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Am Ende wurde es zur Sucht

Der Wirkstoff Metylphenidat in Medikamenten wie Medikinet oder Ritalin wurde ab 1993 extrem häufig verschrieben. In der Drogenszene wird der Stoff auch als „Ersatz-Speed“ konsumiert.
Der Wirkstoff Metylphenidat in Medikamenten wie Medikinet oder Ritalin wurde ab 1993 extrem häufig verschrieben. In der Drogenszene wird der Stoff auch als „Ersatz-Speed“ konsumiert.
Julian Stratenschulte

Verzweifelt muss eine Mutter mit ansehen, wie ihr Sohn an seiner Erkrankung zerbricht. Sie ist überzeugt davon, dass die ärztliche Behandlung ihn mit ins Verderben geführt hat. Schuld ist nach ihrer Ansicht das verabreichte Medikament.

Jenny Schmidt* stehen die Tränen in den Augen. „Ich fühle mich schuldig“, sagt die Mutter des heute 16-jährigen Tom*, die in der Seenplatte wohnt. Sie sieht sich nach neun langen Jahren mit dem Versuch, die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ihres Sohns in den Griff zu bekommen, vor einem Scherbenhaufen ihrer Mühen.

Die Tortur begann in der Schule. Der damals siebenjährige Tom fiel in der Klasse immer wieder auf und zeigte die typischen Symptome des „Zappelphilipp-Syndroms“, wie die Erkrankung umgangssprachlich auch bezeichnet wird. „Chaotisch, leicht aufbrausend, mitteilungsbedürftig, mit Tätigkeiten nicht fertig werdend“, beschreibt sie die Auffälligkeiten einer Krankheit, die in den vergangenen Jahren in den Verdacht eines Modeleidens geraten ist.

"Erst gedacht, es lag an falscher Erziehung"

Tom konnte sich nicht auf die Schule konzentrieren, störte den Unterricht und brachte die Lehrer mit seinem Ausflippen aus dem Konzept. Vonseiten der Schule wuchs der Druck auf Jenny Schmidt, etwas gegen Toms Ausraster zu unternehmen. „Damals dachten noch viele, es liegt an falscher Erziehung. Ich habe mich allein auf weiter Flur gefühlt“, erinnert sie sich.

Deswegen sei es für sie wie eine Erlösung gewesen, als der konsultierte Facharzt die Diagnose ADHS gestellt habe. „Da war für mich klar, dass ich nicht schuld bin“, beschreibt sie ihre Erleichterung, in die sich die Hoffnung mischte, dass Tom durch die medizinische Behandlung geholfen werden kann.

Nach anfänglichen Erfolgen mehrten sich die Rückfälle

Der Start der Therapie verlief vielversprechend. Tom wurde ein Medikament verschrieben, das er täglich eine Stunde vor Unterrichtsbeginn einnehmen sollte. Mit Erstaunen und Freude sah Jenny Schmidt, wie sich ihr Sohn innerhalb kürzester Zeit veränderte. „Er wurde still und aufnahmefähig für den Schulstoff“, beschreibt sie den Wandel des aus ihrer Sicht ansonsten eher zappeligen, aber aufgeschlossenen und fröhlichen Jungen.

Doch die Arznei namens Medikinet führte zu Nebenwirkungen, die immer heftiger wurden, erinnert sich die Mutter. „Nach dem Unterricht wurde Tom total depressiv, dazu gesellte sich Appetitlosigkeit. Nachmittags war sein Akku total runter“, berichtet sie.

Der Wirkstoff des Medikaments heißt in der Drogenszene "Speed"

Hatte sich Jenny Schmidt anfangs nicht mehr als üblich für das Medikament interessiert, schaute sie jetzt genauer auf das Kleingedruckte. Als Wirkstoff war Methylphenidat angegeben, ein Betäubungsmittel, das in der Drogenszene auch unter dem Namen „Speed“ bekannt ist.

Nach anfänglichen Erfolgserlebnissen mehrten sich in der Schule die Rückfälle. „Die Lehrer baten darum, die Dosis erhöhen zu lassen, weil Tom ausgeflippt war“, sagt sie. Parallel wurde der Junge schulpsychologisch unterstützt – eine halbe Stunde in der Woche. „Die Hilfe verlief im Sande und war nur ein Tropfen auf dem heißen Stein“, schätzt die Mutter ein.

Mutter setzt das Medikament zeitweise bei ihrem Sohn ab

 

Eine ergotherapeutische Betreuung kam nur zeitweise zustande. „Tom war nachmittags dazu oft nicht mehr in der Lage“, sagt sie. Er habe immer mehr abgenommen und sei schließlich nur noch ein Strich in der Landschaft gewesen. An Wochenenden und in den Ferien setzte die Mutter das Medikament sogar ab, um ihren Sohn weniger zu belasten. „Ich habe lieber meinen zappeligen Jungen gehabt“, begründet die Mutter.

Jenny Schmidt weiß, dass ADHS-Kinder für Eltern und Betreuer anstrengend und belastend sind. „Die brauchen eigentlich ständig jemanden, den sie an ihrer Seite haben“, meint sie. Und Erfolgserlebnisse: Bei einem Laufwettbewerb habe Tom den Sieg geholt, eine Würdigung an der Schule sei aber ausgeblieben. „Ich habe schließlich die Urkunde selbst gebastelt“, erzählt sie.

