Das Anlegen von Verbänden gehört zu den Aufgaben der spezialisierten Schwestern, die Schwerkranke in deren eigener W
Das Anlegen von Verbänden gehört zu den Aufgaben der spezialisierten Schwestern, die Schwerkranke in deren eigener Wohnung betreuen. Jens Büttner
Umstrittene Entscheidung

AOK Nordost kündigt Sonderverträge mit Hausärzten

Die Krankenkasse mit den meisten Versicherten in der Region will die Betreuung besonders pflegebedürftiger Patienten nicht mehr bezahlen. Ärzte sind sauer und trauen der Begründung der AOK nicht.
Neubrandenburg

Mitten in der Coronakrise kommt auf die Hausärzte in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg eine weitere zusätzliche Belastung zu. Die AOK Nordost hat mit Wirkung zum Jahresende den Praxen seit mehreren Jahren bestehende Verträge für die Versorgung von meist älteren, besonders bedürftigen Patienten gekündigt.

Nutzte die AOK die Gunst der Stunde?

„Ein etabliertes erfolgreiches Modell wird abgewickelt”, kritisierte Stefan Zutz, Landarzt in Neubuckow bei Rostock, im Gespräch mit dem Nordkurier. Die AOK wolle sich aus Programmen zurückziehen, in deren Rahmen durch besonders qualifizierte Schwestern pflegebedürftige immobile Patienten oder Patienten mit chronischen Wunden in ihren eigenen Wohnungen betreut wurden.

Weitere Aufgaben waren zum Beispiel die Kontrolle von Blutdruck und Blutzucker oder die Beratung der Pateinten hinsichtlich der Vermeidung von Stürzen. Durch dieses nachweislich günstigere Angebot sei den Hausärzten der Rücken für andere Aufgaben frei gehalten worden.

Mediziner müssen wieder mehr Hausbesuche machen

„Ein Unglück kommt selten allein”, meinte Zutz, im Ehrenamt Vorsitzender des Hausärzteverbandes MV, mit Blick auf die Überlastung der Praxen etwa durch die Impfungen gegen Corona. Nach Ansicht des Verbandes könnte es sich negativ auf die Impfkampagne auswirken, wenn die Mediziner die betroffenen Patienten wieder selbst aufsuchen müssten.

Ebenso könne es passieren, dass den Patienten wieder zugemutet werden müsse, sich selbst auf den beschwerlichen Weg in die Praxen machen zu müssen. Die von der AOK Nordost angegebenen wirtschaftlichen Gründe bezeichnete Zutz als vorgeschobene Sparmaßnahme. „Keine Versorgung ist immer günstiger”, meinte er lakonisch. Bei den Krankenkassen Barmer und IKK Nord gebe es weiter ähnliche Programme.

AOK: Haben Verträge auf Wirtschaftlichkeit geprüft

Die AOK Nordost verteidigt ihr Vorgehen. Die gesetzlichen Krankenkassen seien verpflichtet, Sonderverträge regelmäßig auf ihre Wirtschaftlichkeit zu prüfen. Solche Vereinbarungen müssten sich nach einer ersten Anlaufphase refinanzieren. „Das tun sie, wenn sich die Versorgung der Betroffenen so verbessert, dass sie qualitativ hochwertiger aber auch kostengünstiger wird”, sagte ein AOK-Sprecher.

Eine Überprüfung habe ergeben, dass das in diesem Fall nicht geschehen sei. Aufgabe der besonders qualifizierten nichtärztlichen Praxisassistentin sei das komplette Fallmanagement für die betreuten Patienten. „Durch dieses Fallmanagement können unnötige Krankenhausaufenthalte vermieden werden”, so der Sprecher. Allerdings habe sich herausgestellt, dass es trotz erhöhter Kosten für das Fallmanagement auf der anderen Seite nicht zu entsprechenden Effekten bei vermiedenen und teuren Krankenhausbehandlungen gekommen sei.

Es geht auch ums Vertrauensverhältnis zu den Patienten

Der Demminer Allgemeinmediziner Dr. Jörg Hinniger zweifelt an den Ergebnissen der AOK-Überprüfung. „Ich kann nicht nachvollziehen, an welchen Kriterien die AOK ihre Einschätzung festmacht”, zweifelt er. Das Programm habe sich eingespielt und bewährt. Es sei schlimm, dass ausgerechnet die Krankenkasse mit den meisten Patienten in der Region in der aktuell sehr angespannten Lage mit einer solchen Vertragskündigung für zusätzlichen Stress in den Praxen sorgt.

Bei Hinniger fahren die Schwestern pro Woche um die 15 Hausbesuche. „Da hat sich auch ein Vertrauensverhältnis aufgebaut”, betont er. „Ich weiß nicht, wie ich das selbst schaffen soll, wenn ich bestimmte Aufgaben nicht mehr delegieren kann”, meint er. Hinniger zweifelt am erklärten Willen der AOK, künftig entsprechende Verträge zu neunen Konditionen abschließen zu wollen. „Wenn man ein unannehmbares Angebot hinlegt, ist das auch ein Angebot”, sagt der Mediziner mit Blick auf die Vorstellungen der AOK.

Die AOK selbst spricht Transparenz, Qualität und Wirtschaftlichkeit für eine modifizierte Version der Verträge. Das Fallmanagement solle nur dort zum Einsatz kommen, wo es sinnvoll sei – etwa, um Einweisungen in Kliniken zu vermeiden. Die Hausärzte Zutz und Hinniger winken ab: Sie stören sich unter anderem an einer nur sechsmonatigen Laufzeit und der Auflage, ärztliche Dokumentationen der Fälle jährlich durch die AOK prüfen lassen zu müssen. „Gerade das überschreitet eine rote Linie”, sagt Zutz zu einer möglichen Prüfpflicht.

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