Landwirte wenden sich gegen die wachsenden Wolfsbestände und fordern die Reduzierung der Raubtiere. (Symbolbild)
Landwirte wenden sich gegen die wachsenden Wolfsbestände und fordern die Reduzierung der Raubtiere. (Symbolbild) Jens Büttner
„Entnahme”

▶ Kritik an Leitfaden für Abschuss von Wölfen

Eigentlich wollten die Umweltminister mit einem Leitfaden die „Entnahme” von auffälligen Wölfen rechtssicher machen. Doch in der Praxis kommt die Anleitung nicht gut an.
Neubrandenburg

Der Wolf ist seit Jahren auf dem Vormarsch – aktuell besonders im Norden Brandenburgs. Direkt an der Grenze zur Uckermark und eine Wolfs-Nachtwanderung von Mecklenburg-Vorpommern entfernt, haben sich östlich der viel befahrenen A11 Berlin – Stettin zwei Wolfsrudel angesiedelt. Wie die Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde berichtet, wurden 2021 in beiden Rudeln insgesamt elf Welpen geworfen, im vergangenen Jahr waren nur vier in die aufgestellten Fotofallen getappt.

Angesichts der pro Jahr zwischen einem Fünftel und einem Drittel wachsenden Wolfpopulation vor allem im Osten Deutschlands, haben sich die Umweltminister der Ländern nach langem Ringen auf einen „Praxisleitfaden” geeinigt, der auf fast 60 Seiten den Abschuss auffälliger Wölfe als streng geschützte Art rechtssicher machen soll – im Amtsjargon auch „Entnahme” genannt.

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In Brandenburg gilt es darüber hinaus eine fünfseitige Verordnung zu beachten, in Mecklenburg-Vorpommern ergänzt auf 75 Seiten ein Managementplan Wolf den Praxisleitfaden. Im vergangenen Jahr hatten Wölfe bundesweit in knapp 1000 nachgewiesenen Fällen Nutztiere angegriffen, dabei wurden mehrere tausend Schafe, Ziegen oder Kälber getötet.

Hütehund bei Kampf mit Wolf verletzt

Nach Rissen an Tieren in den Vorjahren war Sabine Petersen mit ihrem Unternehmen Weideland Qualitz im Landkreis Rostock 2021 nicht so stark betroffen, dafür vor wenigen Tagen aber ein Nachbarbetrieb. Doch auch ihr Hof musste Bekanntschaft mit dem Wolf machen: Einer der neun Hütehunde verletzte sich beim Kampf mit einem Wolf. „Wir verbringen unheimlich viel Zeit damit, unsere Tiere vor den Übergriffen zu schützen”, berichtet die Chefin des Landesschaf- und Ziegenzuchtverbandes in MV. Neben der zeitaufwändigen Betreuung der Hütehunde müssten ständig die Zäune überwacht werden. „Auf denen haben wir ordentlich Strom”, sagt sie.

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Den neuen Praxisleitfaden zum Wolf hält sie für praxisfremd. „Das kommt mir eher vor wie eine Anleitung, Abschüsse zu verhindern”, meint sie. Vor allem die Vorschrift, dass Wölfe mehrfach Tiere auf der Weide angegriffen haben müssen, eindeutig identifiziert und dann auch noch vom Jäger erkannt werden müssen, sei fast unmöglich. „Ist das Rechtssicherheit?”, zweifelt die Landwirtin, die nach eigenem Bekunden nichts dagegen hat, dass Wölfe durch die Wälder streifen. „Bei einer klugen Entnahme verbessern sich doch die Lebensbedingungen für die anderen Wölfe”, findet sie.

Jagdverband: zu komplex und theoretisch

Auch der Deutsche Jagdverband (DJV) hält den Praxisleitfaden für zu komplex und theoretisch. Er vermisse einen ausreichenden Praxisbezug, begründet Vizegeschäftsführer Torsten Reinwald. Eine wirklich praktische Hilfe für Verwaltungen fehle, wie etwa ein klarer Plan für den Entscheidungsweg zu einem Abschuss.

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„Der Praxisleitfaden wird sehr schnell von der dynamischen Entwicklung der Wolfspopulation überholt werden”, sagt er voraus. Reinwald fordert eine ehrliche Bestandsaufnahme über die Zahl der Wölfe, die aber nicht an deutschen Staatsgrenzen enden dürfe. Zur Population gehören auch die Tiere, die in Osteuropa leben und über die Grenzen wechseln. Er lässt keine Zweifel daran, dass die Wölfe aus Sicht des Verbands den im Naturschutz geforderten günstigen Erhaltungszustand erreicht haben.

Angesichts des erreichten Wolfsbestandes regt der Bauernverband Mecklenburg-Vorpommern an, über eine regionale Bestandsgrenze nachzudenken. Insgesamt sei der Leitfaden von dem Bestreben gekennzeichnet, die rechtlichen Möglichkeiten zur Entnahme einzuschränken, erklärt Vizepräsident Manfred Leberecht.

So erlaube beispielsweise das Bundesnaturschutzgesetz die Entnahme ganzer Wolfsrudel, wenn Nutztierrisse nicht einem einzelnen Wolf zugeordnet werden können. Im Leitfaden wird jedoch lediglich die Option zur Entnahme einzelner Wölfe erwähnt. „Der Leitfaden erleichtert den zuständigen Mitarbeitern in den Behörden die Arbeit nur begrenzt“, stellt Leberenz fest. Eine Entscheidung müsse so aufwändig dokumentiert werden, dass von einer zeitnahen und effektiven Entscheidungsfindung keine Rede sein könne. Außerdem seien mit Blick auf eine geforderte Zaunhöhe von 1,20 Metern die Anforderungen an den Herdenschutz praxisfremd.

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