POMMERN-BISCHOF

Abromeit: "Das war eine Pro-Israel-Rede"

Mit einem Vortrag über Frieden in Israel und Palästina hat der pommersche Bischof Hans-Jürgen Abromeit einen Sturm der Entrüstung entfacht. Auch seine „Chefin”, Landesbischöfin Kühnbaum-Schmidt, distanzierte sich von seiner Wortwahl. Im Nordkurier-Interview nimmt Abromeit jetzt ausführlich Stellung zu der Angelegenheit.
Gabriel Kords Gabriel Kords
Der Sprengel-Bischof für Mecklenburg und Pommern Hans-Jürgen Abromeit.
Der Sprengel-Bischof für Mecklenburg und Pommern Hans-Jürgen Abromeit. Bernd Wüstneck
Greifswald.

Bischof Abromeit, größter Streitpunkt Ihres Vortrags war die These, aus dem Schuldbewusstsein der Deutschen resultiere eine „Überidentifikation mit Israel“. Was haben Sie damit gemeint?

Im Hintergrund stehen bei mir viele lange Überlegungen, unter anderem: Warum ist es so schwierig, diesen ganzen Konflikt überhaupt zu thematisieren? Ich beschäftige mich mit dem Thema seit über 40 Jahren, war zum ersten Mal vor 38 Jahren für mein Vikariat in Jerusalem. Seitdem beobachte ich das Ringen um Frieden zwischen Israelis und Palästinensern. In dieser Frage hat sich aber leider in den vergangenen 20 Jahren fast nichts bewegt.

Das erklärt noch nicht, was Sie mit dem Begriff „Überidentifikation“ gemeint haben.

Nein, aber man braucht diesen Kontext. Das war ja auch das Kern-Problem der öffentlichen Aufregung um meinen Vortrag, dass Zitate ohne Kontext verwendet wurden. In meinem Vortrag ging es um die Frage nach Frieden für Nahost und was die Bibel uns dazu sagen kann. Ich habe den Vortrag bei der Evangelischen Allianz gehalten, das sind sehr fromme Leute.

Trotzdem klingt Ihre Aussage eher politisch als fromm.

Natürlich, denn die Frage nach Frieden ist eine politische. Wer in den vergangenen Jahrzehnten den Friedensprozess verfolgt hat, weiß, dass lange eine Zwei-Staaten-Lösung für die Region propagiert wurde. Je länger ich mir die Situation dort aber angucke, desto mehr glaube ich persönlich: Diese Lösung ist pragmatisch nicht durchsetzbar. Aber mein Eindruck ist auch, dass sich in Deutschland niemand traut, darüber wirklich offen zu reden. Und da habe ich mich gefragt: Was sind die Gründe dafür?

Die Gründe dafür sind eine „Überidentifkation mit Israel“?

Eins nach dem anderen. Es ist unbestritten, dass Deutschland eine riesige Schuld auf sich geladen hat gegenüber den jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern in den Jahren 33 bis 45. Es ist richtig und absolut unverzichtbar, dass wir uns dessen bewusst sind. Ich habe das in meinem Vortrag ausführlich dargelegt. Doch aus dieser Schuld folgt auch, dass heute gerade von uns Deutschen niemand etwas falsch machen will. Und deswegen schaut man von hier aus meistens nur auf Israel und nicht auf die Palästinenser. Es geht aber um einen Konflikt zwischen zwei Völkern und um einen Konflikt zu lösen, muss man immer beide Seiten verstehen.

Und wir Deutschen verstehen nur die Seite der Israelis?

Ich nehme jedenfalls wahr, dass die Mehrheit der deutschen Politiker, aber auch der öffentlich Verantwortlichen, sich eigentlich gar nicht wagt, offen die Probleme der Palästinenser auszusprechen.

Das heißt, wir müssten uns stärker mit den Palästinensern beschäftigen und weniger mit Israel?

Stärker mit den Palästinensern ja, weniger mit Israel nein. Ich möchte wirklich keinen Handbreit von Israel abrücken. Ich will noch einmal betonen, was ich in meinem Vortrag alles nicht gesagt habe: Ich habe nicht das Existenzrecht Israels irgendwie in Zweifel gezogen. Ich habe auch nicht kritisiert, dass wir als Deutsche besonders für das Sicherheitsbedürfnis und die Sicherheit Israels eintreten müssen, denn das müssen wir – schon allein aus unserer historischen Verantwortung heraus. Und auch vor unserem christlichen Hintergrund, weil wir als Christen unsere Schuld sehr ernst nehmen müssen. Trotzdem dürfen wir aber auch nicht die Augen verschließen davor, dass die Palästinenser in diesem Konflikt ebenfalls ein Recht darauf haben, gehört zu werden.

