Die monatelangen Zwangsschließungen haben dem Hotel- und Gaststättengewerbe in MV mächtig zugesetzt.
Die monatelangen Zwangsschließungen haben dem Hotel- und Gaststättengewerbe in MV mächtig zugesetzt. Jens Büttner
Corona-Pandemie

30 Prozent des MV-Tourismus in Existenznot

Auch wenn die Saison noch läuft, die Tourismusbranche in MV zieht eine erste Bilanz. Dehoga-Chef Lars Schwarz befürchtet, dass viele Betriebe schließen müssen – und übt Kritik an der Politik.
Warnemünde

„Die aktuellen Bilder von vollen Stränden und gut besuchten Orten im Urlaubsland Mecklenburg-Vorpommern täuschen über die tatsächliche Situation in den Unternehmen hinweg. Das Gastgewerbe leidet gegenwärtig noch immer unter der monatelangen Zwangsschließung, insbesondere personell. Unsere Befürchtungen haben sich bestätigt, die Branche ist noch längst nicht über den Berg”. Mit diesen alarmierenden Worten schilderte am Mittwochmorgen Lars Schwarz, Präsident des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) Mecklenburg-Vorpommern), die Situation in der Branche. Schwarz äußerte sich in einer Pressekonferenz zur ersten Saisonbilanz, an der auch Wirtschafts- und Tourismusminister Harry Glawe (CDU) sowie Wolfgang Waldmüller, Präsident des Tourismusverbandes MV, teilnahmen.

Große Personalprobleme im Hotel- und Gaststättengewerbe

„Die Bilder vermitteln in der Tat eine trügerische Normalität. Die Ergebnisse unserer letzten Umfrage Anfang des Monats sprechen eine andere Sprache und machten deutlich, dass sich trotz der laufenden Hauptsaison immer noch gut 30 Prozent der Unternehmen in ihrer Existenz bedroht sehen, rund 22 Prozent ziehen gar eine Betriebsaufgabe in Erwägung. Das zeigt die belastende Situation unter den unsere Unternehmen im zweiten Pandemiesommer stecken”, betonte der Dehoga-Chef.

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Problematisch sei für die Unternehmen dabei momentan weniger mangelndes Gästeaufkommen, sondern es seien vielmehr die fehlenden helfenden Hände und Köpfe, um den Gästeansturm zu bewältigen. Das fehlende Personal führe zwangsläufig zur Verknappung und zur Einschränkung in Auslastung und Umsatz. Dies vor dem Hintergrund deutlich gestiegener Kosten und der pandemiebedingt zusätzlich aufgenommenen Kreditlinien führe zu der düsteren Einschätzung, so Schwarz. Betriebe drohten richtig in Schieflage zu kommen, könnten sie doch die finanziellen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie nur schwerlich mit reduzierten Angeboten bewältigen. Das Sommergeschäft allein sei an diesem Punkt nicht aussagekräftig. „Zu groß waren und sind die finanziellen und psychischen Belastungen für die Gesamtbranche”, sagte Schwarz.

Fachkräfte außerhalb Europas gewinnen

Der Dehoga-Präsident weiter: „Mittel- und kurzfristig muss es darum gehen, die Lücke im Arbeits- und Fachkräftebedarf der Branche zu schließen. Darauf haben wir in ersten Gesprächen mit dem Land gedrungen. Gemeinsam mit Branchenvertretern, den Sozialpartnern und dem Wirtschaftsministerium wurden erste Eckpunkte für ein konzertiertes Vorgehen zusammengetragen. Beispielsweise muss es neben der Erschließung des heimischen Potenzials zukünftig auch darum gehen, den Zuzug in Arbeit von Menschen außerhalb Europas möglich zu machen beziehungsweise hier das Fachkräfteeinwanderungsgesetz gangbar zu machen.”

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Ein darüber hinaus gehender wesentlicher Hebel stecke in der Ausbildung des eigenen Berufsnachwuchses. Auch hier gelte es Strategien zu entwickeln, wie einheimische Jugendliche und potenzielle Auszubildende außerhalb Europas gleichermaßen angesprochen werden könnten. Die Dehoga-Nachwuchskampagne „GastroBurner – Fang Feuer und check ein” sei ein erprobtes Erfolgsmodell und weiter unverzichtbar.

Deutliche Dehoga-Kritik an der MV-Landesregierung

Im Zusammenhang mit der Corona-Krise richtete Schwarz auch deutliche Worte an die Landesregierung: „Wir haben es immer und immer wieder betont und davor gewarnt, neun Monate unverschuldeter Zwangsschließung, sieben Monate davon am Stück, haben zu logischen Abwanderungsbewegungen bei unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geführt. Wer ständig hören muss, ihr bleibt zu, damit andere Arbeiten können, der resigniert und sucht einen Ausweg aus der staatlich verordneten Perspektivlosigkeit. Schon immer war das Gastgewerbe in Mecklenburg-Vorpommern vor allem in der Hauptsaison auf zusätzliche Arbeitskräfte angewiesen. Dringend benötigte Saisonkräfte konnten aber aufgrund des Lockdowns in diesem Frühjahr nicht eingestellt werden.” Dies verschärfe die Personalsituation zusätzlich. Die Auswirkungen dieser Politik bekomme die Branche jetzt deutlich zu spüren. Damit habe das Gastgewerbe eine der Hauptlasten der Pandemie als Sonderopfer getragen, machte Schwarz deutlich.

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