StartseiteKulturAutorin pflegt ihren kranken Mann – „Jede Sekunde mit dir ist ein Diamant“

Helga Schubert

Autorin pflegt ihren kranken Mann – „Jede Sekunde mit dir ist ein Diamant“

Klein Meteln / Lesedauer: 8 min

Seit fünf Jahren pflegt die Schriftstellerin Helga Schubert ihren Mann. Ihr Buch über den schwierigen Alltag stimmt zugleich traurig und optimistisch.
Veröffentlicht:17.04.2023, 14:02

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Es war wieder eine schwere Nacht für Johannes Helm und Helga Schubert. Kurz nach 3 Uhr quälten den 96-Jährigen starke Schmerzen im Bereich der Hüfte. Seit mehr als fünf Jahren funktionieren die Nieren nur noch eingeschränkt. Er ist auf einen Blasenkatheter angewiesen, die Harnröhre ist quasi zerstört. Seine aus dem Schlaf gerissene Ehefrau eilte aus dem Nachbarzimmer zu ihrem Mann, tröstete ihn, spülte die Blase aus, versorgte ihn mit einem starken Schmerzmittel und Trost. Dann fanden beide wieder langsam in den Schlaf in ihrem Haus in Neu Meteln nördlich von Schwerin. Spätestens um 8 Uhr heißt es aufstehen, wenn der Pflegedienst für Helm kommt.

Am Vormittag nach dieser neuerlichen Nacht mit wenig Schlaf eilt Helga Schubert schon wieder durch den Garten. Die langen Haare hat sie nach hinten zu einem Dutt gebunden. In einer engen Hose, ohne Strümpfe bei Temperaturen im einstelligen Bereich, steht sie im nasskalten Gras. Die schwarz lackierten Fußnägel fallen auf, genauso wie die dezenter gefärbten Fingernägel. Immerhin zählt sie ja auch bereits 83 Lenze. Helga Schubert lacht prustend, als sie darauf angesprochen wird. Neulich hat sie eine Redakteurin der Frauenzeitschrift Brigitte besucht. Dafür müsste sie sich aber die Nägel lackieren, meinte eine Freundin und setzte den Ratschlag prompt um. Als sie diese Geschichte der Brigitte-Journalistin erzählte, lachte diese über das Klischee.

Zurzeit geben sich die Journalisten renommierter Medien die Klinke des Hauses in Neu Meteln in die Hand. Der "Spiegel" und die "Zeit" veröffentlichten ausführliche Beiträge, "Deutschlandfunk Kultur"ein langes Feature. Die "Welt am Sonntag" hat sich angekündigt. Bei der Leipziger Buchmesse Ende April wird sie auf Einladung verschiedener Sender und Zeitungen auf dem Podium sitzen. Spätestens seit 2020 ist Helga Schubert in der deutschen Kulturszene in aller Munde, nachdem sie mit ihrem Text „Vom Aufstehen“ den Bachmann-Preis gewonnen hat.

Helga Schubert und Johannes Helm Ende der 1970er-Jahre in ihrem Haus in Neu Meteln im Norden von Schwerin.
Helga Schubert und Johannes Helm Ende der 1970er-Jahre in ihrem Haus in Neu Meteln im Norden von Schwerin. (Foto: Frank Wilhelm)

Nun kommen die Journalisten vor allem wegen ihres gerade erschienenen Textes „Der heutige Tag. Ein Stundenbuch der Liebe“, in dem sie über den Tagesablauf mit ihrem seit mehr als sechs Jahren pflegebedürftigen Mann schreibt.

