Viele Stromversorger im Nordosten haben ihre Preise für 2023 kräftig angezogen. Dabei gibt es krasse Unterschiede: Einige Grundversorger dürften nun zu den teuersten bundesweit gehören.
Dabei gibt es krasse Unterschiede: Einige Grundversorger dürften nun zu den teuersten bundesweit gehören. NK-Grafik
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Viele Stromversorger im Nordosten haben ihre Preise für 2023 kräftig angezogen. Arno Burgi
Grundversorgung

Preisexplosion bei Stadtwerken – Strom in MV teurer als in München

Immer mehr Versorger verteuern ihre Abschläge. Die Folge: Mancherorts werden die Strompreise mehr als verdoppelt – oder sogar verdreifacht! Aber nicht überall.
Neubrandenburg

Die Energieversorger hatten es angekündigt und doch hatten viele Kunden die böse Überraschung nun im Briefkasten: In viele Haushalte sind jüngst Preiserhöhungen ihrer Stromversorger geflattert – mit teils drastischen Anhebungen. So verlangen etwa die Stadtwerke Neubrandenburg (neu.sw) ab Januar in der Grundversorgung pro Kilowattstunde rund 50 Cent – mehr als das Doppelte als bisher. Doch das ist nicht die heftigste Teuerung im Nordosten: Einige Stadtwerke in der Region dürften mit ihren neuen Preisen sogar zu den bundesweit teuersten Grundversorgern gehören.

Krasse Unterschiede bei den verschiedenen Stadtwerken

Die Stadtwerke in Waren erhöhen beispielsweise die Preise um rund 18 Prozent auf 32,40 Cent je Kilowattstunde. In Prenzlau berechnen die Stadtwerke ab Januar 36,15 Cent – nicht mal 5 Cent mehr als bisher.

Nordkurier-Tabelle – Strompreise der Grundversorger in Mecklenburg-Vorpommern und der Uckermark

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In Schwedt zahlen Grundversorger-Kunden ab dem kommenden Jahr 33,22 46,30 Cent pro Kilowattstunde. In anderen Städten fallen die Erhöhungen dagegen saftiger aus: In Wismar, Schwerin, Rostock und Parchim fordern die Stadtwerke sogar über 55 Cent in der Grundversorgung ab kommenden Jahr.

Greifswalder Preise innerhalb eines Jahres fast verdreifacht

Den größten Schock dürften aber Stromkunden in Greifswald bekommen haben: Bezahlten Stromkunden in der Grundversorgung der Greifswalder Stadtwerke Anfang des Jahres noch 27,83 Cent, stieg der Preis bereits zum Juli auf 38,73 Cent – nun soll die Kilowattstunde ab Januar sogar 67,65 Cent kosten. Zum bundesweiten Vergleich: Die Münchener Stadtwerke verlangen ab Neujahr 61,9 Cent.

In Mecklenburg-Vorpommern toppen diese Rekordpreise nur noch die Stadtwerke Ludwigslust (von 43,86 sogar auf 68,87 Cent) und der zuständiger Grundversorger für Grimmen mit sogar 72,87 Cent pro Kilowattstunde ab Neujahr – der Grundversorger in Grimmen: die Stadtwerke Greifswald. In Stralsund wurde der Strompreis von den dortigen Stadtwerken auch erhöht, Grundversorger-Kunden zahlen dort ab Januar aber nur 41,21 Cent – und damit 25 Cent weniger als im benachbarten Greifswald. Wie kommt das?

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Die Greifswalder Stadtwerke begründen auf Nordkurier-Nachfrage die enormen eigenen Preiserhöhungen, durch eine fast unmögliche Strombeschaffung und einen Einkauf für das kommende Jahr „unter explodierenden Rohstoffpreisen” und teils extreme Preissprünge pro Tag an der Börse. Laut Stadtwerke-Sprecherin Steffi Borkmann ergäbe sich der preisliche Unterschied zwischen Grimmen und Greifswald durch die höheren Netzentgelte des Betreibers E.dis im Gebiet Grimmen.

Bei vielen Grundversorgern sind in den letzten Monaten per Gesetz die Stromkunden gelandet, deren Stromanbieter in der aktuell angespannten Energielage insolvent gingen oder ihnen kündigten. Auch die Greifswalder Stadtwerke müssen nun sicherlich eine große Zahl so nicht geplanter Kunden mit teurer Energie versorgen. Wie viele das von den rund 31.000 Haushaltskunden für Strom sind, dazu möchte das Unternehmen dem Nordkurier keine Auskünfte geben.

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Was sagen die – bisher weitaus günstigeren – Stadtwerke in der Region?

Die Stadtwerke in Stralsund erklären ihre Preise durch langfristig beschaffte Energiemengen. Das Preisgefüge der Grundversorger deutschlandweit gehe sehr weit auseinander, mit den Preisen in Stralsund liege man im unteren Viertel, heißt es von den Stadtwerken am Strelasund. Eine Stadtwerke-Sprecherin erklärt, dass für einen direkten Vergleich auch die Höhe der deutschlandweit sehr unterschiedlichen Netzentgelte zu beachten sei. Hier ist die Diskrepanz vom ländlichem Raum im Gegensatz zur Stadt durch höhere Netzentgelte in den vergangenen Jahren noch einmal deutlich gestiegen.

