Wahlkampf im Nordosten

"Angie"-Rufe und Pfiffe - Merkel in Greifswald

Heimspiel für Bundeskanzlerin Merkel: Mit Greifswald besuchte Merkel ihren Bundestagswahlkreis – und zeigte sich im Wahlkampfmodus.
dpa
Gruppenselfie mit der Bundeskanzlerin: Angela Merkel auf dem Greifswalder Fischmarkt.
Gruppenselfie mit der Bundeskanzlerin: Angela Merkel auf dem Greifswalder Fischmarkt. Claudia Malangré
Lecker Erdbeeren! Oder? Bundeskanzlerin Angela Merkel und der CDU-Bundestagsabgeordnete Peter Stein bei ihrem Besuch des Rövershagener Erdbeerhofs.
Lecker Erdbeeren! Oder? Bundeskanzlerin Angela Merkel und der CDU-Bundestagsabgeordnete Peter Stein bei ihrem Besuch des Rövershagener Erdbeerhofs. Jens Büttner
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Greifswald.

Dreieinhalb Wochen vor der Bundestagswahl hat Kanzlerin Angela Merkel (CDU) am Donnerstag ihren Wahlkreis in Vorpommern besucht und um Stimmen für das Direktmandat geworben. Merkel kritisierte in ihrer Rede auf dem Greifswalder Fischmarkt vor rund 300 Zuhörern die deutschen Autohersteller, sprach sich für mehr Investitionen in Bildung und für eine Stärkung der inneren Sicherheit aus.

„Unsere Automobilindustrie ist hoch angesehen, trotzdem sind da jetzt Fehler passiert“, sagte Merkel unter Bezug auf die Dieselmanipulationen. Da, wo Fehler passiert seien, müsse die Automobilindustrie alles tun, um das wieder gut zu machen. Gleichzeitig habe die Politik die Aufgabe, aufzupassen, dass die 800.000 Arbeitnehmer der Branche, die sich nichts zu Schulden kommen lassen haben, nicht die Zeche dafür zahlen, was andere in den Vorständen von Automobilunternehmen angerichtet haben, sagte sie.

„Deutschlands Zukunft mit Pfeifen bauen, ich glaube das wird nichts”

Merkel würdigte die Arbeit der Flüchtlingshelfer, die 2015 und 2016 in einer humanitären Notlage geholfen hätten. Dennoch dürfe sich ein Jahr wie 2015 nicht wiederholen, sagte Merkel. „Deshalb haben wir daraus auch unsere Lehren gezogen.“ Die Entwicklungshilfe werde in den nächsten Jahren einen viel größeren Anteil an der Politik der Bundesregierung haben. Es gehe darum, Fluchtursachen zu bekämpfen, vor Ort zu helfen, Schlepperstrukturen zu zerschlagen.

 

Die Rede Merkels wurde von vereinzelten Pfiffen und Zwischenrufen begleitet. Auf die Störungen konterte Merkel: „Deutschlands Zukunft mit Pfeifen bauen, ich glaube das wird nichts.“

Eine Frau rief der Kanzlerin hinterher: „Angie, I love you.”

Merkel, die seit 1990 das Direktmandat im Ostseewahlkreis inne hat, hatte vor ihrem Wahlkampfauftritt auf dem Markt das Hospiz in Greifswald besucht und sich dort mit Pflegern und Bewohnern ausgetauscht. „Hospize machen unsere Gesellschaft menschlicher“, würdigte sie die Arbeit. Sie habe dort unglaublich motivierte Mitarbeiter getroffen.

Bei ihrem anschließenden Rundgang durch die Stadt ließ die Kanzlerin auf Wunsch von Passanten Selfies machen. Eine Frau rief der Kanzlerin hinterher: „Angie, I love you.“ Zudem kam sie mit Kindern des evangelischen Kindergartens ins Gespräch und ließ sich im Dom St. Nikolai den Taufeintrag des Malers Caspar David Friedrich zeigen, der 1774 in Greifswald geboren wurde.

Anschließend wollte sie in den Nachbarwahlkreisen die CDU-Bundestagsabgeordneten Peter Stein und Eckhardt Rehberg bei Ortsterminen in Rövershagen, Dummerstorf und zuletzt Tellow unterstützen.

Gedenkstein für Helmut Kohl

Als sie in Tellow die Thünenscheune betrat, wo etwa 450 Besucher warteten, hatte Hannes Dettmann, Chef des CDU-Regionalverbands Mecklenburg-Mitte, noch ein Anliegen. Er bat die Kanzlerin, einen Gedenkstein für Helmut Kohl zu enthüllen. Der Granitblock trägt eine Tafel mit der Inschrift „In Gedenken an die Deutsche Einheit 3. Oktober 1990 und in ewiger Dankbarkeit für die Verdienste von Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl“. Dieser Moment hatte offenbar Eindruck auf sie gemacht. Denn in ihrer Rede nahm sie Bezug darauf. Helmut Kohl, so betonte sie, habe – trotz manchen Spottes – immer an die von ihm prophezeiten „blühenden Landschaften“ im Osten Deutschlands geglaubt. Diese Vision habe sich erfüllt, wenngleich das Land heute vor ganz neuen Herausforderungen stehe