KZ-Insassin bringt Schülern ihr Leid berührend nahe

Großes Bild: Evgeniya Klenowa (Mitte) spricht mit Lidiya Chernobrovkina, ebenfalls eine Zeitzeugin, über ihre Erlebnisse. Dolmetscher Manfred Betke übersetzt für die Schüler. Kleines Bild: Dieses Denkmal soll – nur eben größer– in der Stadt aufgestellt werden. Dafür sind Spenden nötig.[KT_CREDIT] FOTOs (2): P. Jasmer

VonPaulina JasmerAuf dem Todesmarsch am Ende des Zweiten Weltkriegs wird Evgeniya Klenowa in den Wäldern Mecklenburgs gerettet. Im Konzentrationslager ...

VonPaulina Jasmer

Auf dem Todesmarsch am Ende des Zweiten Weltkriegs wird Evgeniya Klenowa in den Wäldern Mecklenburgs gerettet. Im Konzentrationslager Ravensbrück, darunter auch in der Außenstelle
Neubrandenburg,
hatte sie zuvor viele Qualen durchleiden müssen.

Neubrandenburg.Mit einem weißen Stofftaschentuch wischt sich Evgeniya Klenowa eine Träne beiseite. Sie umkrampft die Handtasche auf ihrem Schoß, als sie den
16 Achtklässlern des Albert-Einstein-Gymnasiums gegenübersitzt. Jahrzehnte ist es her, dass sie in Neubrandenburg war. Zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges, als hier eine Außenstelle des Arbeitslagers Ravensbrück existierte.
Evgeniya Klenowa erzählt von ihrer Odyssee, die sie fern ihrer Heimat auf der Krim unter anderem in Gefängnisse in Mainz und Berlin sowie nach Ravensbrück führte. Sie berichtet von ihrer Arbeit in der Mechanischen Werkstatt in Neubrandenburg, wo sie Flugzeugteile herstellte. „Ich wehrte mich, weil ich dachte, dass man mich dann nach Hause schickt“, erinnert sie sich zurück.
„Früher hat sie darüber viel mehr geredet und auch reden können“, sagt Elke Nolze vom Fürstenberger Förderkreis Ravensbrück. Doch die Erinnerung und auch das Alter nagen an der „Krimfrau“, die im Juni 88 Jahre alt wird. Also erzählt Nolze von Klenowas Zeit im Zuchthaus in Berlin, wo ihr der Unterkiefer derart zertrümmert wurde, dass sie seitdem keine untere Zahnreihe mehr hatte.
Nach dem Zuchthaus gelangte sie über Ravensbrück nach Neubrandenburg. Hier in der Werkstatt hatte sie einen Meister, der seine Schutzbefohlenen heimlich mit Essen versorgte. Für Evgeniya Klenowa besorgte er Salbe, weil ihre Hände so entzündet waren.
Trotzdem wurde die Gefangene ins Todeslager Majdanek geschafft, wo sie aber der Vernichtung entkam. Zurück in Ravensbrück trat sie den Todesmarsch an, bis die Rote Armee sie schließlich befreien konnte.
„Doch wie war es, frei zu sein?“, fragt ein Schüler. Das sei echte Freude gewesen, antwortet die 87-Jährige, um hinzuzufügen, dass man sie daheim aber wie eine Verräterin behandelt habe und es für sie nach Sibirien, wieder zum Arbeiten, ging – für
20 Jahre. Dabei hält sie ihre Tasche noch immer ganz fest.
Für den Schüler Til Czerniak (14) sind diese Erzählungen ergreifend. Er meint, dass er jetzt die Zusammenhänge in der Geschichte noch besser versteht, eben weil sie aus ganz persönlicher Sicht dargelegt werden.
Dass es Zeitzeugen gibt, ist für Elke Nolze wichtig. Und es gehe um dieses Gedenken, das insbesondere den Demokratischen Frauenbund und die Kurt-und-Herma-Stiftung zusammenkommen und zu einem großen Projekt aufrufen lässt. In Neubrandenburg soll es ein Denkmal geben, mit dem Titel „Die Trauernde“. Das Vorhaben unter der Schirmherrschaft von Landtagspräsidentin Sylvia Bretschneider (SPD) ist auf Spenden angewiesen. Weitere Informationen gibt es unter 0172 9852256.

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