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Leben pur: Ohne Zaun und Luxus

VonJörg DöbereinerIn Alt Schönau wohnt die Kunst nebenan: Die Bildhauerin Gertraud Wendlandt belebt gemeinsam mit den Puppenspielern Katharina Sell und ...

Gertraud Wendlandt hat in Berlin Bildhauerei studiert. An ihrer Wahlheimat Alt Schönau schätzt sie die Ruhe und die nachbarschaftliche Gemeinschaft.  FOTOs:Jörg Döbereiner

VonJörg Döbereiner

In Alt Schönau wohnt die Kunst nebenan: Die Bildhauerin Gertraud Wendlandt belebt gemeinsam mit den Puppenspielern Katharina Sell und Frank Hirrich die ehemalige Kulturbaracke im Waldweg.

Alt Schönau.Diese Küche gibt es nicht noch einmal. Auf der Holzplatte des urigen Tisches verrenkt sich eine halbfertige Frauenskulptur aus schwarzem Wachs, daneben brennt eine dunkelgrüne Kerze, an deren Fuß buntes Tropfwachs wuchert. Als Sitzgelegenheit dient eine Bank, zusammengezimmert aus Brettern und dem Kopfende eines alten Bettes. Es ist ein charmantes Chaos, das sich Gertraud Wendlandt da in der ehemaligen Kulturbaracke in Alt Schönau eingerichtet hat. Überall hat sie selbst Hand angelegt, hat auch den Holzboden eigenhändig verlegt. „Das ist alles nicht so exakt, aber mir reicht es“, sagt sie.
In Berlin hat Gertraud Wendlandt Bildhauerei studiert, danach wohnte sie einige Jahre in Klink, bevor sie 1995 beschloss, dass es Zeit für einen Umzug sei. Gemeinsam mit ihren Mitstreitern, den Puppen-Künstlern Katharina Sell und Frank Hirrich, kaufte sie die Kulturbaracke in Alt Schönau und machte das Beton-Gebäude wohnlich. Heute leben die Künstler Tür an Tür, ohne Gartenzaun und trotzdem in guter Nachbarschaft.
Im Eingangsbereich ihres Heims hat sich Gertraud Wendlandt ein helles Bildhauer-Atelier eingerichtet, wo sie aus Gips, Sandstein und Beton ihre Skulpturen formt, vor allem menschliche Köpfe und Körper in den verschiedensten Positionen. Auf einer Werkbank stehen mehrere Köpfe des Komponisten Georg Philipp Telemann, angefertigt für das Hamburger Telemann-Archiv. Die Wände bedecken großformatige Kohlezeichnungen mecklenburgischer Landschaften.
„Das Zeichnen und die Bildhauerei beeinflussen sich gegenseitig, Ideen aus dem einen Bereich fließen in den anderen ein“, beschreibt Gertraud Wendlandt ihre Arbeit. Die Ergebnisse stellt sie in Hamburg, Berlin oder Rostock aus. Was keinen Käufer findet, wandert in den eigenen Garten, der einem privaten Skulpturen-Park gleicht: Auf Stelen aus Holz oder Metall räkeln sich hier zumeist nackte Frauenfiguren.
Für das freie Künstlerleben verzichtet die 61-Jährige auf materiellen Luxus. Beim Material ihrer Skulpturen bescheidet sie sich mit Beton und Sandstein anstelle von teurem Bronze. „Ich finde es nicht reizvoll, viel Besitz zu haben“, erklärt sie ihre Einstellung. Wichtiger ist ihr, der Arbeit nachgehen zu können, die ihr Spaß macht und dort zu wohnen, wo es ihr gefällt. Alt Schönau hat sie sich jedenfalls ganz bewusst ausgesucht: „Hier schätze ich die Ruhe. Das sind einfach gute Arbeitsbedingungen.“

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