Auch die vergleichweise günstigen Stadtwerke Waren erklären die eigenen Preise durch die eigene konservative Einkaufsstrategie für einen Großteil der Energie. Daher kämmen die „extremen Preisverwerfungen der letzten Monate erst zeitlich verzögert” an. Die Preishöhe für die Kunden des Warener Grundversorgers erklären sich also im Wesentlichen aus niedrigeren Einkaufspreisen in der Vergangenheit, so Geschäftsführer Michael Hübner.

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„Um den Zukauf teurer Energie zu begrenzen und damit die Preise für unsere Kunden soweit überhaupt möglich zu stabilisieren, bieten wir bis auf Weiteres keine neuen Verträge an”, so der Stromversorger an der Müritz auf Nordkurier-Anfrage. Dieser Schritt sei nicht leicht gefallen.

Trete aber keine grundlegende Verbesserung ein, werden nicht nur die hohen Großhandelspreise für Energie absehbar auch an der Müritz in voller Höhe ankommen. Energie bleibe auf unbestimmte Zeit ein knappes und teures Gut, so der Geschäftsführer – und betont den sparsamen Umgang mit Energie.

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Strompreisbremse als Einsparung verkauft?

Die sogenannte Strompreisbremse soll Belastungen durch die hohen Strompreise dämpfen, und wurde am Freitag vom Bundeskabinett beschlossen. Dabei soll bei Haushalten und kleineren Unternehmen für 80 Prozent des Vorjahresverbrauchs der Preis gedeckelt werden, und zwar auf 40 Cent je Kilowattstunde. Verbraucht der Kunde mehr, zahlt er den normalen Vertragspreis. Die Versorger sollen die Strompreisbremse ab März in den Abschlägen berücksichtigen. Rückwirkend soll die Bremse dann auch für Januar und Februar gelten.

Spekulieren nun Grundversorger womöglich auf den staatlichen Strompreisdeckel und ziehen die Preise deswegen so an? Die Stadtwerke Greifswald werben jedenfalls schon auf ihrem Internetauftritt mit bis zu 30 Prozent „Einsparungen” für Kunden auf die neuen hohen Stromkosten durch die mögliche Einführung einer „Strompreisbremse”. Und sogar mit 50 Prozent Einsparpotenzial, wenn Kunden ihren jährlichen Stromverbrauch um ein Fünftel reduzieren. Die Rechnung basiert aber auf den landesweit sehr hohen Strompreisen, den die Greifswalder aufrufen. Dies soll einen Sparanreiz geben – wenn denn noch Stromsparmöglichkeiten bestehen.

Arian Freytag von der Verbraucherzentrale MV in Rostock sieht das auch als Problem durch die Preisbremse. Während einige die gedeckelten 80 Prozent des eigenen Vorjahresverbrauches erreichen können, schaffen dies sparsame Kunden wohl nicht mehr – und zahlen dann die hohen neuen Preise, sagt Freytag.

„Die Strompreiserhöhungen zum Jahreswechsel fallen teils drastisch aus“, stellt auch der Energieexperte Udo Sieverding der Verbraucherzentrale NRW fest. Mit Blick auf die Strompreisbremse befürchtet der Verbraucherschützer auch Missbrauch. „Wir schließen nicht aus, dass das ein oder andere Unternehmen die Preisbremsen auch nutzt, um mehr zu erhöhen als unbedingt nötig.“ Zwar gebe es das Missverbrauchsverbot im Gesetzesentwurf. „Aber wer soll das ernsthaft überprüfen? Und außerdem konnten die Anbieter ja nun schon zum Januar erhöhen, bevor das Gesetz in Kraft tritt.“

Die meisten Stromversorger im Nordosten haben dies bereits getan.

Korrektur - 06.12.2022: Der Arbeitspreis/kWh der Stadtwerke Schwedt in der Grundversorgung beträgt ab dem 1.1.2023 46,30 Cent und nicht 33,20 Cent, wie zuerst berichtet. Die Beispielrechnung für Parchim wurde korrigiert. – Der Autor

 

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Kommentare (1)

Wenn man zuverlässigen und preiswerten Strom abschafft, müssen Stromanbieter den Strom erhöhen. So wie gewünscht und gefordert, liefert diese Bundesregierung. Irgendwann in drei bis acht Jahren kann man stolz verkünden, erfolgreiche Energieeinsparung, Palau geht nicht unter, deutsche Bevölkerungsschichten im himmelhochjauchzenden Glückszustand. Die Preisspirale bei den Teuerungen wirkt sich auch auf Lohn- und Gehaltserhöhungen aus, so dass man ausrufen kann: viel Geld ohne Wert, keine Ware, da diese unbezahlbar im Ausland wird, weil Wirtschaft, Industrie und Landwirtschaft wegen Strommangel auf dem Zahnfleisch gehen und so gut wie nichts produziert wird, außer Bio-Smartphones und Balkonkraftwerke (unter Kraftwerk geht es bei volatilen Energieerzeugern nicht). Wenn Familien anfangen den Staat mit Strom versorgen sollen (überproduzierter Strom soll ins öffentliche Netz gespeist werden), dann ist Deutschland völlig gaga. Aber blödsinniger geht immer. Auf in die nächste Runde der Dummheiten. Abgeordnete des Bundestag werden dazu wieder lustige Tänzchen auf ihren Fluren veröffentlichen.