Bereits zweimal in der Entziehungskur

Bis heute kann sie nicht fassen, was aus ihrem Sohn geworden ist: ein 16-jähriger Drogensüchtiger, der bereits zweimal vergeblich zur Entziehungskur war und kurz vor dem Gefängnis steht, weil er Diebstähle begangen haben soll. „Ich komme gar nicht mehr an ihn ran“, sagt sie voller Bitternis. Es habe so gut wie keine Warnungen vor der Gefahr gegeben, dass Medikinet in die Sucht führe. Auch in Sachbüchern würden die Nebenwirkungen teilweise verharmlost.

Das Medikament wird aus ihrer Sicht viel zu leichtfertig verschrieben – ohne ausreichende Aufklärung. „Es tut mir heute total Leid, dass ich Tom gezwungen habe, die Arznei ständig zu nehmen. Ich habe ein verdammt schlechtes Gewissen“, bedauert sie. Sie habe nicht den Hauch einer Ahnung gehabt, dass es sich um ein Amphetamin handelt.

Studenten nehmen Stoff zur Leistungssteigerung

Die Arznei, die mit dem gleichen Wirkstoff auch unter dem Namen Ritalin verschrieben wird, ist auch bei Franz Horst Wimmer schlecht angesehen – wenn sie unsachgemäß verabreicht wird. Der freiberufliche Buchautor und Referent arbeitet im Hauptjob bei der Kriminalpolizei in Fürth als Vize-Chef im Drogenkommissariat. Er gehört in Deutschland zu den eifrigsten Warnern vor Medikinet und Ritalin, seitdem er 1999 mit einem Fall in Berührung gekommen war, der auffällige Ähnlichkeiten zum Leidensweg von Jenny Schmidt und ihrem Tom aufweist.

Darin hatten die Eltern in ihrer Not ihren eigenen Sohn angezeigt, nachdem der zehn Jahre lang mit Ritalin behandelt worden und in die Drogenszene abgerutscht war. In einem Gerichtsverfahren sei der Junge auf Bewährung verurteilt worden, weil er in einem Gutachten für vermindert schuldfähig erklärt wurde.

Es gibt einen Schwarzmarkt für Ritalin

„Viele Leute wissen nicht, dass Methylphenidat unter das Betäubungsmittelgesetz fällt“, warnt Wimmer. Für das Mittel gebe es einen Schwarzmarkt, weil auch zum Beispiel Studenten den Stoff zur Leistungssteigerung einnehmen würden. „Wenn Medikamente mit diesem Wirkstoff wie Smarties verabreicht werden, läuft etwas falsch“, glaubt er.

Bei den Recherchen für seine Sachbücher zum „Ritalin-Wahnsinn“ ist Wimmer zu dem Ergebnis gekommen, dass es an der Aufklärung der Eltern über die Gefahren des Medikaments hapert. „Risiken werden von manchen Ärzten heruntergespielt“, weiß Wimmer. Lange Zeit habe das Präparat beinahe als allein selig machend bei der Behandlung von ADHS-Kindern gegolten – bis ein Umdenken eingesetzt habe, das bis heute noch nicht überall angekommen sei. Erst 2013 sei erstmals ein leichter Rückgang bei den Verschreibungen von Methylphenidat registriert worden.

Bei Langzeitbehandlung steigt die Suchtgefahr

Den Durchbruch hat aus Sicht von Horst Wimmer vor sechs Jahren eine Entscheidung der EU-Kommission gebracht. Damals sei eindeutig festgeschrieben worden, dass ADHS-Kindern nicht nur mit den in die Kritik geratenen Medikamenten behandelt werden dürfen. Ritalin oder Medikinet seien zwar zugelassene Arzneimittel – allerdings mit dem Potenzial, bei einer Langzeitbehandlung eine Sucht auszulösen. „Im Einzelfall kann das Mittel sinnvoll sein, wenn es mit anderen Therapien kombiniert wird“, fasst Wimmer zusammen.

Diese Forderung macht auch Dr. Martina Pitzer auf. „Metylphenidat darf nicht in Einzeltherapie angewendet werden“, erklärt die Klinikdirektorin aus Karlsruhe, die im Auftrag der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft eine Nordkurier-Anfrage beantwortet. Darüber hinaus müsse die Anwendung in jährlichen Abständen überprüft werden.

„Die Arznei hat Tom ins Verderben gestürzt“

Gebe es verstärkte Nebenwirkungen, etwa wenn die behandelten Kinder wegen ihres Appetitmangels stark abnehmen, müsse das Medikinet/Ritalin abgesetzt werden.
„Das passiert zum Glück aber nicht so häufig“, stellt Martina Pitzer fest. Bei Langzeituntersuchungen habe sich herausgestellt, dass durch die Einnahme des Amphetamins bei ADHS-Kindern die Suchtgefahr nicht steigt. „Das Risiko ist für die Betroffenen grundsätzlich etwas höher als bei Kindern, die nicht an der Krankheit leiden“, macht sie deutlich.

Jenny Schmidt steht zu ihrem Urteil: „Die Arznei hat Tom ins Verderben gestürzt.“ Jetzt sieht die Mutter ihre Aufgabe darin, öffentlich vor Gefahren von Medikinet zu warnen. „Das ist doch kein Medikament, sondern eine Droge“, findet sie.

Arzt bricht Behandlung ab, weil Tom ein Junkie sei

Der Schock sitzt tief: Toms Arzt habe die Behandlung mit der Begründung abgebrochen, dass er jetzt ein Junkie sei. Jenny Schmidt will jetzt noch einmal das Gespräch mit dem Mediziner suchen, um Klarheit darüber zu erhalten, was schief gelaufen ist: „Ich bin nicht der Typ, der aufgibt.“

* Namen von der Redaktion geändert