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Agentur-Chefin schlägt sich auf die Seite Langzeitarbeitsloser

Sie scheinen unterzugehen: Langzeitarbeitslose müssen gegen viele Stigmata ankämpfen.
Sie scheinen unterzugehen: Langzeitarbeitslose müssen gegen viele Stigmata ankämpfen.
Caro Bastian

Beim traditionellen Arbeitsmarktfrühstück der Regionaldirektion Nord richteten deren Leiterin und Ministerpräsident Sellering deutliche Worte an die Chefs. Schließlich hat sich der Wind gedreht.

„Das ist Bodensatz. Faul und können nichts.“ Wenn die Chefin der Regionaldirektion Nord der Arbeitsagentur, Margit Haupt-Koopmann, an Vorurteile von Unternehmern über Langzeitarbeitslose denkt, kommt sie mittlerweile richtig in Fahrt. „Wir müssen es schaffen, das abzubauen. Nur ein Drittel der Firmen in Mecklenburg-Vorpommern ist bereit, Langzeitarbeitslose einzustellen“, sagt sie am Mittwoch in Schwerin nach einem Treffen mit 180 Vertretern aus Wirtschaft und Politik. 33  000 Langzeitarbeitslose gibt es im Land – erklärtes Ziel der Arbeitsagentur für dieses Jahr ist es, endlich dieses brennende Problem anzugehen.

Dabei kann Haupt-Koopmann mittlerweile auch deutliche Worte an die Adresse der Arbeitgeber richten – schließlich hat sich der Wind gedreht. Während noch vor einigen Jahren ein Heer an Arbeitskräften bereitstand, herrscht inzwischen Fachkräftemangel. Auch Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) traut sich nun: „Die Unternehmer können nicht vom Staat erwarten, dass der ihnen den passenden Arbeitnehmer vor die Tür stellt.“ Seit Jahren sei die Wirtschaft in MV daran gewöhnt, hofiert zu werden. Vor ein paar Jahren hätte das sicherlich noch anders geklungen.

Der Plan: Arbeitslose individuell fördern

„Das Thema Langzeitarbeitslosigkeit droht ins Abseits zu geraten“, stellt Haupt-Koopmann fest. Seit vier Jahren tue sich da im Nordosten nicht viel. Seit 2013 sei die Quote sogar angestiegen – und das bei ansonsten sinkenden Arbeitslosenzahlen. „Wir müssen deshalb neue Wege gehen: Der Anzug von der Stange hat ausgedient, jetzt ist der Maßanzug gefragt“, fasst die Agenturchefin in ein Bild, dass künftig jeder einzelne Langzeitarbeitslose individuell gefördert werden soll. So lautet jedenfalls der Plan.

Dennoch lässt sie die Unternehmer nicht aus der Pflicht: „Wir wären schon weiter, wenn wenigstens schon beim Auswahlprozess Langzeitarbeitslose einbezogen werden. Auch Probebeschäftigungen können helfen“. Die Arbeitsagentur ihrerseits stehe auch mit Qualifikationen und Lohnkostenzuschüssen bereit. Haupt-Koopmann kündigt dann für kommende Woche den Start eines neuen Langzeitarbeitslosen-Programms für rund 700 Betroffene im Nordosten an. Rund 16 Millionen Euro stünden für Lohnkostenzuschüsse und Intensivbetreuung bereit.

Unternehmen spielen den Ball zurück

Allein im Bereich Vorpommern-Greifswald-Nord sollen 180 Langzeitarbeitslose am Programm beteiligt werden, darunter auch 20 der besonders schwer Vermittelbaren.

Postwendend meldet sich dann auch die Vereinigung der Unternehmerverbände in MV zu Wort und spielt den Ball zurück: „Neben den Anstrengungen von Politik, Verwaltung und Arbeitgebern bedarf es auch der Eigenverantwortung der Betroffenen selbst“, meint Geschäftsführer Hans-Günter Trepte. Bei der Bekämpfung der Langzeitarbeitslosigkeit gelte es, alle Register zu ziehen. Für MV sei das aber auch wegen der meist geringen Betriebsgrößen besonders schwierig. Über 90 Prozent der Unternehmen hätten weniger als zehn Mitarbeiter und keine professionellen Personalabteilungen, die in der Lage wären, Langzeitarbeitslose erfolgreich in die Firmen zu integrieren.