Zehn Jahre lang strömte durch die NEL-Pipeline wie hier im Glasower Wald russisches Erdgas. Mit den Anschlägen auf d
Zehn Jahre lang strömte durch die NEL-Pipeline wie hier im Glasower Wald russisches Erdgas. Mit den Anschlägen auf die Nord-Stream-2-Röhren ist nun offener denn je, ob die Trasse überhaupt noch gebraucht wird. Torsten Bengelsdorf
Der Trassenverlauf ist noch auszumachen.
Der Trassenverlauf ist noch auszumachen. Torsten Bengelsdorf
Energiekrise

Nach Nord-Stream-2-Anschlägen - hat diese Pipeline in MV schon ausgedient?

Seit 2012 flossen jährlich Milliarden Kubikmeter russisches Erdgas quer durch die Mecklenburger Schweiz. Was soll nun aus der Nordeuropäischen Erdgasleitung werden?
Dargun

Es ist noch gar nicht so lange her: Schwere Technik hatte sich aneinandergereiht, um den 36 Meter breiten Graben auszuheben. Wie ein Band – gesäumt von einem Erdwall – schlängelte sich der Rohrgraben einmal quer durch Mecklenburgs Schweiz, an Dargun vorbei, zwischen Altkalen und Kleverhof entlang, bei Thürkow und Klein Wokern die Bundesstraßen 108 und 104 querend.

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Gerade einmal elf Jahre liegt es zurück, dass der Trassenbau in der Region für viel Aufsehen sorgte. Eine Pipeline, die größtmögliche Versorgungssicherheit bringen sollte, mit diesen Worten wurde der Bau der Nordeuropäischen Erdgasleitung (NEL) damals angepriesen. Vor zehn Jahren floss hier dann das erste Erdgas, 19 Milliarden Kubikmeter jährlich, die von der Ostsee-Pipeline Nord Stream 1 über Lubmin bis ins niedersächsische Rehden gelangten. Doch seit Ende August kommt über Nord Stream 1 nichts mehr an in Lubmin.

Notfall-Nummer ist noch besetzt

Und jetzt? Noch immer ist die Notfall-Nummer besetzt, die an den gelben Markierungspfosten entlang der NEL-Erdgastrasse vermerkt ist. Die Leitung sei ja auch weiterhin mit Gas befüllt, um einen bestimmten Druck zu halten, heißt es hier. Ähnlich also wie bei den Ostsee-Pipelines bis zu ihrer Sprengung vor einer Woche.

Am sichtbarsten ist der Trassenverlauf immer noch an der breiten Schneise von der B 110 am westlichen Darguner Ortsausgang hinüber in Richtung Glasow. Der kahle Streifen, den die Trassenbauer hier hinterlassen haben, wächst nur allmählich wieder zu.

Und das hat seine Gründe, wie Darguns Forstamtsleiter Rüdiger Neise berichtet. Mit den Gasleitungs-Investoren verbindet Darguns Förster immer noch ein „Gestattungsvertrag“. „Der regelt die Dinge, die wir bei der Unterhaltung der Fläche beachten müssen“, erklärt Neise. Und das ist immer noch eine ganze Reihe an Vorsichtsmaßnahmen – egal, ob da unter dem Waldboden nun gerade Erdgas fließt oder eben nicht.

Mit schwerer Technik etwa darf das Trassenland nicht befahren werden. Auch dürfen hier nur Flachwurzler wachsen, die der Erdgasleitung nicht gefährlich werden können. Das Forstamt hatte sich, nachdem alle Leitungsgräben wieder verfüllt waren, für Nordmanntannen entschieden, so dass auf der Schneise im Glasower Wald die größte Weihnachtsbaum-Plantage der Gegend entstand.

Für die neuen Christbäume kam der Investor Wingas auf, der auch die Tannenbäume bezahlt hatte, die zuvor dem Trassenbau weichen mussten. Freihalten müssen die Waldarbeiter auch heute noch eine Gasse als Transportweg für die Gasleute.

Im vergangenen Jahr erste Weihnachtsbäume geerntet

Im vergangenen Jahr waren zum ersten Mal Tannenbäume von der Gaspipeline-Schneise geschlagen und verkauft worden. „Und auch dieses Jahr werden wir hier wieder welche rausholen“, kündigt der Forstamtsleiter an. Auffälligkeiten seien bei den Tannenbäumen bisher keine festgestellt worden. Die Christbäume würden mit solch gravierenden Eingriffen in das Ökosystem ganz gut klarkommen.

Anspruchsvolle Bäume wie etwa die Buche hätten mit den Bauarbeiten wohl mehr Probleme bekommen. Das Hin- und Herwalzen beim Trassenbau hatte aus dem Waldboden immerhin für eine gewisse Zeit Bauland werden lassen.

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Ob durch die Nordeuropäische Gasleitung jemals wieder etwas strömt oder die Trasse nach nur zehn Jahren bereits wieder ausgedient hat, ist nach den Anschlägen in der Ostsee so offen wie nie zuvor. Flüssiggas, das in Lubmin bald das russische Pipeline-Gas ersetzen soll, kommt für die Gastrasse jedenfalls eher nicht in Frage.

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