Frank Wilhelm, verantwortlicher Redakteur der Nordkurier-Buchreihe „1945. Zwischen Krieg und Frieden“
Frank Wilhelm, verantwortlicher Redakteur der Nordkurier-Buchreihe „1945. Zwischen Krieg und Frieden“ Ulrike Kielmann
Familie Vau aus Penzlin floh im April 1945 vor der Roten Armee bis nach Schwerin.
Familie Vau aus Penzlin floh im April 1945 vor der Roten Armee bis nach Schwerin. Horst Vau/ZVG
Ernst-Günter Schramm mit Mutter Herta und Schwester Gisela aus Leizen. Auch seine Geschichte findet sich im Buch.
Ernst-Günter Schramm mit Mutter Herta und Schwester Gisela aus Leizen. Auch seine Geschichte findet sich im Buch. Ernst-Günter Schramm
Der siebente Band der Nordkurier-Buchreihe „1945. Zwischen Krieg und Frieden”
Der siebente Band der Nordkurier-Buchreihe „1945. Zwischen Krieg und Frieden” NK
Erinnerungen

Geschichten zum Kriegsende gehen nicht aus

Den Nordkurier erreichen noch immer viele Erinnerungen an das Jahr 1945. Gerade ist Band 7 der Reihe „1945“ erschienen. Mit Herausgeber Frank Wilhelm sprach Sirko Salka.
Neubrandenburg

­Stimmt es, dass die Buchreihe „1945. Zwischen Krieg und Frieden“ eher zufällig entstanden ist?

Ja, das war absoluter Zufall. Unsere damalige Chefredaktion kam Anfang 2015 auf die Idee, 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine Sonderausgabe des Heimatkurier zu produzieren. Darin sollten Leser ihre Erinnerungen an die Zeit zwischen Krieg und Frieden schildern. Nach einem Aufruf im Nordkurier erhielten wir unerwartet viele Briefe, Fotos, Dokumente und Anrufe zum Thema. Das Material hätte locker für ein Buch gereicht. Hat es dann auch: Denn kurzerhand haben wir zum eigentlichen Jahrestag am 8. Mai 2015 den ersten Band aus dem Boden gestampft.

 

Wann wurde euch klar, dass man aus „1945. Zwischen Krieg und Frieden“ eine Buchreihe machen kann?

Während der Produktion des ersten Bandes haben wir keine Gedanken an eine Fortsetzung verschwendet. Aber in Resonanz auf das Buch erhielten wir erneut zahlreiche Beiträge. Schnell stand fest: Wir machen das Jahr drauf Band zwei.

 

Gerade ist nun der siebte Band erschienen – inwiefern hat sich das Konzept über die Jahre verändert?

Nicht wesentlich: Wir veröffentlichen Erinnerungen unserer Leser. In den Büchern sind aber auch – das ist mir wichtig – authentische Dokumente enthalten, sprich Tagebücher oder Briefe, die damals, 1945, 1946, geschrieben worden sind. Seit Band 3 bemühen wir uns darüber hinaus, Geschichten aufzugreifen, die auch die andere Seite zeigen und veranschaulichen: Warum ist dieser Krieg begonnen worden, welche Verbrechen haben wir Deutschen an den Ukrainern, an den Russen, den Polen verübt, welches Leid haben Zwangsarbeiter, KZ-Insassen und Kriegsgefangene erlitten?

Idealerweise haben wir dazu in Neubrandenburg eine gute historische Ausgangslage, weil es in Fünfeichen ein Kriegsgefangenenlager gab. Und wir haben hier ein exzellentes Stadtarchiv, das in den 2000er-Jahren Kontakt zu ehemaligen Insassen, aber auch zu Frauen aus dem Außenlager des KZ Ravensbrück aufgenommen hat, die in Briefen ihre Erinnerungen an die Zwangsarbeiterzeit aufgeschrieben haben. Auf diese Briefe und Dokumente kann man sich stützen. Diesmal haben wir Erinnerungen der Polin Stanislawa Kolenowa im Buch.

 

Inzwischen sind 77 Jahre seit dem Kriegsende vergangen. Gehen nicht langsam die Geschichten aus – und verlieren wir nicht auch die letzten Zeitzeugen?

Es ist nie alles erzählt, weil jeder seine eigene Geschichte hat: Wenn der Vater an der Front geblieben ist oder in Gefangenschaft verstorben ist, wenn der Mutter Schlimmes widerfahren ist, wenn die Familie auf der Flucht war. Nicht vergessen sollte man auch die vergleichsweise „kleinen“ Flucht-Geschichten, wenn Menschen zum Kriegsende aus den Städten geflohen sind, sich in den nahen Wäldern wie bei Neubrandenburg versteckt haben und nach ein paar Tagen zurückkehrten. Daraus ergeben sich unendlich viele Schicksale und Geschichten. Aber ja, natürlich tickt die biologische Uhr. Das Gute an unserem Gesundheitssystem ist vielleicht, platt gesagt, dass die Zeitzeugen immer älter werden.

 

Wie wahrhaftig können die Geschichten in den Büchern tatsächlich sein? Viele Leser waren damals im Kindesalter.

