KÜSTENABBRUCH AUF RÜGEN

Als Lohme fast in die Ostsee gerutscht wäre

Am Abend des 19. März 2005 kam der Küstenhang von Lohme ins Rutschen. Der beschauliche Küstenort war haarscharf an einer Katastrophe vorbeigeschrammt, nur vier Meter vor einem Diakonieheim kam die Rutschung zum Stehen.
Der Hangrutsch von Lohme im März 2005 war der größte Küstenabbruch in Mecklenburg-Vorpommern der vergange
Der Hangrutsch von Lohme im März 2005 war der größte Küstenabbruch in Mecklenburg-Vorpommern der vergangenen Jahrzehnte. Stefan Sauer
Wenige Tage nach dem Hangrutsch besichtigten Experten die Abbruchstelle und entdeckten weitere Verwerfungen.
Wenige Tage nach dem Hangrutsch besichtigten Experten die Abbruchstelle und entdeckten weitere Verwerfungen. Ralph Sommer
Drei Jahre nach dem großen Steilküsten-Abbruch in Lohme wurde das einsturzgefährdete Diakonieheim abgerissen.
Drei Jahre nach dem großen Steilküsten-Abbruch in Lohme wurde das einsturzgefährdete Diakonieheim abgerissen. Stefan Sauer
Heute ist der Lohmer Hang abgeflacht, entwässert und gesichert.
Heute ist der Lohmer Hang abgeflacht, entwässert und gesichert. Ralph Sommer
Lohme ·

Es war Samstagabend, kurz nach 22 Uhr, als bei Friederike Bartel die Gläser in den Schränken klirrten. „Plötzlich wackelten die Wände. Wir dachten erst, da ist ein schweres Auto zu später Stunde noch an unserem Wohnhaus vorbeigedonnert“, sagte die damals 20-Jährige, deren Haus schätzungsweise 400 Meter von der damaligen Kliffkante entfernt stand.

Ihre Nachbarin, die noch 200 Meter näher am Hang wohnt, hatte ein bedrohliches Ächzen bemerkt, das durch das Fachwerk ihres alten Kapitänshauses ging. „Als ich heraussah, waren plötzlich die Bäume vor dem Haus verschwunden. Zum ersten Mal konnte ich vom Fenster aus das Leuchtfeuer vom Kap Arkona sehen.“

Zwar hatte keiner mit einem derart unheimlichen Naturspektakel gerechnet, doch eigentlich war es ein Ereignis mit Ansage. Denn zuvor hatte es nach der Schneeschmelze auch noch tagelang im Norden von Rügen geregnet. Vom Pieckberg, mit 161 Metern Rügens höchster Berg, drückten gewaltige Wassermassen durch unterirdische Wasseradern Richtung Küste.

400.000 Kubikmeter Geröll stürzten in die Tiefe

Der Hang sei schon immer instabil gewesen, sagte Küstengeologe Manfred Kutscher, der auf Rinnsale aufmerksam wurde, die aus der Kliffkante sprudelten. Auch der Rügener Statik-Experte Bruno Heppner hatte schon 1997 und 1998 davor gewarnt, dass der von Grundwasser durchflutete Küstenhang ins Rutschen kommen könnte.

Irgendwann waren die gesättigten Geröllmassen im Westteil des Küstenortes in Bewegung geraten. Der Hang brach auf einer Länge von 100 Metern, und etwa 400.000 Kubikmeter stürzten von der Küstenkante 20 Meter tief in Richtung Lohmer Hafen.

Binnen weniger Sekunden rutschte ein Gartenplateau, größer als ein Fußballfeld, inklusive Obstbäumen, Birken und Tannen zum Hafenstrand hinunter. Der Abbruch war noch gewaltiger als jener drei Wochen zuvor, als an der Kreideküste zwischen Sassnitz und Stubbenkammer der Großteil der berühmten Wissower Klinken zusammenbrach.

Heimbewohner mussten evakuiert werden

Die Bewohner am Hang kamen mit dem Schrecken davon. Gerade mal vier Meter vor dem damaligen Diakonieheim der Suchtkrankenhilfe kam die Rutschung zum Stehen. Nur ein Teil der Rollstuhlrampe wurde in die Tiefe gerissen. Die 26 Heimbewohner mussten noch in der Nacht in das Lohmer Panorama-Hotel evakuiert werden.

Für das absturzgefährdete Heim, ein dreigeschossiges Gebäude, das erst vier Jahre zuvor für zwei Millionen Euro saniert worden war, wurde jeglicher Zutritt verboten. Angeblich nur noch ein einziges Mal sollen Spezialkräfte das versiegelte Haus betreten haben, um die wichtigsten Unterlagen zu bergen.

Für die Lohmer Einwohner, vor allem für jene, die unmittelbar an der Küste wohnten oder arbeiteten, begannen schwierige Zeiten. Denn nachdem Messtrupps an dem geneigten Steilküstenufer neue Verwerfungen und Risse ausgemacht hatten, wurde nicht nur die alte Dorfstraße gesperrt. Die Untere Baubehörde hatte auch den Weiterbetrieb mehrerer Wohn- und Ferienhäuser, Bungalows, eines Kiosks und des beliebten „Café Niedlich“ am Strandabgang kurzfristig untersagt.

Zudem drohte kurz vor dem Urlauberansturm zu den Osterfeiertagen die Schließung eines Hotels. Auch der Zugang zum Hafenmeistergebäude wurde verwehrt. Weil neue Hangrutschungen drohten, durften später auch Boote und Schiffe den teilweise mit 2000 Kubikmetern Geschiebemergel verschütteten Hafen nicht mehr ansteuern. Anträge mehrerer Betroffener auf einstweiligen Rechtsschutz scheiterten vor dem Greifswalder Verwaltungsgericht.

