Marcel Falk, der für die SPD im Landtag Mecklenburg-Vorpommerns sitzt und Bürgermeister von Stolpe an der Peene ist,
Marcel Falk, der für die SPD im Landtag Mecklenburg-Vorpommerns sitzt und Bürgermeister von Stolpe an der Peene ist, erkrankte Ende Februar 2021 schwer an Covid-19 und gibt heute zu, das Corona-Virus bis dahin unterschätzt zu haben. Mareike Klinkenberg
Angst zu ersticken

Wie Corona einen Menschen umhaut

Marcel Falk ist ein großer Mann mit breiten Schultern. Corona hielt er lange für eine Art Grippe. Und doch konnte ihn ein winziges Virus in die Knie zwingen. Der 44-Jährige kämpft noch heute mit den Langzeitfolgen seiner Infektion.
Stolpe

Sagen Sie bitte erst mal, wie es Ihnen heute geht.

Mittlerweile wird es nach und nach besser, aber so ganz auskuriert bin ich noch immer nicht. Bei Anstrengungen geht mir schnell die Luft aus.

 

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Wann haben Sie sich mit Corona infiziert?

Am 24. Februar hatte ich einen Corona-Test gemacht, der war aber negativ. An den zwei darauffolgenden Tagen ging es mir dann immer schlechter. Ich saß auf der Arbeit vor dem Computer und war total lustlos. Man sitzt da, schaut mit leerem Blick auf den Bildschirm und hat keinerlei Motivation mehr. So habe ich es jedenfalls erlebt. Es ging nichts mehr. Ich bin dann am27.  Februar gleich morgens nach Greifswald ins Testzentrum gefahren. Ich war völlig erledigt und bin danach zu Hause nur noch ins Bett gefallen. Am nächsten Tag habe ich die Nachricht bekommen, dass der Test diesmal positiv war.

 

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Wie haben sich die Tage danach denn für Sie angefühlt?

Ich habe zwei Wochen lang die Hölle durchgemacht, das muss man so sagen. Ich hatte Kopfschmerzen, die waren kaum auszuhalten. Ich wollte meinen Kopf zeitweise am liebsten gegen die Wand hauen, damit die Schmerzen endlich aufhören. Ich hatte auch Gliederschmerzen und Atemnot. Das Schlimmste war die nächtliche Angst einzuschlafen und nicht wieder aufzuwachen.

Ich habe dann eine Medikation bekommen, im Prinzip waren das allerdings nur Ibuprofen 800-Tabletten (ein entzündungshemmendes und schmerzstillendes Arzneimittel, d. Red.). Davon habe ich wahrscheinlich mehr eingenommen, als ich eigentlich gedurft hätte. Ich hatte auch keinen Geschmacks- und Geruchssinn mehr. Das war alles komplett weg. Alle Symptome, von denen man so liest, die hatte ich auch.

 

Mussten Sie ins Krankenhaus?

Zum Glück habe ich einen sehr guten Freund, der auch Arzt ist und der telefonisch mit mir in Kontakt stand. Das hat mich zumindest ein wenig beruhigt. Auf seine Empfehlung hin sollte ich auch ins Krankenhaus, aber ich weiß, was auf einer Intensivstation los ist. Das kenne ich noch durch meinen schweren Verkehrsunfall 1998. Da ist Tag und Nacht das Licht an, es piept und fiept rund um die Uhr. Nein, ich wollte auf gar keinen Fall ins Krankenhaus, sondern es zu Hause schaffen. Aber ich bin zwischendurch fast verzweifelt, da hat nicht mehr viel gefehlt. Besonders in den ersten 14 Tagen war es so richtig schlimm. Ich habe so manche Nacht vor dem offenen Fenster gestanden und Atemübungen gemacht, vor lauter Angst zu ersticken. Die Panik, die du da hast, ist der absolute Wahnsinn.

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Und wer hat sich in dieser Zeit um Sie gekümmert?

Das waren vor allem meine Eltern. Und ich habe zum Glück ein Dorf mit ganz tollen Einwohnern, die mich sehr gut versorgt haben. Sie stellten mir alles, was ich brauchte, vor die Tür und klingelten kurz an. Ich bin am Tag auch nur zwei- oder dreimal aufgestanden, um auf die Toilette zu gehen oder eine Kleinigkeit zu essen. Aber ich hatte sehr wenig Hunger und habe in dieser Zeit auch über zehn Kilogramm abgenommen.

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Wie lange ging es Ihnen so schlecht?

Nach drei oder vier Wochen ging es mir wieder richtig gut und ich war schon fast ein wenig euphorisch. Ich habe angefangen, draußen in der Gemeinde viele Sachen zu machen. Wir haben eine Terrasse gebaut und all solche Dinge. Doch etwa vier Wochen später habe ich einen schweren Rückfall erlitten. Ich bekam auf einmal eine schwere Atemnot, ich hatte wieder Kopfschmerzen und mir ging es wirklich schlecht.

Ich war dann beim Arzt und der sagte mir, das seien definitiv Long-Covid-Erscheinungen. Danach bin ich zur Reha gekommen, weil es einfach nicht besser wurde. Doch diese musste ich erfolglos abbrechen, weil sich mein Lungenvolumen plötzlich um die Hälfte reduziert hatte. Wir haben versucht, einen Lungenaufbau zu machen, doch ich war immer viel zu schnell k.o.

 

Haben Sie vor Ihrer Erkrankung die Corona-Pandemie ernst genommen?

Nicht so richtig. Ich war eher der Ansicht, die Medien sollen darum mal nicht so einen Hype machen, das wird schon nicht so schlimm sein. Und auch nach meinem positiven Corona-Test dachte ich zunächst noch: So eine „Grippe“, die werde ich schon überstehen. Und das, obwohl ich in der Nachverfolgung gearbeitet habe und auch viele Leute in Quarantäne schicken musste oder von Leuten gelesen habe, die gestorben sind. Aber spätestens jetzt weiß ich, dass eine schwere Corona-Erkrankung nicht ansatzweise mit einer schweren Grippe zu vergleichen ist.

 

Waren Sie denn geimpft?

Nein, im Februar war man damit ja noch nicht soweit, da wurden gerade erst die Älteren und andere Risikogruppen geimpft. Mittlerweile bin ich einmal geimpft, und wenn ich jetzt geboostert werden sollte, mache ich das auch. Aber da rede ich erst mit meinem Arzt drüber und der sagt mir, wann ich dran bin. Und dann geht alles seinen Gang.

 

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Wie gehen Sie heute mit Corona-Skeptikern oder Impf-Gegnern um?

Ich bin es leid, mit ihnen zu diskutieren. Ich wünsche wirklich niemandem etwas Schlechtes, aber diese Leute sollten Corona einmal so heftig am eigenen Leib spüren wie ich und dann neu entscheiden, ob sie für oder gegen das Impfen sind. Ich habe auch einige Leute im Freundes- und Bekanntenkreis, die ihre Meinung zu Corona und dem Impfen mittlerweile geändert haben, nachdem sie selbst erkrankt waren.

 

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Das heißt, Sie wären für die Einführung einer allgemeinen Impfpflicht?

Mittlerweile ja.

 

Auch wenn das Risiko gering ist: Haben Sie Angst, dass Sie sich erneut mit Corona infizieren könnten?

Nein, diese Angst habe ich nicht. Und wenn, dann ist es so und ich kann nichts daran ändern. Ich versuche, mich durch Impfungen davor zu schützen, viel mehr kann ich nicht tun. Ich werde mich auf jeden Fall nicht vor lauter Angst völlig vom Leben abschotten.

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