Mit dem Kind auf dem Arm zur Corona-Demonstration: Was macht das mit den Jüngsten?
Mit dem Kind auf dem Arm zur Corona-Demonstration: Was macht das mit den Jüngsten? © Valmedia – stock.adobe.com
Psychologe Samuel Tomczyk von der Universität Greifswald
Psychologe Samuel Tomczyk von der Universität Greifswald privat/ZVG
Psychologe gibt Antworten

Mit Kindern zur Corona-Demo – Wie gefährlich ist das?

Handeln Eltern unverantwortlich, wenn sie ihre Kindern mit zu Corona-Protesten nehmen? Darüber sprach Dajana Richter mit dem Psychologen Samuel Tomczyk von der Universität Greifswald.
Greifswald

Ganz allgemein gefragt: Sollten Kinder an Demonstrationen teilnehmen dürfen, vielleicht auch, um zu lernen, dass sie in einer Demokratie das Recht auf freie Meinungsäußerung haben? Oder sind sie dafür zu jung?

Grundsätzlich sind Demonstrationsrechte und deren Inhalte schon etwas, dass Kinder lernen und erfahren können. Aber es kommt natürlich auf das Format und das Gefährdungspotenzial bei einer solchen Veranstaltung an. Wenn dabei Aggressionen und Gewalt eine Rolle spielen, dann ist das kein Raum für Kinder. Aber es gibt auch Veranstaltungen, wie zum Beispiel die „Fridays for Future“-Demonstrationen, bei denen auch Kinder und Jugendliche auf die Straße gehen, um sich politisch sichtbar und hörbar zu machen. Das ist nicht verkehrt.

Ab welchem Alter wäre eine Teilnahme in Ordnung?

Wenn man nach Altersgrenzen fragt, dann sollten Kinder oder Jugendliche ein gewisses Verständnis für die Geschehnisse und eine Einwilligungsfähigkeit haben, sich also aus freien Stücken für eine Teilnahme entscheiden können. Man geht meistens davon aus, dass Kinder mit vierzehn Jahren soweit sind, in Ausnahmefällen auch früher. Sie sollten nicht zu jung sein, damit das Erlebte nicht einfach auf sie einprasselt und sie die nötigen Ressourcen haben, es gut zu verarbeiten.

Wie wichtig ist es, dass Eltern mit ihren Kindern im Vorfeld über die Demonstration sprechen, aber auch im Nachhinein das Erlebte auswerten und einordnen?

Mit den eigenen Kindern zu sprechen und Erfahrungen auszuwerten, finde ich grundsätzlich gut, ganz egal, worum es geht. Aber bei solchen Ereignissen, die sehr viele Eindrücke mit sich bringen, ist das besonders wichtig.

Die meisten Corona-Demonstrationen verlaufen friedlich, dennoch würde laut Polizeiangaben die Aggressivität mancherorts ansteigen. Stellt das, neben der rein körperlichen Gefahr, auch ein Risiko für die Psyche des Kindes dar?

Ich denke, der Großteil der Demonstrationen wird für Kinder keine nachhaltigen negativen Folgen haben. Wenn das aber Extremsituationen sind und Kinder zum Beispiel beobachten, wie Gewalt angewendet oder jemand gewaltsam festgenommen wird, dann kann es schon sein, dass es für das Kind zu einer akuten Stressbelastung kommt, möglicherweise auch zu Angstreaktionen. Einige beschäftigt das Erlebte dann vielleicht länger und es kann zum Beispiel zu Schlafstörungen kommen. Und bei einem kleinen Teil könnte es auch langfristigere Folgen haben, ähnlich einer traumatischen Belastung. Aber das ist wirklich die Ausnahme.

In Stralsund haben dieser Tage zwei elfjährige Mädchen im Rahmen einer Corona-Demonstration auf dem Podium gesprochen und unter anderem behauptet, dass man sie mit dem Impfstoff vergiften wolle. Wurden hier Kinder instrumentalisiert oder können sie in diesem Alter schon von ganz allein solche Ängste entwickeln?

