StartseiteKulturRammstein-Schlagzeuger: „Till hat sich von uns entfernt“

Entfremdung in der Band

Rammstein-Schlagzeuger: „Till hat sich von uns entfernt“

Berlin / Lesedauer: 4 min

Mit dem Schlagzeuger Christoph Schneider hat sich erstmals ein Rammstein-Mitglied öffentlich zu den Vorwürfen gegen Frontsänger Till Lindemann geäußert.
Veröffentlicht:16.06.2023, 15:23

Artikel teilen:
Share via Email

Nach den öffentlichen Vorwürfen gegen die Band Rammstein und ihren Sänger Till Lindemann hat sich am Freitag erstmals der Schlagzeuger der Band, Christoph Schneider, zu diesem Thema geäußert. „Die Anschuldigungen der letzten Wochen haben uns als Band und mich als Menschen tief erschüttert. Euch Fans sicherlich ebenfalls“, schreibt der 57-Jährige in einer längeren Erklärung, die er auf seinem Instagram-Account veröffentlicht hat.

„Ich fühle mich wie im Schock durch die Dinge, die in den sozialen Medien und der Presse über unseren Sänger geteilt und gedruckt wurden.“ Für die Bandmitglieder und die Crew seien die Tage ein „Ab und Auf der Emotionen“ gewesen.

Zunächst stellt der Schlagzeuger klar, dass er nicht glaube, dass etwas strafrechtlich Relevantes wie der Einsatz von K.O.-Tropfen passiert sei. „Ich glaube nicht, dass etwas Verbotenes vor sich ging, habe so etwas nie beobachtet und dergleichen auch von niemandem aus unserer hundertköpfigen Crew gehört. Alles, was ich von Tills Partys mitbekommen habe, waren erwachsene Menschen, die miteinander gefeiert haben.“ Und trotzdem seien anscheinend Dinge passiert, die er persönlich nicht in Ordnung finde, auch wenn sie strafrechtlich nicht relevant seien. Eine von Lindemann beauftragte Anwaltskanzlei hatte unter anderem über den Einsatz von K.O.-Tropfen auf Partys bereits erklärt: „Diese Vorwürfe sind ausnahmslos unwahr.“

„Till hat sich von uns entfernt“

In den vergangenen Jahren seien „gewisse Strukturen“ gewachsen, die über Grenzen und Wertvorstellungen der restlichen Bandmitglieder hinausgehen würden. Schneider betont dabei in seiner Erklärung, dass es wichtig sei, die Partys von Till Lindemann nicht mit den offiziellen Aftershowpartys der Band zu verwechseln.

So habe sich Till Lindemann in den vergangenen Jahren von der Band entfernt und sich seine „eigene Blase“ geschaffen: „Mit eigenen Leuten, eigenen Partys, eigenen Projekten. Das hat mich traurig gemacht, definitiv.“

Über die berüchtigten Partys schreibt Schneider: „Ich glaube Till, wenn er uns sagt, dass er seinen privaten Gästen stets eine schöne Zeit bereiten wollte und will. Wie diese Gäste sich das genau vorgestellt hatten, unterscheidet sich jedoch anscheinend in einigen Fällen von seinen eigenen Vorstellungen. Die Wünsche und Erwartungen der Frauen, die sich jetzt gemeldet haben, wurden wohl nicht erfüllt. Sie haben sich laut ihren Aussagen unwohl gefühlt, am Rande einer für sie nicht mehr kontrollierbaren Situation. Das tut mir leid für sie und ich spüre Mitgefühl.“

Mehrere Frauen hatten in den vergangenen Tagen – teilweise anonym – Vorwürfe gegen Lindemann erhoben. Die Frauen schilderten Situationen, die sie teils als beängstigend empfunden hätten. Junge Frauen seien während Konzerten ausgewählt und gefragt worden, ob sie zur Aftershowparty kommen wollten. Dabei soll es nach Schilderungen einiger Frauen auch zu sexuellen Handlungen gekommen sein. Lindemann hatte Vorwürfe gegen ihn am vergangenen Donnerstag zurückgewiesen. Die Berliner Staatsanwaltschaft hat wegen eines Anfangsverdachts Ermittlungen aufgenommen.

Seit Bekanntwerden der Vorwürfe hatte sich noch kein Bandmitglied dazu öffentlich geäußert. Es gab nur eine kurze gemeinsame Erklärung der Band – und viele aktuelle Konzertbilder auf den Social-Media-Accounts. 

„Shelby hätte ein tolles Konzert verdient“

Christoph Schneider betont nun in seiner Erklärung: „Jedem Gast im Backstagebereich steht es frei, wieder zu gehen.“ Alle Flaschen seien versiegelt und würden vor den Augen der Gäste frisch geöffnet. Wasser und Snacks stünden genau wie Sicherheitspersonal und medizinische Versorgung jederzeit zur Verfügung. „Wir wollen, dass sich all unsere Gäste bei uns wohl und sicher fühlen! Das ist unser Standard. Deshalb tut es mir leid zu hören, dass dies manche nicht so empfunden haben.“

„Wir haben die großartigsten Fans der Welt und alle verdienen einen respektvollen Umgang! Es tut mir leid für alle, die sich bei uns Backstage nicht wohlwollend behandelt oder unsicher gefühlt haben. Auch für Shelby, sie hätte ein tolles Konzert und einen wunderschönen Abend verdient gehabt“, schreibt Schneider. Dabei nimmt er Bezug auf Vorwürfe der 24-jährigen Shelby Lynn, die in einem Video erklärt hatte, auf einem Rammstein-Konzert in Vilnius unter Drogen gesetzt worden zu sein. Nach dieser Veröffentlichung der Irin Ende Mai hatten sich zahlreiche weitere Frauen mit ähnlichen Vorwürfen zu Wort gemeldet.

Wunsch nach Aufarbeitung in der Band

Zu der nun stattfindenden Debatte schreibt Schneider: „Ich möchte aber nicht, dass dieser ganze öffentliche Disput um unsere Band die Extreme füttert: weder das durch unsere Gesellschaft noch nicht gezähmte Biest Social Media, noch paternalistische Tendenzen, Frauen Mitte 20 die Fähigkeit abzusprechen, selbstbestimmt über ihre Sexualität zu entscheiden und auch keinesfalls das Victim Blaming, damit sich weiterhin Menschen darüber zu sprechen trauen, wenn ihnen etwas passiert ist.“

„Ich wünsche mir ein ruhiges, besonnenes Reflektieren und Aufarbeiten, auch in unserer Band. Und zwar alle gemeinsam, zu sechst. Wir stehen zusammen“, schreibt Christoph Schneider zum Abschluss an seine Fans gerichtet.