Viele Firmen in der Region suchen nach neuen Auszubildenden.
Viele Firmen in der Region suchen nach neuen Auszubildenden. Sebastian Willnow
Wirtschaft

Ausbildung statt Studium – IHK wirbt um Abiturienten

Weit mehr als die Hälfte der Firmen der Region können nicht alle Lehrstellen besetzten. Jetzt startet die Wirtschaft eine Kampagne, die sich an Abiturienten wendet.
Neubrandenburg

Mit Sprüchen wie „Praxis statt Vorlesung”, „Eigenes Geld statt Bafög” oder „Karriere statt Hörsaal” sollen mehr Abiturienten im Osten des Landes überzeugt werden, einen klassischen Beruf zu erlernen. „Damit die Wirtschaft in der Region leistungsfähig bleiben kann, wenn die die Demografie hart zuschlägt”, sagt Torsten Haasch, Hauptgeschäftsführer der IHK Neubrandenburg, zum Start einer Kampagne, in der junge Leute in sozialen Medien über ihre Karrierepläne berichten.

Während bundesweit rund 29 Prozent aller Abiturienten eine Berufsausbildung beginnen, weist die Statistik für die Mecklenburgische Seenplatte und Vorpommern-Greifswald lediglich 19 Prozent Mädchen und Jungen aus, die diesen Schritt gehen. Möglicherweise eine Spätfolge aus der Vergangenheit, die sich vor allem in die Köpfe der heutigen Elterngeneration eingebrannt hat: Fast schon flehentlich waren Jugendliche nach der Wende angesichts eines dramatischen Lehrstellenmangels von Politik und Wirtschaft gebeten worden, lieber studieren zu gehen oder sich in anderen Regionen ausbilden zu lassen.

Werbung mit Weltmarktführern

„Wir müssen an die jungen Leute, aber auch deren Eltern und Lehrer ran, um die Vorzüge der Berufsausbildung zu erklären”, sagt Haasch. Oft gelte es heute noch als Selbstverständlichkeit, dass dem Abi ein Studium folgen müsse. Dabei stehe auch die klassische Lehre dem weiteren beruflichen Aufstieg nicht im Wege. „Die vielen Möglichkeiten der Weiterbildung sind oft nicht bekannt”, schätzt er ein.

Dabei ließen sich Qualifikationen erreichen, die Master- und Bachelorabschlüssen ebenbürtig seien. Es gebe keinen Grund mehr, für einen attraktiven Beruf aus der Region wegzuziehen, so Haasch. „Wir haben unter anderem in Elektronik, Metallverarbeitung oder Pharmazie in der Region Weltmarktführer, die hochwertige Jobs bieten”, wirbt er.

Gastgewerbe besonders betroffen

Die Welt hat sich gewandelt: Mit dem „Wendeknick” ist die Zahl der Schulabgänger im Land auf ein Drittel jener rund 30.000 Mädchen und Jungen geschrumpft, die noch in den 1990er-Jahren die Schulen absolviert haben. Die Lage ist dramatisch: 61 Prozent der Unternehmen geben inzwischen an, nicht mehr alle Lehrstellen besetzen zu können.

Besonders betroffen ist mit fast drei Vierteln das Gastgewerbe, gefolgt von Handel und Dienstleistungsbranche. Befürchtungen, Abiturienten oder auch Studienabbrecher könnten Absolventen mit Realschulabschluss die besten Lehrstellen wegnehmen, müsse angesichts dieser Tatsachen niemand haben, versichert Haasch.

Mit Abi Lehre begonnen

Fabienne Geier aus Stavenhagen gehört zu den fünf jungen Leuten aus Greifswald, Malchin, Waren oder Neubrandenburg, die Gleichaltrigen auf Facebook oder Instagram in den kommenden Wochen über ihre Entscheidung berichten, trotz und mit dem Abi lieber eine Lehre als Immobilienkauffrau als ein Studium zu beginnen. „Lehrer haben mich schon gefragt, warum ich so etwas mache”, berichtet die 19-Jährige.

Ein Studium sei aber nichts für sie gewesen, weil sie praktisch veranlagt sei. Die Erfahrungen einstiger Mitschüler, die zur Uni gegangen seien, haben sie nach eigener Auskunft bestärkt, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. An den Hochschulen habe das Studium wegen der Corona-Auflagen oft nur von zu Hause aus stattgefunden. „Das war bei mir anders, weil ich bei der Lehre nur wenige Einschränkungen in Kauf nehmen musste und so immer mein soziales Umfeld hatte”, sagt Fabienne Geier.

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