Loriot-Ente neben Barlach-Figur

Ein Buch, das traurig stimmt angesichts der Beschreibung eines langsam vergehenden Lebens. Ein Buch, das aber an keiner Stelle rührselig wirkt, das ermutigt, das Lebenshilfe gibt und mit dem der Leser auch immer wieder lachen kann. Beispielsweise, wenn die Autorin beschreibt, wie sie nach einer Lesung in Hamburg aus dem Hotelzimmer eine gelbe Loriot-Badeente stehlen wollte, „gegen meine Gewohnheit“. Aber die Ente würde so einen wunderbar erheiternden Kontrast zu Barlachs bronzenem Flötenspieler auf dem Tisch im Wintergarten in Neu Meteln bilden. Nachdem allerdings ihre Anonymität als designierte „Entendiebin“ dahin war, entschied sie sich für den Kauf, worauf ihr die Rezeptionistin einen Korb voller gelber Gummienten zeigte. Nun hat die ehrlich gekaufte lustige Ente ihren Platz neben dem ernsten Flötenbläser gefunden. 

Der Flötenbläser von Barlach und die Ente von Loriot aus Hamburg.
Der Flötenbläser von Barlach und die Ente von Loriot aus Hamburg. (Foto: Frank Wilhelm)

Das Buch ist vor allem eine beiderseitige Liebeserklärung. Eine Ärztin hatte ihr schon vor Jahren geraten, ihren Mann loszulassen, ihm die Möglichkeit zu geben, zu sterben, indem die Medikamente reduziert werden. „Was für eine Anmaßung gegenüber der Schöpfung, dachte ich. Als ob ich Herrin darüber sein dürfte. Ein bisschen Sahnejoghurt im Schatten, eine Amsel singt, Stille. So darf ein Leben doch ausatmen“, schreibt sie.

Aber auch Johannes Helm, den sie in ihrem Text Derden („Der, den ich liebe“) nennt, gibt seiner Frau Vieles. „Jede Sekunde mit dir ist ein Diamant, sagt Derden zu mir und umarmt mich, als ich morgens in sein Zimmer und an sein Pflegebett komme.“ Das ist der erste Satz ihres Buches. Ein erster Satz, der alles widerspiegelt, was sie in ihrem Text beschreibt: Die beiderseitige Zuneigung „zweier alter Liebesleute“.

Nicht alle „Alleingänge“ verlaufen glimpflich.

Johannes Helm sitzt nach dieser schlimmen Nacht im Rollstuhl an seinem Lieblingsplatz im Wintergarten. Er beobachtet die Amseln, die Elstern, die Weite zwischen Feldern und Himmel. Auf den ersten Blick scheint er nichts wahrzunehmen. Doch als er den Gast hört, dreht er sich um und meint zu seiner Frau: „Wieder ein Besucher, ein Journalist. Kannst Du nicht mal Pause machen mit dem Arbeiten?“ Der Schalk flackert in seinen Augen auf, trotz seiner Leiden, trotz der partiellen Demenz, die vor allem in den Nächten immer wieder für Aufregung im Haus sorgt. Auch, weil sich Helm seiner Krankheit, seinem Schicksal nicht so einfach ergeben will.

Dies ist unsere nächste Lebensaufgabe. Annehmen. Kreatürlich leben. Wärme auf der Haut. Verlass mich nicht.

Helga Schubert

Plötzlich rollt er los, Richtung Küche. Er hat Hunger, will sich selbst in der kleinen Küche etwas zu essen suchen. Helga Schubert, die während des Gesprächs stets einen wachen Blick auf ihren Mann wirft, eilt hinterher. Wenig später serviert sie einen Imbiss für alle. Ein kleiner Friede breitet sich im Wintergarten aus.

Eine halbe Stunde im Stundenbuch der Liebe. Alltag, den sie immer wieder mit einfachen Worten und trotzdem poetisch im Buch aufgreift: „Dies ist unsere nächste Lebensaufgabe. Annehmen. Kreatürlich leben. Wärme auf der Haut. Verlass mich nicht.“

Längst nicht alle „Alleingänge“ ihres Mannes verlaufen so glimpflich. In ihrem Text berichtet sie davon, wie sie Derden mitten in der Nacht suchte. Er lag nicht mehr im Bett. Der Rollstuhl war weg. Im Haus war ihr Mann auch nicht zu finden. Schließlich entdeckte sie ihn wenige Meter hinter dem Eingang draußen. Er war aus seinem Stuhl gekippt, wäre wohl erfroren, wenn ihn seine Frau nicht entdeckt hätte.

