Schon jetzt gibt es in Deutschland nur noch rund 22 Apotheken pro 100.000 Einwohner.
Schon jetzt gibt es in Deutschland nur noch rund 22 Apotheken pro 100.000 Einwohner. Bernd Wüstneck
Versorgung auf dem Land

Kann das große Apotheken-Sterben gestoppt werden?

Besonders der ländliche Raum im Nordosten ist betroffen – trotz einer älteren Bevölkerung, die auf Medikamente und nahe Versorgung angewiesen ist.
Berlin

Die Bürger im ländlichen Raum kennen das Spiel schon seit einigen Jahrzehnten. Ob Sparkasse, Versicherung oder der Einzelhandel: In kleinen Ortschaften machen immer mehr Dienstleister dicht. Lange gab es hier vor allem eine rühmliche Ausnahme: die Apotheken. Doch seit rund zehn Jahren nimmt auch die Apothekendichte in Deutschland kontinuierlich ab.

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In ersten Halbjahr 2022 ist die Zahl der Apotheken nach Angaben des Deutschen Apothekerverbands auf den niedrigsten Stand seit über 40 Jahren gefallen. Im Jahr 1982 gab es auf dem Gebiet der alten Bundesrepublik und der ehemaligen DDR insgesamt 18.377 Apotheken, im März 2022 lag die Zahl bei 18.362. Von den mehr als 21.600 einzelnen Apotheken aus dem Jahr 2008 sind wir heute meilenweit entfernt.

Mehr noch: Im kommenden Jahr soll die Zahl weit unter die 18.000er-Marke fallen. Schon jetzt gibt es in Deutschland nur noch rund 22 Apotheken pro 100.000 Einwohner. Damit liegt die Bundesrepublik im europäischen Vergleich deutlich im unteren Drittel, der EU-Durchschnitt liegt bei 32 pro 100.000 Einwohner.

Zu spüren bekommen das vor allem die Bürger auf dem Land. Denn wenn in einer Stadt eine Apotheke schließt, können Verbraucher meist auf eine andere Filiale ein paar Straßen weiter ausweichen. Meistens ist auch nachts und am Wochenende eine Apotheke für Notfälle geöffnet. In ländlichen Gemeinden aber, in denen es ohnehin nur eine Apotheke für einen ganzen Landstrich gibt, sieht das anders aus.

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Wenn dort eine Filiale schließt, müssen Bürger selbst im Notfall lange Anfahrtswege in Kauf nehmen. Die Entwicklung der Zahlen im Nordosten ist somit als Warnsignal zu werten: Laut Apothekerkammer MV ist die Zahl der Apotheken in Mecklenburg-Vorpommern von 411 im Jahr 2014 auf derzeit noch 376 gesunken. Das ist ein Rückgang um fast neun Prozent in acht Jahren.

In Brandenburg fällt der Rückgang milder aus, doch auch in der Mark ist die Entwicklung negativ: Von 579 Apotheken aus dem Jahr 2014 waren Anfang 2022 noch 563 übrig. „Dieser Rückgang ist besonders auf dem Land problematisch”, bestätigt Bernd Stahlhacke, Geschäftsführer der Apothekerkammer Mecklenburg-Vorpommern, dem Nordkurier.

Mittlerweile gebe es in vielen Gemeinden in MV nur noch eine Apotheke, einige Orte müssten sogar komplett ohne Versorgung auskommen. „Für die Bewohner bedeutet das nicht nur längere Anfahrtswege, sondern vor allem eine schlechtere Notdienstversorgung”, so Stahlhacke.

Online-Handel macht Apotheken zu schaffen

Die Gründe für das Apotheken-Sterben sind vielschichtig: Offensichtlich ist, dass der Online-Handel den Vor-Ort-Apotheken zusetzt. Der Marktanteil von Anbietern wie „Doc Morris” oder „Shop Apotheke” beträgt mittlerweile rund 20 Prozent, Tendenz steigend. Ausländische Versandapotheken locken häufig mit günstigen Preisen, zudem expandieren die meist börsennotierten Konzerne äußerst aggressiv.

Ähnlich wie Amazon in den frühen 2000er Jahren geht es den Online-Apotheken nicht darum, schon jetzt schwarze Zahlen zu schreiben, sondern sich Marktanteile zu sichern. Das bedeutet auch: Jedes Prozent Marktanteil, das sie gewinnen, verlieren die Vor-Ort-Apotheken an Umsatz. Leidtragende dieser Entwicklung sind vor allem ältere Menschen im ländlichen Raum.

„Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass viele Lieferangebote nur in Großstädten gemacht werden”, fragt Julia Bang von der Landesapothekerkammer Brandenburg. „Ohnehin schon unterversorgte, ländliche Gebiete bleiben bei diesen Angeboten außen vor, die letzten Kilometer rechnen sich nicht”.

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Vor-Ort-Apotheken sind aber nicht nur durch den Online-Handel, sondern auch durch den Fachkräftemangel bedroht. Vor allem im ländlichen Raum haben Apotheker große Schwierigkeiten, Angestellte oder einen Nachfolger für ihr Geschäft zu finden. Neben den üblichen infrastrukturellen Nachteilen auf dem Land können die berufsbezogenen Anforderungen, wie häufige 60-Stunden-Wochen oder regelmäßige Wochenend- und Nachtdienste, abschreckend wirken.

Viele angehende Apotheker scheuen daher die Verantwortung und das Risiko einer Selbstständigkeit und suchen sich stattdessen eine Anstellung in einem Krankenhaus oder der Industrie. Dies kann dazu führen, dass die einzige Apotheke vor Ort dauerthaft schließen muss, weil kein Nachfolger mehr gefunden werden kann, wie zuletzt in Dranske auf Rügen.

Und nachdem die Entwicklung in Brandenburg in den vergangenen Jahren etwas besser verlief als in Mecklenburg-Vorpommern, könnte das Verhältnis in den kommenden Jahren kippen. Eine Auswertung der Potsdamer Landesapothekerkammer hat nämlich ergeben, dass bis 2028 etwa 40 Prozent aller brandenburgischen Apotheker das Rentenalter erreicht haben werden. Mit anderen Worten: Sollte die Apotheken-Selbstständigkeit für junge Menschen nicht attraktiver werden, ist die Existenz vieler Apotheken in den ländlichen Landkreisen wie der Uckermark gefährdet.

So könnte der Abwärtstrend gestoppt werden

Dies führt zum dritten Problem: In den Augen vieler Apotheker stimmen die politischen Rahmenbedingungen nicht mehr. Neben der stetig zunehmenden Bürokratisierung ist ihnen hier vor allem die Apothekenvergütung ein Dorn im Auge. Die Vergütung für die Apotheken hat sich seit 2004 um 18,5 Prozent erhöht, berichtet MV-Kammer-Geschäftsführer Bernd Stahlhacke.

„Das sieht auf den ersten Blick viel aus. Im selben Zeitraum sind aber die Krankenkassen-Einnahmen um 85,3 Prozent und die Tariflöhne um 37,3 Prozent gestiegen”, so Stahlhacke. Und selbst die Inflation ist durch den Vergütungsanstieg nicht ausgeglichen worden. „Wenn diese Rahmenbedingungen nicht stimmen, fragen sich viele Apotheker natürlich, ob sie sich die Verantwortung und die unregelmäßigen Arbeitszeiten einer Selbstständigkeit wirklich antun wollen”. Schließlich könnten Apotheker auch bei höheren Gehältern in der Industrie oder bei glatten Arbeitszeiten in einer Verwaltung arbeiten.

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Was also muss sich ändern? Kammer-Geschäftsführer Bernd Stahlhacke hat einen Vorschlag: Anstatt nur darauf zu hoffen, dass die Politik den Medikamenten-Onlinehandel, der bei vielen Bürgern offensichtlich gut ankommt, durch zunehmende Regulierung schwächt, wünscht sich Stahlhacke eine Ausdehnung des Verantwortungsbereichs der Apotheken.

„Gebt uns mehr Verantwortung und wir werden es Euch mit einer guten Versorgungsstruktur danken”, verspricht Stahlhacke. Dazu müssten die Apotheken stärker in die Gesamtheit des Gesundheitssystems eingebettet werden. Zum Beispiel könnten Apotheken Ärzte und Fachärzte entlasten, indem sie unterstützende Leistungen erbringen, für die sie qualifiziert sind oder sich schulen lassen können.

Impfungen, Blutabnahmen oder Medikamenteneinstellungen könnten in der Apotheke ebenso vorgenommen werden wie die Aufnahme von Daten wie Blutdruck oder Zuckerwert. Diese könnten dann an den jeweiligen Facharzt zur Diagnose weitergeleitet werden. „Die Politik muss sich dazu bekennen, welche Versorgungsstruktur sie gerne hätte”, so Stahlhacke. „Wenn es politisch gewollt ist, dass es vor Ort niedrigschwellige Beratungsangebote gibt, dann müssen wir stärker eingebunden werden”.

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