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Wie Amazon sein Geld wirklich verdient

Zusteller haben mit diesen Paketen viel zu tun.
Zusteller haben mit diesen Paketen viel zu tun.
Henning Kaiser

Sie haben gedacht, dass der Gigant mit dem Internetversand richtig Kohle macht? Da sind Sie schief gewickelt. Buch, Jeans, Schuhe – das ist zwar die Basis des Mega-Konzerns. Das Erfolgsgeheimnis des Globalplayers liegt aber – in den Wolken. Und in äußerst umstrittenen Methoden. Uwe Reißenweber, Andrej Sokolow und Christian Ebner haben Fakten zusammengestellt.

Wie alles begann

Abrakadabra – ein neuer Konzern wird geboren: Vor fast auf den Monat genau
20 Jahren verkaufte Amazon sein erstes Buch. Ein Jahr zuvor hatte Gründer Jeff Bezos seinen komfortablen Job im 40. Stock eines Wolkenkratzers an der Wall Street an den Nagel gehängt und war in eine Garage in Seattle gezogen. Seine große Vision: Alles mögliche über das Internet zu verkaufen. Er startete zunächst mit Büchern – weil sie robust beim Versand und unkompliziert in der Logistik waren sowie eine ordentliche Marge boten. Nach rund einem Jahr Anlaufzeit und einem Namenswechsel von Cadabra.com zu Amazon wurde am 16. Juli 1995 das erste Buch an einen externen Kunden verkauft, ein über 500 Seiten dickes Fachbuch über das Denken.

Verzückte Anleger auf rosaroter Wolke

Amazon hat die Investoren bislang an bestenfalls schmale Gewinne gewöhnt. Jetzt sind sie verzückt, denn der weltgrößte Online-Händler hat die Anleger Ende Juli mit einem überraschenden Quartalsgewinn begeistert. Die Aktie schoss im nachbörslichen Handel um über 17 Prozent hoch. Amazon war im vergangenen Quartal nach einem Umsatzsprung von 20 Prozent in die Gewinnzone zurückgekehrt. Die Analysten hatten eher wieder rote Zahlen erwartet. Beeindruckend war vor allem die Entwicklung im Cloud-Geschäft (Wolke – Anm.d.Red.), das Rechenleistung auf Amazon-Servern für Startups und etablierte Unternehmen anbietet. Der Umsatz des Bereichs schoss im Jahresvergleich um über 80 Prozent auf 1,82 Milliarden Dollar hoch. Der operative Gewinn sprang von 77 auf 391 Millionen Dollar.

Das Geschäft mit der Saison – und den Saisonarbeitern

Wie jeder Händler macht auch der „Allesversender“ zur Weihnachtszeit die dicksten Geschäfte. Amazon stellt dafür 2015 rund 10 000 Saisonarbeitskräfte in seinen neun deutschen Verteilzentren ein. Sie sollen die mehr als 11 000 Festangestellten unterstützen. Möglicherweise müssen die Saisonkräfte aber auch Lücken schließen, die durch Streiks verursacht werden. Die Gewerkschaft Verdi erklärte auf Nachfrage, dass der seit mehr als zwei Jahren schwelende Tarifkonflikt keineswegs beendet sei. Verdi will eine Bezahlung der Beschäftigten nach dem höheren Handels-Tarif durchsetzen. Amazon sieht sich hingegen als Logistiker, dessen Löhne niedriger sind. Das Unternehmen hat unterdessen von sich aus die Grundlöhne um 2,5 Prozent erhöht. Der Einstiegsstundenlohn beträgt demnach rückwirkend zum 1. September 10,49 Euro.

Das sagt die Gewerkschaft

„Amazon fällt weltweit durch eine aggressiv gewerkschaftsfeindliche Haltung auf“, kritisiert Verdi-Bundesvorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger. Und ihr Kollege Philip Jennings, Generalsekretär des internationalen Gewerkschaftsdachverbands Uni Global Union, meint: „Das Unternehmen steht für schlechte Arbeitsbedingungen und Löhne, es verweigert den Beschäftigten in Deutschland das Recht auf Verhandlungen mit einer Gewerkschaft und das Recht auf einen Tarifvertrag.“ Die Arbeitnehmervertreter sind sich einig: Amazon missachte seit 20 Jahren Gewerkschafts- und Beschäftigtenrechte. Unsichere Arbeitsverhältnisse, minutiöse Überwachung und psychischen Druck am Arbeitsplatz, die Gängelung von Autoren, Verlagen und Online-Kleinhändlern sowie die Anwendung von Steuertricks, die darauf zielen, die Allgemeinheit um Steuereinkünfte in Milliardenhöhe zu bringen, seien an der Tagesordnung.

Das sagt Amazon Deutschland selber

Was ist das Erfolgsgeheimnis? Und was entgegnet das weltumspannende Unternehmen seinen Kritikern? Auf Anfrage verweist die Pressestelle lediglich auf einen „Shareholderletter“ (Aktionärsbrief – Anm.d. Red.), den Amazon Gründer Jeff Bezos „persönlich“ geschrieben hat. „Er hängt heute noch jedem Geschäftsbericht an und spiegelt immer noch genau unsere Haltung wieder: Die uneingeschränkte Konzentration auf unseren Kunden – mit Innovationen, die sein Leben erleichtern“, so ein Sprecher. Ansonsten schweigt der Mega-Konzern – und kassiert. In Seattle, in London und in Berlin ebenso wie in Pasewalk und Anklam.