Bilder wie diese sind alltäglich geworden. Ein russischer Panzer beschießt ein Wohnhaus im ukrainischen Mariupol.
Bilder wie diese sind alltäglich geworden. Ein russischer Panzer beschießt ein Wohnhaus im ukrainischen Mariupol. Evgeniy Maloletka
Das lässt auch die Menschen hierzulande nicht kalt: Telefonseelsorger kümmern sich rund um die Uhr um die Ängst
Das lässt auch die Menschen hierzulande nicht kalt: Telefonseelsorger kümmern sich rund um die Uhr um die Ängste und Sorgen der Bürger. Bernd Weißbrod
Traumatische Erfahrungen

Kriegssorgen plagen die Bürger im Nordosten

Auf der Suche nach Halt angesichts der Bilder von Zerstörung: Hier berichten Telefonseelsorger, wie der Krieg in der Ukraine die Menschen im Nordosten beschäftigt.
Neubrandenburg

Die Menschen sind aufgewühlt. Vor einigen Wochen noch drehten sich viele Gespräche auf der Straße oder im Supermarkt um die Corona-Pandemie, um Recht und Unrecht der verschiedenen Maßnahmen, um die Impfpflicht, um die Ängste vor einer Ansteckung. Mit dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine hat sich das schlagartig geändert.

Seit dem 24. Februar 2022 ist die Kriegsangst nach Europa zurückgekehrt – und das erfahren insbesondere jene Einrichtungen im Nordosten, die sich auf das seelische Heil der Menschen spezialisiert haben, die Geistlichen, Telefonseelsorger und Beratungsstellen in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg. Sie haben einen Einblick in das, was die Menschen wirklich bewegt und was sie sich in der Öffentlichkeit oft nicht zu sagen trauen.

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„Rund ein Fünftel der Gespräche, die wir derzeit führen, drehen sich um den Krieg in der Ukraine”, berichtet Dagmar Simonsen, Leiterin der Ökumenischen Telefonseelsorge Vorpommern in Greifswald. Viele ältere Anrufer erinnerten sich an ihre eigenen traumatischen Kriegserfahrungen, die nun wieder hochkämen. Jüngere Menschen, die selbst keine Kriegszeiten erlebten, seien unsicher und wüssten nicht, wie sie auf diese neue Situation reagieren sollten. Wieder andere wollten Geflüchtete aufnehmen oder auf andere Art helfen.

Der Krieg ist allgegenwärtig

„Die Anrufe, die wir heutzutage bekommen, sind sehr von Mitleid, Sorge und dem Wunsch, sich engagieren zu können, getrieben”, sagt Simonsen. Den Medien käme in diesen Zeiten eine hohe Verantwortung zu. „Die Sorgen und Ängste der Menschen basieren natürlich auf den Dingen, die berichtet werden.”

Bundesweit führen die Telefonseelsorger täglich rund 2500 Gespräche, sagt die ebenfalls in Greifswald ansässige Ulrike Mai von der Telefonseelsorge Deutschland. Die Menschen drückten „Entsetzen und Fassungslosigkeit” aus, aber auch „konkrete Ängste, dass der Krieg auf Deutschland übergehen könnte, dass ein dritter Weltkrieg als Möglichkeit näher rückt.”

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„Der Krieg ist quasi allgegenwärtig”, sagt Pfarrer Gunter Ehrlich aus dem uckermärkischen Pfarrbereich Criewen dem Nordkurier. Im Extremfall kämen Ratsuchende mit ernsthaften psychischen Problemen zu ihm und bräuchten professionelle Hilfe. „Auch Gedanken darüber, wann man selbst Deutschland verlassen muss, um sich in Sicherheit zu bringen, habe ich schon gehört”, sagt Ehrlich.

Bürger wollen sich aus Angst nicht öffentlich äußern

Ein anderer Pfarrer aus der Uckermark möchte aufgrund der seelsorgerischen Verschwiegenheit und der Gefahr möglicher Rückschlüsse auf Ratsuchende namentlich nicht genannt werden. Er berichtet, dass der Krieg in der Ukraine die Menschen mehr umtreibe, da „er scheinbar doch in der persönlichen Wahrnehmung näher ist als ein Konflikt in Syrien.” Viele Menschen wollten aus Angst ihre Meinung öffentlich nicht äußern, etwa wenn es um stärker werdende Auswanderungsgedanken oder um Kritik am Verhalten der ukrainischen Regierung ginge.