Was von den Palästinensern wird denn nicht gehört?

Das geht bei alltäglichen Dingen los. Uns in Europa ist beispielsweise die jüdische Kultur viel näher als die palästinensische. Ein simples Beispiel aus der Unterhaltungskultur: Israel nimmt am Eurovision Song Contest teil, obwohl es geografisch nicht zu Europa gehört – Palästina nicht. Aber es geht auch auf der politischen Ebene weiter. Ich erinnere mich an ein Erlebnis aus meinem Vikariat: Wir wohnten damals in einem Haus in der Innenstadt von Jerusalem, die meisten Bediensteten dort waren Palästinenser. Eines Tages fehlte einer von ihnen und am nächsten Tag sagte er uns: Ich konnte gestern nicht kommen, weil die israelische Armee unser Haus gesprengt hat als Strafmaßnahme dafür, dass ein elfjähriges Familienmitglied einen Stein auf ein israelisches Armeefahrzeug geworfen hat. Ich habe das erst nicht glauben können und dann nachgeforscht: Es war wirklich so. Natürlich ist dieser Konflikt sehr komplex und es gibt tagtäglich Leid auf beiden Seiten. Man muss Steinwürfe gegen Armeefahrzeuge auch scharf verurteilen, aber die Sprengung eines ganzen Hauses als Strafmaßnahme erschien mir damals doch arg unverhältnismäßig. Im alltäglichen Leben haben die Palästinenser keine Sicherheit. Und das muss man eben auch sehen, wenn man auf diesen Konflikt blickt. Gleichzeitig haben natürlich auch die Palästinenser ihre Hausaufgaben zu machen. Beide Seiten haben in diesem Konflikt große Schuld auf sich geladen.

Wie haben Sie die Reaktionen auf Ihren Vortrag wahrgenommen?

Zuerst gab es eine Zusammenfassung bei idea.de, die habe ich auch vorab gelesen und freigegeben. Gegen diesen Text war nichts einzuwenden, abgesehen davon, dass die Schwerpunktsetzung der Autoren nicht meine eigene war. Es ging darin fast nur um die politischen Aspekte des Vortrags, dabei habe ich eigentlich über biblische Anreize für Frieden in Nahost gesprochen. Dieser Artikel ist dann der Springer-Presse in die Hände gefallen, der daraufhin in den Zeitungen „Welt“ und „Bild” über den Vortrag berichtet hat, ohne sein Manuskript zu kennen oder vorher Kontakt zu mir aufgenommen zu haben.

Das Manuskript hätten Sie allerdings auch einfach veröffentlichen können.

Ja, inzwischen haben wir es an mehreren Stellen im Internet veröffentlicht. Es war vielleicht ein Fehler, das nicht sofort getan zu haben.

In der Bild-Zeitung stand dann etwas von einer „bizarren Anti-Israel-Rede“.

Ich habe mich zuerst gefragt, ob das überhaupt meinen Vortrag gemeint haben kann. Ich habe ihn eher als Pro-Israel-Rede wahrgenommen. Seine Intention ist leider ins Gegenteil verkehrt worden.

Würden Sie sagen, die heftigen Reaktionen auf Ihren Vortrag waren Folge einer deutschen Überidentifikation mit Israel?

(denkt länger nach) Das könnte man vielleicht so sagen. Aber diese Einschätzung möchte ich lieber Ihnen überlassen. Ich möchte mich von diesem Begriff jetzt auch langsam wieder lösen, weil er offenbar Missverständnisse erzeugt und das war natürlich nicht meine Absicht.

Welche Anreize für Frieden haben Sie in der Bibel denn gefunden?

Es gibt sowohl im Alten Testament, das ja auch die Basis der jüdischen Religion ist, als auch im Neuen Testament, zahlreiche Anreize für Frieden. Ganz besonders bei den Worten Jesu, der in der Bergpredigt einen Satz gesagt hat, den man mit Fug und Recht so übersetzen kann: „Selig sind die Gewaltlosen, denn sie werden das Land besitzen.“

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Kommentare (1)

daß sich der Bischof erst kurz vor Ende seiner Amtszeit so klar und deutlich, bzw. sich so ehrlich äußert. Gauck schlägt ja im Ruhestand auch dia­me­t­rale Standpunkte seiner Amtszeit an.