Wir alle wissen: Erinnerung ist trügerisch. Jeder interpretiert ja schon die Gegenwart anders. Und natürlich wird die Wahrheit auch anders widergespiegelt nach 50, 70 oder 77 Jahren. Aber: Einerseits beschäftige ich mich intensiv mit Geschichte, vor allem mit der jüngeren deutschen Vergangenheit. Während meiner Arbeit an den Büchern lese ich viel Sekundärliteratur, ich recherchiere Daten und Personen und prüfe das im zeitlichen Kontext. Hinzu kommt der eigene Erfahrungshorizont: Bestimmte Dinge und Details wiederholen sich zwangsläufig, und zwar auch in der Rückschau unserer Leser.

Ein Beispiel: Dass sowjetische Soldaten deutsche Frauen und auch Zwangsarbeiterinnen vergewaltigt haben, war zu DDR-Zeiten ein Riesentabu. Ein Tabu, mit dem zuerst die Schriftstellerin Christa Wolf gebrochen hat, 1976 in ihrem Buch Kindheitsmuster. Nach der Wende haben sich diese Geschichten verdichtet, indem die Frauen den Mut fanden, sie zu erzählen. Historiker können das belegen. Schon vor Jahren haben auch russische Autoren wie Lew Kopelew, der Offizier der Roten Armee bei der Eroberung Ostpreußens war, schlimme Übergriffe sowjetischer Soldaten beschrieben.

 

Wie ist das mit weniger belegbaren Ereignissen, mit Erinnerungen von Menschen, die 1945 kleine Kinder waren?

Je älter wir werden, desto detailreicher werden unsere Erinnerungen an mitunter frühe Ereignisse im Leben, stellen Psychologen immer wieder fest. Nehmen wir beispielsweise die Geschichte von Horst Vau in dem neuen Buch. Er beschreibt darin einen Fliegerangriff auf einen Treck an der Kreuzung bei Weitin nahe Neubrandenburg. Das war für den damals Sechsjährigen so einprägsam, dass er sich seit Jahren bei der Aufarbeitung dieses Vorfalls engagiert und mit anderen ausgetauscht hat: Auf welchem Friedhof liegen die, die damals bei dem Angriff ums Leben gekommen sind? Können wir die Gräber noch nachweisen? Bestimmte Fixpunkte prüfe ich natürlich noch mal ...

 

Trotzdem, Emotionen sind immer subjektiv.

Richtig. Es bleibt immer ein Restrisiko bei der Wahrheitsfindung. Ich versuche, beim Bearbeiten der Einsendungen gewisse Dinge wie blinden Hass auf die Rote Armee zu streichen. In Band sieben findet sich beispielsweise die berührende Geschichte von Doris Festersen aus Neubrandenburg, die als kleines Mädchen mit ihrer Mutter nach dem Kriegsende drei Jahre in Königsberg ausharren musste. Ihre Großmütter, der Großvater, ein Onkel, fast ihre ganze Familie wurde in der von der Roten Armee besetzten, ehemals deutschen Stadt ausgelöscht. Dennoch differenziert sie: Es gab die Sowjetsoldaten, die Frauen zur Arbeit getrieben haben, die übergriffig geworden sind. Aber es gab auch jene, die dem kleinen Mädchen geholfen haben, das am Straßenrand für seine Oma betete.

 

Im Vorwort gehst Du auf den Krieg in der Ukraine ein. 77 Jahre hatten wir weitgehend Frieden in Mitteleuropa. Welche Gedanken gehen Dir vor dem Hintergrund durch den Kopf, dass mittlerweile mehr als 1300 Seiten zum Thema „Zwischen Krieg und Frieden“ erschienen sind?

Ich kann nicht verstehen, dass ein Land wie Russland, das selbst so viel Leid erlebt hat, jetzt ein Bruderland, das 1941 ebenfalls angegriffen wurde, vernichten und auslöschen will. Damit komme ich nicht zurecht, und ich bin überrascht, dass viele Menschen – gerade hier im Osten – anders denken, dass sie eher einen ukrainischen Präsidenten, der für seine Heimat kämpft, kritisieren, als einen russischen Präsidenten, der einen brutalen Angriffskrieg führt. Das ist mir ein Rätsel, das mich auch traurig stimmt. Mitunter wird jetzt sogar von Luxus-Flüchtlingen gesprochen. Sollen denn Frauen, Kinder und Greise mit dem Handkarren statt mit dem Bus nach Deutschland kommen wie damals die Flüchtlinge?

 

Berndt Seite, ehemaliger Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, hat die Buchreihe „ein tolles Zeitdokument“ genannt und damit geadelt. Was bedeuten die Bände Dir persönlich?

Ich glaube, dass jeder Mensch seine Geschichte gern weitergeben möchte, an die Kinder, an die Enkel, und dass es immer noch viele unveröffentlichte Aufzeichnungen gibt. Ich möchte Lebensgeschichten weitergeben. Als Zeitung haben wir ideale Voraussetzungen, da können wir wirklich Heimatzeitung sein. Wir reichen den Menschen die Hand, zeigen ihnen, wir sind interessiert an euren Geschichten. Und wir zeigen ihnen, wir sind fair, weil wir diese Geschichten der Menschen aufschreiben, sie dokumentieren. Wir vertrauen den Lesern, dass das, was sie erzählen, wahr ist. Das merken die Leute, und vielleicht ist auch das ein Grund für den kontinuierlichen Erfolg der Buchreihe.

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