BUNDESTAGSWAHL

Linke SPD-Politikerin übernimmt das Direktmandat von Merkel

Das Ende der politischen Karriere von Angela Merkel ist auch das Ende einer Ära in Vorpommern: Seit 1990 holte sie immer das Direktmandat im Wahlkreis 15. Nun übernimmt eine Vertreterin des linken SPD-Flügels.
dpa
Anna Kassautzki, die neue Direktkandidatin der SPD im Wahlkreis 15, der von Rügen bis Greifswald reicht.
Anna Kassautzki, die neue Direktkandidatin der SPD im Wahlkreis 15, der von Rügen bis Greifswald reicht. Stefan Sauer
Greifswald ·

Am Montagvormittag steht Anna Kassautzki auf dem Greifswalder Markt und erzählt von der Feier in der Nacht zuvor. Die SPD-Politikerin hat geschafft, was die scheidende Bundeskanzlerin Angela Merkel ein paar Tage zuvor auf demselben Markt noch verhindern wollte. Die CDU-Politikerin hatte hier vergangene Woche „Arrivederci“ gesagt und für ihren Nachfolger als CDU-Direktkandidat zur Bundestagswahl, Georg Günther, geworben – letztlich vergeblich.

Nach mehr als 30 Jahren ist das Direktmandat in Merkels bisherigem Wahlkreis erstmals nicht an die CDU gegangen. Stattdessen wird die 27-jährige Kassautzki, die zum linken Flügel der SPD gehört, den Wahlkreis 15 in Vorpommern künftig mit einem Direktmandat in Berlin vertreten. „So ganz realisiert hab ich's, glaub ich, noch nicht“, sagt Kassautzki am Tag nach der Wahl. „Es ist eine krasse Ehre, es ist aber auch eine Verantwortung“. Sie freue sich darauf.

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Merkels Abschiedstour hat nicht geholfen

23,6 Prozentpunkte hat die CDU bei den Erststimmen im Wahlkreis 15 im Vergleich zur vorherigen Bundestagswahl verloren. Da half anscheinend auch Merkels ausgiebige Abschiedstour in den Tagen vor der Wahl nichts – trotz Besuch eines Vogelparks, bei dem sich ein Papagei auf den Kopf der Kanzlerin setzte, weitere auf die Hände. Die Bilder gingen um die Welt.

Die SPD holte am Sonntag alle sechs Bundestagsdirektmandate im Nordosten. In Merkels bisherigem Wahlkreis konnte die SPD ihr Erststimmenergebnis im Vergleich zur Bundestagswahl 2017 um 12,7 Prozentpunkte verbessern. Bei der parallel abgehaltenen Landtagswahl deklassierte die SPD die übrigen Parteien, die CDU sackte auf einen historischen Tiefstand ab. „Die Leute haben Bock auf eine andere Politik“, sagt Kassautzki. Sie wünschten sich eine soziale Politik. Soziale Ungerechtigkeit und Angst vor der Zukunft spielten bei den Menschen eine große Rolle.

Deutlich wird der Stimmungswandel auch im benachbarten Wahlkreis des prominenten CDU-Politikers Philipp Amthor. Hier löste SPD-Kandidaten Erik von Malottki das Ticket nach Berlin. Er habe es gehofft, sagt von Malottki, der ebenfalls zum linken Flügel der SPD zählt. „Aber ich würde nicht sagen, ich habe es erwartet.“ Am Wahlabend lieferte sich von Malottki das Kopf-an-Kopf-Rennen ums Direktmandat mit dem AfD-Konkurrenten. Amthor wurde nur Dritter.

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Drehen sich die Vorpommern-Wahlkreise jetzt auf links?

Drehen von Malottki und Kassautzki die beiden Wahlkreise in Vorpommern jetzt auf links? Sie wollten einiges auf die Beine stellen, erklärt von Malottki, etwa bei der Verkehrs- und Bahninfrastruktur oder hinsichtlich der Mindestlöhne. „Das kann man links nennen. Das kann man aber auch sozial gerecht nennen.“

Günther, der mit einem Direktmandat eigentlich in Merkels Fußstapfen treten wollte, nachdem sie nicht mehr angetreten war, nannte sein Ergebnis bitter. Der 33 Jahre alte Betriebsprüfer landete auf Platz zwei nur knapp vor dem AfD-Kandidaten. Die Landtagswahl hat laut seiner Analyse auch auf das Bundestagswahlergebnis in seinem Wahlkreis ausgestrahlt.

Kassautzki erst seit 2018 in der Region

Gewinnerin Kassautzki ist in Heidelberg geboren und in Hessen auf dem Land aufgewachsen. Sie hat außerdem in Bayern studiert. 2018 kam sie für ein Masterstudium in Politikwissenschaften nach Greifswald. Sie habe sich in Vorpommern das erste Mal wirklich willkommen gefühlt. „Deswegen war für mich ganz schnell klar, ich bleibe hier.“

Schon mit 13 Jahren sei sie politisch aktiv geworden. Der Kampf gegen rechte Strukturen sei damals ausschlaggebend gewesen. 2014 trat Kassautzki in die SPD ein. Sie arbeitete für den SPD-Landtagsabgeordneten und derzeitigen Infrastrukturminister von Mecklenburg-Vorpommern, Christian Pegel, und ist kommunalpolitisch tätig. Bislang leitet sie den Familienservice der Universität Greifswald.

Anders als Merkel dürfte Kassautzki häufiger in ihrem Wahlkreis vor Ort sein. Sie lebt in Greifswald in einem sanierten Plattenbau, wie sie erzählt. Mittlerweile werde sie schon häufiger auf der Straße erkannt. Mit dem Sieg im bisherigen Merkel-Wahlkreis dürfte ihre Bekanntheit nicht weniger werden.

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Kommentare (2)

Dank Hype in der Presse nun mit den meisten Stimmen.
Wie man Menschen beeinflusst und steuert hat man ja die letzten knapp zwei Jahre jeden Tag bis zum kotzen geübt.

Nicht nur die CDU hat die letzten Jahre verrissen, die SPD und der ganze Rest bis zum Oppositiönchen doch genau die selbe Suppe.

Ob Papageien-Merkel oder die "krass geehrte" Kassautzki.
Meint hier irgendjemand das macht einen Unterschied?

dass die Mehrheit der Deutschen eben nicht so denkt wie Sie. Natürlich werden Menschen gezielt beeinflusst, aber letztlich hat jeder die Möglichkeit, sich umfassend über alle möglichen Themen zu informieren - in der freien Presse zum Beispiel. Und was den Hype in der Presse angeht: Die spiegelt auch nur die allgemeine Stimmung wieder. Ich kann mich noch gut erinnern, dass die SPD schon totgesagt war. Ist gar nicht so lange her.