„Der Mensch kann die Naturgewalten nur aufhalten.”

Der Hangrutsch von Lohme und die Kreideabbrüche am Jasmund lösten seinerzeit heftige Diskussionen über die Sicherheit an den ostdeutschen Steilküsten aus. Gestritten wurde nicht nur über Sicherheitsmaßnahmen entlang des Hochuferwegs, sondern auch über den ungebremsten Bauboom an gefährdeten Küstenabschnitten wie in Sellin. „Wir haben es bei uns mit sehr dynamischen Küsten zu tun“, sagte der Greifswalder Geologieprofessor Martin Meschede. „Der Mensch kann die Naturgewalten nur aufhalten. Und das kostet viel Geld.“

In Lohme rückten Forderungen nach einer Stabilisierung des maroden Hanges in den Mittelpunkt. Wissenschaftler und Baugutachter wie der Mainzer Geologieprofessor Johannes Feuerbach untersuchten das Areal und entwarfen ein millionenschweres Konzept zur Entwässerung und Überwachung des Hangs. Die Vorschläge reichten von einer künstlichen Abflachung des Hangs über eine Verdübelung der Küste und den Bau von Verschüttungen, die mit Betonelementen verfestigt werden, bis zum kompletten Materialaustausch.

Die Rostocker Ingenieurgesellschaft WASTRA-Plan schlug schließlich vor, den gefährdeten, 200 Meter breiten Küstenabschnitt mit fünf Hotels und Pensionen durch künstliche Eingriffe am Küstensockel und Bepflanzungen zu sichern. Die Kosten dafür wurden auf vier Millionen Euro geschätzt. Anderenfalls könnten bei ungünstigen Wetterbedingungen weiter großflächige Rutschungen erfolgen, warnte Gutachter Jörg Gothow. „Das kann in 14 Tagen oder auch in 40 Jahren geschehen.“ Erst 90 Meter hinter der Kliffkante bestünden sichere Verhältnisse.

108 Jahre altes Gebäude abgerissen

Das Land reagierte. Schon im Mai 2005 hatte Schwerin kurzfristig mehr als zwei Millionen Euro für den Bau einer neuen Dorfstraße und zwei Gutachten bewilligt. Dreieinhalb Jahre später billigte das Kabinett des damals neuen Ministerpräsidenten Erwin Sellering (SPD) für die Hangstabilisierung einen Hilfsfonds über weitere 1,2 Millionen Euro.

Weil die Kliffkante immer näher rückte, drohte inzwischen auch das leer stehende Diakonieheim abzustürzen. Ursprüngliche Pläne, das Gebäude des Schweriner Evangelischen Vereins für Suchtkrankenhilfe der Natur zu überlassen, wurden schließlich aufgegeben. Im Mai 2008 ging der Auftrag zum ferngesteuerten Rückbau an die Schwedter Spezialfirma 3 S Abriss und Recycling GmbH.

In einem aufsehenerregenden Verfahren trugen die Experten den 108 Jahre zuvor errichteten Dreigeschosser Stockwerk für Stockwerk ab. Weil das Heim nicht mehr betreten werden durfte, setzten sie einen Hydraulikgreifer ein, der an einem 60 Meter entfernt aufgestellten Autodrehkran montiert wurde und sich ferngesteuert in das Mauerwerk fraß.

Aufwändiges Drainagesystem legt Hang trocken

Sechs Wochen später war das Gebäude bis auf das Kellergeschoss verschwunden. Im Dezember 2011 warf das Oberlandesgericht Rostock einem Architektenbüro aus Nordrhein-Westfalen vor, bei der Sanierung des Gebäudes 2001 seinen Auftraggeber nicht ausreichend über die Standsicherheit der Suchtklinik aufgeklärt zu haben.

Dort, wo einst das Diakonieheim stand, wachsen inzwischen Büsche und junge Bäume. Wer heute am Hangfuß über die neue Hafenpromenade spaziert, der hört ein beständiges Plätschern hinter einer meterhohen Gabionenmauer. Über ein aufwendig installiertes Drainagesystem fließen jetzt täglich 150 Kubikmeter Wasser durch den Hang. Um den Hang „auszutrocknen“, hatten Experten der bayrischen Spezialtiefbau GmbH aus Inzell 2009 mit dem Schiff schwere Bohrtechnik in den Lohmer Hafen bringen lassen. Vom Hangfuß aus fraßen die Spezialmaschinen 15 Horizontalbohrungen in den Hang.

Problemhang wird mit Hightech überwacht

Anschließend wurden die jeweils 32 bis 56 Meter langen Entwässerungstunnel mit filterummantelten Dränagerohren ausgekleidet, durch die das Wasser hinunter zum Meer fließen konnte. Auf diese Weise sei es gelungen, die Grundwasserstände um bis zu vier Meter zu senken, sagt Projektleiter Gothow. Die Kosten: 650 000 Euro.

Zeitgleich wurde der Problemhang mit Hightech jahrelang überwacht. Ins Erdreich eingebrachte Sonden lieferten die aktuellen Grundwasserstände, sogenannte Inklinometer wachten über eventuelle Rutschungen und Verschiebungen im Hang, und computervernetzte Vermessungspunkte an der Hangoberfläche lieferten stündlich genaue Positionsdaten.

Allein das Monitoring, also diese Beobachtung, kostete 180 000 Euro. 2011 wurde dann zusätzlich für 200.000 Euro eine Tiefenentwässerung im Rutschungsbereich der ehemaligen Diakonie installiert. Zudem wurden für 1,65 Millionen Euro Erdbetonstützen eingebaut. Die Neigung der Böschung oberhalb des „Café Niedlich“ wurde reduziert und eine Zufahrtsstraße zum Hafen gebaut.

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