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Ratsuchende seien zwar um eine differenzierte Sichtweise bemüht, doch es überwiege das Gefühl, diese Fragen nicht öffentlich debattieren zu können. „Grundsätzlich erfahre ich in den Gesprächen auch von tiefen Frustrationen, die sich durch die Zeiten, die von Krisen gebeutelt waren, angestaut haben”, berichtet der Pfarrer weiter. Vor allem wirtschaftliche Probleme, die aus der Corona-Pandemie stammen und durch die steigenden Sprit- und Energiekosten nun verschärft werden, bereiten vielen Bürgern Sorgen.

Sorgen, Verzweiflung und Wut bei Ukrainern

Eine besondere Bedeutung kommt derzeit der russischsprachigen Telefonseelsorge „Doweria” (russisch für „Vertrauen”) zu. Die Hotline wurde 1999 von russischsprachigen Psychologiestudenten ins Leben gerufen und beschäftigt heute knapp 90 ausgebildete Ehrenamtliche, die sich rund um die Uhr um Ratsuchende kümmern. Hier rufen nicht nur Russen und russischstämmige Menschen an, sondern auch Ukrainer und Bürger, die aus anderen ehemaligen Sowjet-Republiken stammen, berichtet Doweria-Leiterin Tatjana Michalak.

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Für die Ukrainer drehten sich die Anrufe meistens um praktische Fragen, die mit dem Kriegsgeschehen unmittelbar in Verbindung stünden, um ärztliche Behandlungen, juristische oder finanzielle Hilfen, Dolmetscher, Unterkünfte oder um Hilfe bei Kriegstraumatisierungen, vor allem bei ihren Kindern. Viele Anrufer hätten noch Verwandte vor Ort, sagt Michalak, und suchten eine Möglichkeit, um über ihre Sorgen, Verzweiflung und Wut zu sprechen.

Russische Kinder in der Schule gemobbt – auch von Lehrern

Doch auch russischstämmige Menschen könnten sich in Deutschland den Folgen des Krieges nicht entziehen. „Wenn sie als 'Russen' identifiziert werden, dann begegnen ihnen Beschimpfungen, Arbeitskündigungen oder Aggressionen von Einheimischen und auch von Menschen aus der Ukraine, selbst wenn sie als Ehrenamtliche helfen wollen”, sagt Michalak. Einige russischsprachige Anrufer berichteten von Mobbing der Kinder in den Schulen, auch durch Lehrkräfte.

„Es überwiegen Ängste, Ohnmacht, Enttäuschung”, aber auch ganz praktische Probleme wie finanzielle Schwierigkeiten oder fehlende Unterkunftsmöglichkeiten aufgrund von russischen Pässen spielten eine Rolle. „Es rufen bei Doweria auch Menschen an, die Geflüchtete bei sich aufgenommen haben, aber keine psychische und finanzielle Kapazität mehr haben, sie zu versorgen und nicht mehr weiter wissen”, berichtet Michalak weiter.

Trotz allem das Schöne am Leben genießen

Doch welche Ratschläge können die Seelsorger geben? Sie „hören aktiv zu, nehmen die geäußerten Sorgen ernst und suchen gemeinsam mit den Kontaktpersonen nach Ressourcen, die ihnen zur Verfügung stehen, um besser mit der Angst und dem Gefühl von Ohnmacht fertig werden zu können”, sagt Ulrike Mai. Vielen helfe schon, überhaupt einmal über ihre Lage sprechen zu können.

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Dem pflichtet der uckermärkische Pfarrer Gunther Ehrlich bei: "Ängste nicht runterschlucken, sondern rauslassen, sich mit anderen zusammentun und aktiv werden, auf keinen Fall ständig nur allein herumgrübeln”. Viele Bürger im Nordosten hätten ein schlechtes Gewissen und könnten das Leben nicht genießen, wenn andere Menschen im Krieg sterben oder auf der Flucht sind. „Das hilft aber keinem”, sagt Ehrlich. „Genießt alles Schöne am Leben, dafür ist es uns gegeben. Und nur, wenn Ihr das tut, werdet Ihr die Kraft haben, um die Last anderer mitzutragen”.

 

Die Telefon-Seelsorge ist ein Seelsorgeangebot der evangelischen und katholischen Kirchen. Sie ist kostenlos, vertraulich, anonym und rund um die Uhr über das deutsche Festnetz und per Handy unter den Rufnummern 0800 1110-111 und 0800 1110-222 erreichbar.

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