Die Agentur für Arbeit hat während der Corona-Pandemie viel mit dem Thema Kurzarbeit zu tun gehabt.
Die Agentur für Arbeit hat während der Corona-Pandemie viel mit dem Thema Kurzarbeit zu tun gehabt. Marcus Brandt
Markus Biercher, Chef der Regionaldirektion Nord der Bundesarbeitsagentur.
Markus Biercher, Chef der Regionaldirektion Nord der Bundesarbeitsagentur. Bundesarbeitsagentur RD-Nord
Interview Arbeitsagentur

„Arbeitsmarkt hat enorm mit demografischem Wandel zu kämpfen”

Der Arbeitsmarkt steckt in einem tiefen Wandel. Welche Rolle spielen die Arbeitsagenturen dabei? Dazu hat Jörg Spreemann mit Markus Biercher, Chef der Regionaldirektion Nord, gesprochen.
Kiel

Im vergangenen Monat sind die Arbeitslosenzahlen stärker als üblich gestiegen. Liegt das tatsächlich nur an ukrainischen Flüchtlingen und jungen Leuten, die die Schule beendet haben?

Ja, das ist unsere klare Interpretation der Zahlen. Wir hatten nur einen leichten Anstieg im dreistelligen Bereich. Das ist wenig, wenn man bedenkt, dass über 3000 Menschen aus der Ukraine in unsere Zuständigkeit übernommen wurden. Dazu kommen die jungen Leute, die sich jahreszeitlich üblich – nach Abschluss ihrer Schulzeit oder ihrer Berufsausbildung – vorübergehend arbeitslos gemeldet haben . Ich bin zuversichtlich, dass wir im Verlauf des Jahres auch statistisch wieder einen Rückgang der Arbeitslosigkeit melden können.

Immerhin sind rund 1000 Jobs im verarbeitenden Gewerbe verloren gegangen. Ist das nicht ein Anzeichen für eine Trendumkehr auf dem Arbeitsmarkt?

Das sehe ich auf keinen Fall so. Im Gegenteil: Der Arbeitsmarkt hat enorm mit dem demografischen Wandel zu kämpfen. Es gibt einen gravierenden Arbeits- und Fachkräftebedarf.

Viele Unternehmer sind unsicher, weil Energiepreise, Krieg oder fehlende Fachkräfte die Entwicklung von Betrieben unkalkulierbar machen. Wird das Jobs kosten?

Ich sehe hier eine Entwicklung zwischen zwei Polen: Einerseits tatsächlich Unsicherheit mit Blick auf die Energiepreisentwicklung, auf Lieferketten oder den Fachkräftebedarf. Andererseits gibt es Auftragsbücher, die zum Bersten voll sind. Ich glaube, dass über den Herbst und den Winter wieder ein Stückchen Ruhe und Gelassenheit einkehren wird. Auch während der Corona-Pandemie hatten wir anfangs starke Ausschläge aufgrund der allgemeinen Verunsicherung.

Wofür werden Arbeitsagenturen noch gebraucht, wenn es weniger Arbeitslose und damit weniger Bewerber für die offenen Stellen gibt?

Ich sehe drei Kernaufgaben, bei denen wir einen gewichtigen Beitrag zu leisten haben. Da sind die jungen Leute vor dem Berufsleben: Wir können es uns nicht mehr leisten, auch nur einen einzigen jungen Menschen zurückzulassen. Auch wer keinen Abschluss geschafft hat, muss auf eine Ausbildung vorbereitet werden. Bildung ist die zweite Kernaufgabe. Insbesondere Menschen, die arbeitslos sind, müssen Bildungsangebote erhalten, damit sie wieder ins Berufsleben zurückkehren können. Dazu gehört auch die betriebliche Qualifizierung. Viele Unternehmen benötigen hierbei Beratung und finanzielle Unterstützung.

Können Bewerber aus dem Ausland der Schlüssel für die Lösung von Fachkräftesorgen sein?

Den einen Schlüssel gibt es nicht, wir brauchen ein Schlüsselbund. Ein wichtiger Schlüssel – unsere dritte Kernaufgabe – besteht in der Organisation und Begleitung von Zuwanderung aus Europa und Drittländern. Denn alle Wirtschaftsforschungsinstitute haben einen Zuwanderungsbedarf im hohen sechsstelligen Bereich prognostiziert, um den erreichten Wohlstand und die sozialen Sicherungssysteme in Deutschland stabil zu halten.

Was bedeuten sinkende Arbeitslosen- und Stellenzahlen für die Agenturen? Haben sie zu viele Mitarbeiter an Bord?

