Vorpommern-Historie
Als die Pommern Wale fingen

Historische Darstellungen zum Walfang im 19. Jahrhundert gibt es viele. Die Jagd war für die Seeleute gefährlich, da die verwundeten Tiere um ihr Leben kämpften.  
Historische Darstellungen zum Walfang im 19. Jahrhundert gibt es viele. Die Jagd war für die Seeleute gefährlich, da die verwundeten Tiere um ihr Leben kämpften.
Repro H. Neuwald

Gegenwärtig ignorieren Norwegen, Japan und Island das weltweite Walfangverbot und riskieren damit das Aussterben der imposanten Tiere. Dass sich im 19. Jahrhundert Wolgast am Walfang beteiligte, ist indes kaum bekannt.

Bereits ab dem 17. Jahrhundert betrieben vor allem die Amerikaner intensiven Walfang bei Grönland und in der Südsee. Der aus den Tieren hergestellte „Amerikanische Südseetran“ wurde nach Europa exportiert. Man nutzte ihn als Lampenöl und Schmiermittel, aber auch als Rohstoff für die Herstellung von Kerzen und Seifen. Neben Bremen gehörte Stettin seit 1840 zu den wichtigsten Umschlagplätzen für Waltran in Europa.

Die enormen Gewinne, die der Verkauf des Trans erbrachte, weckten Begehrlichkeiten bei hiesigen Kaufleuten. Zu den preußischen Hafenstädten, die eigene Fangexpeditionen planten, gehörte neben Danzig und Stettin auch Wolgast.

Dort gründeten Kaufleute die Aktiengesellschaft „Verein zur Südsee-Fischerei“. Mit deren Hilfe sollte das Anlagenkapital von 150.000 Talern aufgebracht werden. Geplant war, eine Fangflotte von drei Schiffen auf einheimischen Werften zu bauen. Bereits im Mai 1843 wurden die Pläne für das Projekt bei den staatlichen Stellen eingereicht. Damit verbunden war die Bitte um Förderung. Als „patriotisches Unternehmen“ bezeichnet, „welches von wirtschaftlicher Bedeutung für die Region und die Hebung der Schifffahrt wäre“, wurde es im Oktober 1843 genehmigt.

Bau des besonderen Schiffes ging schnell voran

Mit einer Prämie beteiligte sich der Staat an den Baukosten. Gleichzeitig sicherte man dem Unternehmen Steuer- und Zollvergünstigungen zu. Die Presse würdigte den geplanten Walfang als „ein Werk von hoher Wichtigkeit für den Staat mit positiven Auswirkungen auf die gesamte Wirtschaft der Region“. Dank des eifrigen Werbens waren 1844 bereits 52 000 Taler als Aktien gezeichnet.

Damit schien die Finanzierung gesichert, und der Bau des ersten „gekupferten Barkschiffes“ konnte beginnen. Den Auftrag erhielt die Werft des Wolgaster Schiffzimmermeisters Erich. Schon am 18. November 1844, nach nur fünf Monaten Bauzeit, erfolgte der Stapellauf des ersten Wolgaster Walfangschiffes. Nach der früh verstorbenen Tochter des Kommerzienrates Homeyer wurde es auf den Namen „Rica“ getauft.

Die Ausrüstung des Schiffes bereitete Probleme. Anders als bei Handelsschiffen war die Ausstattung für alle absolutes Neuland. Anfangs hatte man keine Vorstellungen über Menge und Art der einzulagernden Vorräte – ein Walfangschiff war meist mehrere Jahre unterwegs. Aufwendige Erkundigungen mussten eingeholt werden.

Wale wurden von Samoa bis Kamtschatka verfolgt

Trotz aller Schwierigkeiten wurden im Mai 1845 mit der Verkupferung der Bark die Arbeiten abgeschlossen. Auch die Mannschaft war komplett: Kapitän war der gebürtige Wolgaster C. A. Darmer, Steuermann H. W. Bartels aus Wolgast und Schiffarzt der Greifswalder Dr. Siegeris. 25 Matrosen gehörten zur Crew. Um die fehlenden Erfahrungen zu mildern, sollten an der amerikanischen Küste später einige Harpuniers und Bootsleute aus dem Walfängermileu angeheuert werden.

Am 31. Mai 1845 stach die „Rica“ in See und erreichte zwei Monate danach den Hafen von New Bedford nordöstlich von New York. Dieser Ort galt damals als wichtigster Standort des amerikanischen Walfangs. Dort vervollständigte die Besatzung der „Rica“ ihre Ausrüstung und nahm einige erfahrene Walfänger an Bord. Anschließend kreuzte die Bark in Richtung Süden. Nach der Überquerung des Äquators im Oktober umsegelte sie das Kap der Guten Hoffnung.

