderausstellung im Museum. „Lütt Matten“ spielt also immer noch eine große Rolle auf Hiddensee.

Wie wurden Sie als Mariken entdeckt?

Die Filmcrew suchte seinerzeit lange nach einem blonden Mädchen und wurde nicht fündig. Also gingen sie durch Rostocker Schulen und entdeckten dabei auch mich. Beim Casting auf einem Schiff, das im Hafen ankerte, hatte ich das Glück, nicht gleich die erste Vorsprecherin zu sein. So konnte ich hören, wie die anderen Mädels ihren Text vortrugen. Ich fand das langweilig und dachte: So sagt man das doch nicht, ist doch kein Gedicht.

Wie sah Ihre Version aus?

Als ich dran war, rannte ich über das ganze Schiff und rief laut: „Lütt Matten, lütt Matten, din Rüs hät fischt!“ Als Mecklenburgerin konnte ich auch das R richtig gut rollen. Danach war ich mir ziemlich sicher, die Rolle zu bekommen. Meine Eltern allerdings nicht. „Da waren so viele Kinder, das wird nichts“, beteuerten sie immerzu.

Wie ging es weiter?

Ein Telegramm mit der Einladung zu Probeaufnahmen in Babelsberg flatterte ins Haus. Dort musste ich noch mal vorsprechen, etwas spielen und bekam die Rolle.

Mariken und Lütt Matten  
Mariken und Lütt Matten   (Foto: © DEFA-Stiftung/Hans-Joachim Zillmer)

Gefiel Ihnen die Rolle?

Oh ja, sehr. Deshalb fiel mir alles auch so leicht. Weil ich mich mit diesem Mädchen gut identifizieren konnte. Es waren ja auch immer nur kleine Passagen, die man lernen musste. Das hatte alles etwas Spielerisches, im besten Sinne.

Wieviel Heike Kahl steckt in Mariken?

Jeder, der mich im Film sah und heute erlebt, sagt: „Eigentlich hast du dich überhaupt nicht verändert.“ (lacht) Klar bin ich älter, reifer geworden. Aber von meinem Habitus, der Art, wie ich bin, steckt viel in Mariken, zum Beispiel, Lütt Matten als Freundin beizustehen. Gleichzeitig Dinge infrage zu stellen, die er macht. Im Film gibt es auch Passagen, wo ich über Wiesen renne. Das ist etwas, was mir sehr gemäß ist: durch die Welt laufen, neugierig, offen sein für alle Lebensdinge.

Kannten Sie seinerzeit das Buch von Benno Pludra?

Nein, aber als ich die Geschichte während der Dreharbeiten kennenlernte, spürte ich, dies ist nicht nur eine Kindergeschichte. Hier ging es darum, wie ernst Eltern die Bedürfnisse der Kinder, ihre Gedanken, nehmen. Oder ob sie einfach weggewischt werden. Diese Dimension war mir durchaus bewusst. Vielleicht nicht so reflektiert, aber sie war da.

Sie sind Germanistin. Haben Sie sich auch im Nachgang mit Pludras Schaffen beschäftigt? Sind Sie ihm persönlich begegnet?

Das nicht. Aber ich habe „Lütt Matten“ in einem meiner Seminare für Kinderliteratur aufgenommen. Nicht, weil ich in dem Film mitgespielt habe, sondern weil es eine bemerkenswerte, gute Geschichte ist. Es war die Zugewandtheit Benno Pludras zu den Kindern, die ihn ebenso ausmachte wie Herrmann Zschoche.

Hatten Sie nach Ihrem Filmdebüt Lust auf mehr?

Wäre ich gefragt worden, hätte ich es sicher gern gemacht. Doch an so was habe ich gar nicht gedacht. Darüber wundere ich mich heute selbst manchmal. Aber für mich war völlig klar; du hast jetzt einen Film gemacht, das war super, und nun fängt etwas anderes an.

Wie war es, mit so „großen“ Defa-Schauspielern wie Erik S. Klein und Herbert Köfer zu drehen?

Die waren uns alle sehr wohlgesonnen. Wir liefen nie nur „nebenher“, sondern waren immer mittendrin. Eine große Selbstverständlichkeit. Ich kann mich an viele kleine Episoden erinnern, etwa wie Erik S. Klein zu uns kam, Erdnüsse verteilte und mit uns erzählte. Natürlich hatte ich als Kind nicht das Gefühl, dies wären besondere Menschen oder gar berühmte Schauspieler.

Wenn Sie sich heute auf der Leinwand sehen, wie fühlt sich das an?

Das ist schon schön. Besonders gern erinnere ich mich an meinen 60. Geburtstag. Meine Kollegen schenkten mir eine „Kinoveranstaltung“ mit Popcorn und allem drum und dran in einer Berliner Brauerei.

Wie kamen Sie eigentlich von Berlin nach Wittenborn?

Wittenborn war ein Zufall. Mein Mann und ich entdeckten das brachliegende Haus in dieser wunderschönen Gegend, bauten es gemeinsam wieder auf. Und dann war da noch diese Kirche. Engagierte Leute fanden sich zusammen und überlegten, wie kriegt man Leben, neuen Zusammenhalt, in dieses kleine Dorf, wo es kaum kulturelle Anknüpfungspunkte gibt. Da bot sich die Kirche an, die lange leer stand. Dann haben wir losgelegt.

Wird es zum 60. Film-Geburtstag eine Vorführung in „Ihrer“ Kinokirche geben?

Nein, aber als wir vor fünf Jahren mit unserer Vereinsarbeit anfingen, haben wir „Lütt Matten“ gezeigt. Es gab eine Gesprächsrunde, in der viele Erinnerungen ausgetauscht wurden: an jene Zeit, die eigene Kindheit, und wie das damals war in der DDR.

Am 17. 12. findet um 16 Uhr in der Wittenborner Kirche (bei Friedland) ein Weihnachtssingen statt, zu dem jeder willkommen ist.

Zur Person Heike Kahl (geb. Lange)

1955 in Rostock geboren, Hauptrolle im Defa-Kinderfilm „Lütt Matten und die weiße Muschel“
ab 1969 Kinder- und Jugendsportschule Berlin
1975 Vize-Weltmeisterin im Eisschnelllauf
1976 Olympia-Teilnahme
Germanistik-Studium in Berlin, Promotion
bis 1991 wissenschaftliche Mitarbeiterin, Akademie der Künste Berlin
Schulentwicklungsplanerin beim Berliner Senat
1994 mit Rita Süssmuth Deutsche Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) gegründet, bis 2021 Geschäftsführerin
2013 Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland für ihren Einsatz im Bildungsbereich
lebt in Wittenborn (nahe Friedland) und engagiert sich mit ihrem Lebenspartner im Bürgerverein