Unsere Mitarbeiter haben die vergangenen zwei Jahre intensiv dafür Sorge getragen, dass der soziale Frieden in Deutschland gesichert wurde. Ein Großteil unserer Belegschaft hat sich an der Auszahlung von Kurzarbeitergeld beteiligt und ist zum Teil bis heute damit beschäftigt. Wir haben nicht zu viel Personal an Bord, weil es jetzt – neben der Erfüllung unserer zuvor genannten Kernaufgaben – auch um die Betreuung der Menschen aus der Ukraine geht.

Laufen Sie Gefahr, dass sich Unternehmen selbst noch stärker auf die Bewerbersuche machen, wenn der Bedarf an Fachkräften durch die Arbeitsagenturen nicht gedeckt werden kann?

Ich freue mich über jeden, der sich selbst helfen kann. Wir machen Angebote für unsere Beitragszahler, zu denen auch die Unternehmen gehören. Jeder Unternehmer kann sich von uns beraten lassen und unsere Förderangebote nutzen, wenn es um das Thema Fachkräftesicherung geht. Wenn jemand jedoch sagt, er möchte das gern allein machen, ist das natürlich auch in Ordnung. Wir bieten jede uns mögliche Hilfe an.

In Vorpommern siedeln sich in Pasewalk mehrere große Arbeitgeber an, darunter der Schuhhersteller Birkenstock. Können die Arbeitsagenturen bei der Suche nach weit mehr als 1000 Beschäftigten überhaupt noch Hilfe leisten, wenn schon woanders Bewerber fehlen?

Wir haben ein Pfund, mit dem wir wuchern können: Wir bieten unser breit gefächertes Netzwerk an. Denn wir haben Arbeitsagenturen in Greifswald, Neubrandenburg, Rostock oder Stralsund, die im Verbund arbeiten. Das war auch im Fall des Autoherstellers Tesla so, der sich in Brandenburg angesiedelt von dem Verbund der dortigen mit den Berliner Arbeitsagenturen profitiert hat. Wir sind zudem Teil des Netzwerks der europäischen Arbeitsverwaltungen, das auch nach Polen reicht.

Wie groß schätzen Sie die Gefahr ein, dass attraktive Großarbeitgeber kleinen Betrieben die Beschäftigten abspenstig machen, etwa aus Handwerk oder Gastronomie?

Einen solchen Sogeffekt gibt es immer. Das ist, ganz nüchtern gesagt, der Markt. Ich kenne die Tragik, die für einzelne Betriebe damit verbunden sein kann. Auf der anderen Seite profitiert jedoch auch das lokale Handwerk von einer solchen Großansiedlung. Für die Region insgesamt ist so etwas immer ein Gewinn, da sich die Wertschöpfung deutlich positiv entwickelt.

In MV sind noch 4700 Lehrstellen frei, es gibt nur noch knapp 2100 Bewerber. Liegt das nur an der gesunkenen Zahl der Schulabgänger?

Wir haben seit vielen Jahren den Trend, dass junge Menschen immer länger zur Schule gehen, häufiger Abitur machen und studieren. Das ist ein gesellschaftliches Phänomen. In vielen Köpfen von Eltern steckt die Idee, dass ein Studium mit Aufstieg verbunden ist. Das kann ich niemanden verdenken, auch wenn damit die Karrierechancen und Verdienstmöglichkeiten unberücksichtigt bleiben, die mit einer dualen Ausbildung verbunden sein können.

Orientiert die Berufsberatung der Arbeitsagenturen zu einseitig darauf, dass möglichst viele junge Leute studieren sollen?

Unsere Berufsberatung berät grundsätzlich klischeefrei, bedrängt niemanden und orientiert sich an den Neigungen und Interessen der jungen Menschen. So informieren wir völlig neutral auch über die Chancen und Möglichkeiten einer dualen Berufsausbildung. Allerdings gilt auch: Es gibt die Freiheit der Berufswahl.

 

 

Zur Person

Seit dem 1. August ist Markus Biercher (50) in der Bundesarbeitsagentur (BA) Chef der Regionaldirektion Nord, die auch für Mecklenburg-Vorpommern zuständig ist. Zuvor war er seit fast dreißig Jahren in verschiedenen Funktionen für die BA tätig. Bevor er im April 2019 Geschäftsführer Internationales in der Zentrale wurde, war er in der BA-Zentrale in Nürnberg für das Qualitätsmanagement sowie das Leistungsmanagement verantwortlich. Während seiner beruflichen Laufbahn hat er sowohl auf lokaler – als auch auf regionaler Ebene gearbeitet. In den Agenturen für Arbeit in Flensburg und Stralsund war er Geschäftsführer. Markus Biercher hat ein Studium an der Hochschule der BA absolviert. Markus Biercher ist verheiratet und hat drei erwachsene Töchter.

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