Ich habe mich mit dem Video, in dem die beiden zu sehen sind, länger auseinandergesetzt. Für mich ist das zweischneidig. Auf der einen Seite ist es für die Mädchen etwas schönes, da sie endlich mal gehört werden und für das Gesagte auch noch Bestätigung in Form von Applaus bekommen. Denn viele Kinder und Jugendliche fühlen sich in der Corona-Pandemie völlig ignoriert. Das ist für mich ein Punkt, der unabhängig von dem Inhalt, positiv hervorzuheben ist. Sie bekommen eine Bühne, sie bekommen Aufmerksamkeit und sie bekommen auch Lob für das, was sie tun. Inhaltlich stellt sich jedoch schon die Frage, inwieweit sie ihre Reden aus freien Stücken selbst entwickelt haben oder ob ihnen das jemand so vorgelegt hat. Es wirkte auf mich nicht wie eine spontane und freie Meinungsäußerung eines Kindes. Aber sicher weiß ich das natürlich nicht, das ist Spekulation.

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Kinder sehen, hören und erleben bei Demonstrationen ganz viel. Sie hören Sprechchöre, lesen Plakate: Inwieweit kann sie das in ihrer Entwicklung beeinflussen?

Durch eine einzige Demonstration oder einen solchen Vortrag werden sie vermutlich nicht nachhaltig beeinflusst. Bedenklicher ist es allerdings, wenn Kinder in einem Umfeld aufwachsen, in dem sie von allen Seiten nur eine Meinung hören, die für gut und richtig gehalten wird. Dann kann das Einfluss auf ihre Entwicklung nehmen und auch ihr eigenes Wertesystem wird sich daran orientieren. Wenn sie aber in ihrem Umfeld auch alternative Meinungen hören und sich damit auseinandersetzen, dann sehe ich durch Demonstrationen keinen langfristigen Einfluss auf die Entwicklung. Kinder sind sehr resilient, das heißt, sie haben eine höhere psychische Widerstandsfähigkeit und können Erlebtes in der Regel gut verarbeiten.

Manche Eltern wollen ihre Kinder nicht Impfen lassen, weil sie dadurch mehr Schaden als Nutzen befürchten. Trotzdem nehmen sie ihre Kinder mit auf Demonstrationen, wo durch teils fehlende Masken und Abstände das Risiko besteht, sich mit Corona zu infizieren. Ist das ein Widerspruch?

Eine zentrale Frage ist, welche ernsthafte Bedrohung man in einer Corona-Erkrankung sieht. Studien zeigen, dass Menschen, die eine Impfung nicht für notwendig oder hilfreich halten, auch häufiger die Erkrankung selbst als nicht so schwerwiegend einschätzen. Viele Demonstranten haben vermutlich eine andere Risikowahrnehmung von Corona. Der andere Punkt ist ein trügerisches Gefühl von Sicherheit, das aufkommen kann, wenn man eine Gemeinschaft mit Gleichgesinnten bildet. Eine Gruppe kann sich überlegen fühlen und ein Stück weit unverletzlich. Und deshalb hat sie in diesem Moment auch keine Angst um ihre Kinder. Das ist also kein Widerspruch.

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Wenn Eltern ihre Kinder auf jeden Fall zu Demonstrationen mitnehmen möchten, worauf sollten sie besonders achten?

Wie bereits angesprochen, ist es sehr wichtig, mit den Kindern darüber zu sprechen. Und es sollte darauf geachtet werden, dass Schutzmaßnahmen wie das Tragen einer Maske oder das Einhalten von Abständen, so gut wie möglich eingehalten werden. Außerdem sollte das Kind während der gesamten Demonstration genau beobachtet werden. Fühlt es sich wohl oder ist es unsicher? Wirkt es verängstigt oder ist es ihm zu laut? Wenn ja, sollte man die Veranstaltung verlassen. Das ist auch der Fall, sobald ein Aggressions- oder Gewaltpotenzial sichtbar wird, also wenn Menschen anfangen, Gewalt anzudrohen oder anzuwenden.

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Kommentare (1)

Weisheiten, Wahrheiten, Meinungen, Sichtweisen, Standpunkte sind von Natur aus individuell. In der kinderlieben DDR verkündete die treusorgende Regierung für genehme Demos. Ähnlich verhält es sich hier mit dem Hinweis zu Friday for Future. Instrumentalisierungsgerede, Bekämpfung von nichtgenehmigten Informationen sind Bestandteile autoritärer Systeme. Vielleicht hilft dieser Hinweis deutschen Universitäten und deren Personal, bevor es sich selbst komplett entrechtet und entmündigt.