Die Zwillinge Neo und Levi aus Neustrelitz kamen erst im August auf der Frühchenstation in Neubrandenburg zur Welt.
Die Zwillinge Neo und Levi aus Neustrelitz kamen erst im August auf der Frühchenstation in Neubrandenburg zur Welt. privat
Für die Eltern war insbesondere der verhältnismäßig kurze Anfahrtsweg von Neustrelitz nach Neubrandenburg
Für die Eltern war insbesondere der verhältnismäßig kurze Anfahrtsweg von Neustrelitz nach Neubrandenburg wertvoll, wie sie in einem offenen Brief beschreiben. privat
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Behandlungsverbot

Klinikum dankt für Welle der Unterstützung bei Frühchenstation

Nach dem Behandlungsverbot für „Extrem-Frühchen” erfährt das Neubrandenburger Bonhoeffer-Klinikum viel Solidarität. Vor allem betroffene Eltern machen sich stark.
Neubrandenburg

Das Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum (DBK) in Neubrandenburg kämpft nun offensiver um den Erhalt seines Perinatalzentrums Level 1 für kleinste Frühchen. In einer öffentlichen Mitteilung bedankte sich die Leitung für den großen Zuspruch, den das Klinikum in den vergangenen Tagen erhalten habe. Bundes-, Landes- und Lokalpolitiker hätten zugesichert, sich für den Erhalt starkzumachen. Vergangene Woche war bekannt geworden, dass der Landesverband der Landes- und Ersatzkassen der Kinderklinik das erwartete Behandlungsverbot für Frühchen mit einem Gewicht von unter 1250 Gramm ausspricht.

Mahnwache vor der AOK geplant

Das Neubrandenburger Klinikum vergisst in der eigenen Mitteilung auch nicht, die Landesregierung subtil weiter in die Pflicht zu nehmen. „Stellvertretend möchten wir uns insbesondere bei Ministerpräsidentin Manuela Schwesig und Sozialministerin Stefanie Drese (beide SPD, Anm. d. Red.) bedanken, die sich für eine Ausnahmegenehmigung für das Zentrum in Neubrandenburg einsetzen”, teilt es mit. Für eine solche Ausnahmegenehmigung müssen die Krankenkassen allerdings erst noch zustimmen.

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Klinikmitarbeiter Klaus Gryzbeck von den „Bikerfriends MV” hatte unlängst im Nordkurier angekündigt, am 5. Oktober um 15 Uhr vor dem Service Center der AOK Nordost in Neubrandenburg eine Mahnwache abzuhalten. Dazu hätten nun laut DBK auch viele Patienten und Eltern ihre Teilnahme zugesagt.

Auch Stadt will Protest unterstützen

„Wir begrüßen dieses Engagement natürlich sehr”, sagte Kliniksprecherin Anke Brauns auf Nordkurier-Nachfrage. Die Klinik selbst trete nicht als Organisator auf, habe das Anliegen aber an alle Mitarbeiter weitergeleitet. Wie jetzt bekannt wurde, wird auch die Stadt Neubrandenburg selbst die Demonstration unterstützen. „Wir haben einen gültigen Beschluss der Stadtvertretung, uns für den Erhalt einzusetzen”, begründet Vize-Ob Peter Modemann (CDU) das Engagement. Daher sei man an diesem Tag auch mit dabei.

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Die Emotionalität des Themas wird durch einen Erfahrungsbericht verstärkt, den das Klinikum nach eigenen Angaben auf Bitten der Eltern an die Öffentlichkeit weiterleitet. Darin schildert eine Familie aus Neustrelitz die komplizierte Geburt ihrer Zwillinge vor nicht einmal zwei Monaten. Neun Wochen sei Mutter Juliane ab der 24. Schwangerschaftswoche im Klinikum gewesen. „Lichtblicke für uns beide waren die täglichen Besuche, die durch die Anbindung möglich gewesen sind”, schildert Vater Axel. Denn Greifswald oder Berlin als nächstgelegene Möglichkeiten wären für regelmäßige Besuche neben der Arbeit zu weit gewesen.

Bisher nur Stellungnahme der AOK

Die Mitarbeiter auf der Frühchenstation und beim Perinatalzentrum Level 1, die in der 30. Schwangerschaftswoche dann mit einem Kaiserschnitt die Zwillinge ans Licht der Welt holten und versorgten, werden in dem Schreiben aufs höchste gelobt. „Zu jedem Zeitpunkt haben wir das volle Vertrauen in alle Beteiligte und ihre Fähigkeiten stecken können”, heißt es. Und: „Wir hoffen sehr, dass auch zukünftig werdende Eltern von Frühchen aus dieser Region noch dieselben Möglichkeiten haben werden, um die schwere Zeit bestmöglich zu überstehen.”

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Die AOK Nordost, die größte Krankenkasse des Landes, hat sich bislang als einzige zu einer Ausnahmegenehmigung geäußert und betrachtet diese derzeit nicht als sinnvoll. „Weil unser Fokus darauf liegt, das Sterberisiko für die kleinsten Frühchen zu reduzieren. Wenn sich die von der Mindestmenge betroffenen Kinderkliniken darauf fokussieren, weniger vulnerable Frühchen zu versorgen, können sie sich als attraktiver Standort langfristig und zukunftsfähig in der Versorgung behaupten”, meint die AOK Nordost.

Klinik sieht keine wirtschaftlichen Vorteile

Statt der benötigten 20 Fälle pro Jahr gab es in Neubrandenburg zuletzt nur sieben Behandlungen solcher Extrem-Frühchen. Nach Angaben des Gemeinsamen Bundesausschusses, Spitzengremium im Gesundheitswesen, und der Krankenkassen soll die Mindestmengen-Regelung die Behandlungsqualität erhöhen, in Neubrandenburg und der Seenplatte wird hingegen das Wegbrechen eines weiteren medizinischen Angebots bei zunehmender Zentralisierung befürchtet.

Behandlungen von Extrem-Frühchen gelten als besonders lukrativ, 90 000 Euro werden pro Fall kolportiert. Kinderklinik-Chef Dr. Sven Armbrust hatte einen wirtschaftlichen Ansporn jedoch bereits verneint, die Kosten, etwa für das Vorhalten von Personal, würden die Einnahmen nahezu aufbrauchen. Es seien viel mehr die Behandlungsqualität und die kurzen Wege, weswegen das Neubrandenburger Angebot trotz Unterschreiten der Mindestmenge erhalten bleiben müsse, betonte nun das DBK.

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