Dr. Sven Armbrust, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum Neubrandenburg
Dr. Sven Armbrust, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum Neubrandenburg Susanne Schulz
Pandemie

Kinderarzt sieht keine Notwendigkeit für Corona-Impfung ab 5 Jahren

Angesichts geringer Ansteckungsgefahr wäre der Nutzen einer Impfung gering, schätzt Chefarzt Dr. Sven Armbrust aus der Neubrandenburger Kinderklinik ein. Mehr Sorgen bereitet ihm ein anderes Virus.
Neubrandenburg

Einer Corona-Impfung für Kinder ab 5 Jahren, wie sie derzeit in den USA angestrebt wird, steht der Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin am Neubrandenburger Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum „sehr zurückhaltend” gegenüber. Er sehe keine Notwendigkeit für die flächendeckende Impfung von Kindern, sagt Dr. Sven Armbrust.

„Keine relevante Schutzwirkung”

Er verweist dabei auf die auch von der Ständigen Impfkommission (StIKo) zu prüfende Frage, wer warum geimpft und wer auf diese Weise geschützt werden solle. Studien aus verschiedenen Ländern zufolge sei der Anteil von Kindern an den Infektionszahlen äußerst gering, ebenso die Ansteckungsgefahr für Erwachsene, und der Verlauf meist mild. Somit sei weder für die Kinder selbst noch für Dritte eine relevante Schutzwirkung zu erzielen.

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Auch bei Kindern und Jugendlichen ab 12 Jahren, für die in Deutschland der Impfstoff von Biontech/Pfizer zugelassen ist, plädiert der Mediziner für eine Fokussierung auf Risikogruppen. Generell sei bei Impfempfehlungen die erhoffte Schutzwirkung gegen unerwünschte Nebenwirkungen abzuwägen, verweist er auf – wenn auch in geringer Zahl aufgetretene – Herzmuskelentzündungen bei männlichen Jugendlichen.

RS-Virus bereitet große Sorgen

In den USA hat ein Beratergremium die Notfallzulassung des Biontech/Pfizer-Impfstoffs für Kinder ab 5 Jahren befürwortet. In Europa werde eine Zulassung frühestens Mitte November erwartet, heißt es vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte. Der Verband spricht sich jedoch dafür aus, dann zunächst die Stiko-Empfehlung abzuwarten. Die Ständige Impfkommission indessen sieht derzeit einem Sprecher zufolge durch eine US-Studie mit knapp 2300 Teilnehmern noch keine hinreichende Datenbasis gegeben.

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Zu schaffen macht den Kinder- und Jugendmedizinern unterdessen das hohe Aufkommen an anderen Virus-Infektionen. Vor allem das sogenannte RS-Virus, das zu schweren bronchialen Infektionen führt, bereitet Armbrust zufolge „große Sorgen”. Wie überall im Land sei auch die Neubrandenburger Kinderklinik dadurch sehr beansprucht. Vor allem für die Jüngsten könne die Erkrankung, die in schweren Fällen eine Beatmung erfordert, bedrohlich werden und überdies Narben auf der Lunge hinterlassen, die ein „Einfallstor” für weitere Erreger öffnen und die Anfälligkeit für spätere Infekte erhöhen.

„Ein ganz verrücktes Infektionsjahr”

Generell verzeichnen die Mediziner im Hinblick auf Infektionskrankheiten ein „ganz verrücktes Jahr” und untypischem Beginn und Verlauf, stellt Armbrust fest. Das normalerweise ab Ende Oktober auftretende RV-Virus habe diesmal bereits seit August die ersten Fälle im Land verursacht.

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Dazu beigetragen habe, dass in Folge der Lockdown-Monate die sogenannte „stille Feiung” ausgeblieben sei: die ganz alltägliche Keimbelastung, die das Immunsystem zur Bildung von Abwehrkräften herausfordere, ohne dass die Krankheit ausbreche. Das Fehlen solcher Immunkräfte, gepaart mit einer Wetterlage, die Erreger begünstige, und der bereits erfolgten Ausbreitung des Virus bilde eine Gemengelage, gegen die man sich auch nicht in relevantem Umfang schützen könne, mahnt Sven Armbrust. Als Mindestmaß an Gegenwehr rät er zu regelmäßigem Händewaschen, um die Virenübertragung aus Arbeitswelt und Schule, Nahverkehr und Einkaufsmärkten möglichst zu reduzieren.

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