„Da bist du ja mein Engel, sagte Derden. Ich habe um Hilfe gerufen, niemand hat es gehört, aber du. Ich wollte aus dem Kloster zu dir, in die neue Welt, und die Lämpchen dort haben mir den Weg gewiesen in den Himmel, mein Engel.“ Vielleicht zog es ihn aber auch ins wenige Meter entfernte Atelier, wo er über die Jahre mehr als 1300 Bilder malte.

Helga Schubert und Johannes Helm, 1985
Helga Schubert und Johannes Helm, 1985 (Foto: privat)

Schreiben wie im Paradies

Ausgerechnet in dieser intensiven Pflegezeit findet Helga Schubert aber auch die Stunden zum Schreiben. Wenn sie ihren Mann ins Bett gebracht hat, wenn die Nacht den großen Garten mit Dunkelheit bedeckt, zieht sie sich in ihr Arbeitszimmer zurück und sitzt oft bis 3, 4 Uhr morgens vor dem Laptop. „Ich habe die Nacht für mich allein.“ Früher, noch zu DDR-Zeiten, habe sie das Schreiben als Freiheit empfunden. „Heute ist es für mich wie ein Paradies.“

Sie ist so produktiv wie lange nicht mehr: Der Erzählband „Vom Aufstehen“ erschien 2021, in diesem Jahr folgte neben „Der heutige Tag“ ein Buch „Über Anton Tschechow“, ein Text über einen ihren Lieblingsschriftsteller schon seit frühen Jahren. Sie wirkte mit an einem Band über Sigmund Freud „365 x Freud“. Unbedingt will sie noch ein Buch über ihre beiden Großmütter Klärchen  und Wilhelmine schreiben, „da habe ich schon unheimlich viel Material zusammengetragen“. „Nun drängelt sich aber noch ein anderes Buch rein“, sagt sie lächelnd. Ein Verlag wünscht sich einen Band mit einer Auswahl von Bildern ihres Mannes und Texten von ihr.

Aktuell könnte sie wohl fast jeden Tag einen Termin in Sachen Schriftstellerei wahrnehmen: Gespräche mit Journalisten, Fernsehaufnahmen, Lesungen, Diskussionsrunden. Doch es gehört eben zum Alltag privat Pflegender, dass sie Tag und Nacht für ihren Familienangehörigen da sein müssen. Von den drei Kindern ihres Mannes aus dessen erster Ehe könne sie keine Hilfe erwarten, schreibt Schubert. Ihr eigener Sohn sei selbst krank.

Der letzte Satz ist entscheidend

Professionelle Pflegekräfte zur Aushilfe seien kaum zu finden oder teuer. Deshalb muss sie sich auf einige wenige Höhepunkte konzentrieren, so auf die Buchvorstellung im Berliner Ensemble am 22. Mai. Ihre Augen strahlen jung. Sie freut sich auf die Veranstaltung in Brechts Theater mit dem Literaturkritiker Denis Scheck. Er interviewte Helga Schubert im Frühjahr 2021 im Garten in Neu Meteln.

Für Helga Schubert beginnt das Schreiben nicht mit dem ersten Satz, der, so sagt es die Theorie, prägend für einen Text ist. „Für mich ist der letzte Satz entscheidend“, erklärt sie. „Ich baue das Buch wie ein Haus auf diesem Satz auf.“

Im letzten Kapitel des „Stundenbuchs“ stellt sich die Erzählerin vor, wie es wäre, wenn Derden eines Morgens nicht mehr aufwachte. Sie würde danach am Bett des Geliebten sitzen. „Und dann hätte ich sie geküsst, seine dünnhäutigen lieben Hände. Und dann wäre ich bei ihm sitzen geblieben wie ein alter treuer Hund“, schreibt sie, um im letzten Satz ein Bibelwort des Apostels Matthäus aufzugreifen: „Und der morgende Tag wird für das Seine Sorgen.“

Helga Schubert: Der heutige Tag. Ein Stundenbuch der Liebe. dtv, 268 Seiten, 24 Euro, ISBN 978—3-423—28319—9