Am 10. Februar dann der erste Jagderfolg: Zwei Pottwale wurden laut Logbuch gefangen, Anfang März wurde ein dritter Wal erbeutet. Bedingt durch die Wanderung der Wale änderte die „Rica“ ständig ihren Kurs. Obwohl das Schiff von den Samoa-Inseln bis nach Kamtschatka die Meeressäuger verfolgte, erbeutete die Besatzung in der Folgezeit nur noch sechs weitere Wale.

Harte Arbeit an Bord bei großer Hitze

Es waren nicht allein die schlechten Fangergebnisse, die die Mannschaft enttäuschten. Die Entbehrungen während der Tour und das Fehlen jeglicher Kontakte zur Heimat wirkten sich negativ aus. Für die Matrosen der „Rica“, die vorher auf Handelsschiffen gefahren waren, war die Arbeit hart und ungewohnt. Etliche Mitglieder der Mannschaft desertierten oder ließen sich auf anderen Schiffen anwerben.

Der Schiffsarzt verließ in Peru das Boot, um sich eine neue Existenz aufzubauen. Als die „Rica“ nach drei Jahren wieder in Wolgast anlegte, befanden sich nur noch drei Mitglieder der alten Besatzung an Bord.

Gegenüber der zeitaufwendigen, oft langweiligen Suche barg die Jagd viele Gefahren. Von kleinen Ruderbooten aus wurden die Wale harpuniert. Nur selten tödlich getroffen, kämpften die verwundeten Tiere um ihr Leben. Das war höchst gefährlich für die Besatzungen der Beiboote. Unfälle mit schweren Verletzungen oder getöteten Matrosen waren keine Seltenheit.

War der Wal bezwungen, begann die Arbeit an Bord. Das Tier wurde zerlegt, entspeckt und aus dem zerkleinerten Speck wurde der begehrte Tran ausgekocht. Das Kochen erfolgte in großen kupfernen Gefäßen, die an Deck des Schiffes eingemauert waren. Da die mit ausgelassenem Walspeck beheizten Öfen eine große Hitze entwickelten, wurden sie ständig mit Wasser gekühlt. Zum Schluss wurde der Tran in Holzfässer gefüllt.

Kosten der Wolgaster Walfangexpedition überstiegen die Einnahmen

Nach drei Jahren auf See kehrte die „Rica“ 1848 in die Heimat zurück. Obwohl die Wolgaster das Schiff begrüßten, war man über das Ergebnis der Expedition enttäuscht. Nur neun Wale waren erlegt worden. Sie erbrachten rund 1700 Tonnen Tran. Außerdem hatten die Walfänger 12 000 Pfund Barten an Bord. Aus dem hornigen Oberhautgebilde vom Gaumen der Bartenwale stellte man Fischbein her – für Spazierstöcke, Stricknadeln, Messergriffe und für Korsettstäbe.

Dennoch: die erste Wolgaster Walfangexpedition war ein Misserfolg. In der Abschlussrechnung für die Aktionäre wurden die Kosten mit 35 000 Talern benannt, die Einnahmen auf 41 500 Taler geschätzt. Da dies in keiner Hinsicht den Erwartungen entsprach, gab es Forderungen den „Verein zur Südsee-Fischerei“ aufzulösen. Das wurde jedoch abgelehnt. Etliche der Aktionäre blieben optimistisch und verlangten, die Aktivitäten fortzusetzen.

Obwohl der Verein weiter bestand, wurden der Walfang und der Bau eines zweiten Schiffes bald aufgegeben. Die „Rica“ aber bekam eine neue Aufgabe. Noch weitere sechs Jahre fuhr sie unter dem Kommando ihres bisherigen Kapitäns Darmer als Frachtensegler über die Meere. 1854 übernahm Kapitän Knuth das Schiff und transportierte Waren über den Ozean.

Selbst als die Dampfschifffahrt den Seglern ernsthafte Konkurrenz bot, erfüllte die „Rica“ weiter ihre Aufgaben. Erst 1863 endete die wechselvolle Geschichte des Schiffes. Naturgewalten ausgeliefert, strandete es während eines Sturmes an der Westküste Schwedens. Die Mannschaft wurde gerettet, die „Rica“ selber als Wrack aber aufgegeben.