Im Osten am längsten unterwegs: 40 Prozent der Lehrling brauchen länger als eine Stunde, um zur Berufsschule zu gela
Im Osten am längsten unterwegs: 40 Prozent der Lehrling brauchen länger als eine Stunde, um zur Berufsschule zu gelangen, 23 Prozent sogar länger als anderthalb Stunden. Andreas Gebert
Vor einigen Jahren noch undenkbar: Es gibt auch in Mecklenburg-Vorpommern mehr Ausbildungsplätze als Bewerber.
Vor einigen Jahren noch undenkbar: Es gibt auch in Mecklenburg-Vorpommern mehr Ausbildungsplätze als Bewerber. Martin Schutt
Duale Ausbildung

Azubis der Region sind Reisemeister im Osten

Junge Leute, die 2020 ihre Berufsausbildung begonnen hatten, zählen zum ersten Jahrgang, der komplett unter Corona-Bedingungen lernen musste. Eine Umfrage der IHK macht deutlich, welche Folgen damit verbunden sind.
Neubrandenburg

„Kaum jemand muss so weit und so lange zur Berufsschule fahren, wie viele Lehrlinge aus dem Osten Mecklenburg-Vorpommerns“, sagt Ellen Grull, Ausbildungsexpertin der IHK Neubrandenburg. Mit dieser Aussage greift sie auf eine Umfrage unter Azubis des ersten Lehrjahres zurück, deren Ergebnisse gestern in Neubrandenburg vorgestellt wurden. Neubrandenburg.

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Demnach müssen 40 Prozent der Lehrlinge länger als eine Stunde einplanen, um zur theoretischen Ausbildung zu gelangen, 23 Prozent benötigen mehr als anderthalb Stunden. Mit Abstand seien das Spitzenwerte in ganz Ostdeutschland. Die Folge: 38,9 Prozent der Azubis aus der Region zwischen Müritz und Greifswalder Bodden müssen sich einen Wohnheimplatz mieten, in Westmecklenburg liegt dieser Wert bei 17,6 Prozent.

IHK fordert: Berufsschulen müssen näher an die Ausbildungsbetriebe

„Wir müssen die Berufsschulen wieder näher an die Ausbildungsbetriebe bringen, auch durch Nutzung digitaler Lernmethoden“, fordert Ellen Grull. Das mache die Ausbildung in Betrieben der Region attraktiver und wäre ein wichtiges Pfund, nicht allein die Mädchen und Jungen in der unmittelbaren Heimat zu halten, sondern den Unternehmen auch die dringend gesuchten Fachkräfte zu garantieren.

Aus ihrer Sicht sei es ein Fehler gewesen, dass die frühere Landesregierung für mehr als die Hälfte der angebotenen Berufe die Berufsschulstandorte im Osten des Landes abgewickelt habe. Beispiel sei das Aus für die Ausbildung von dringend benötigten Fachinformatikern in Neubrandenburg vor einigen Jahren. Jetzt ende ein Pilotprojekt für deren Rückkehr. „Leider steht die Entscheidung aus, ob es in Neubrandenburg weitergeht.“

Fahrten zum Ausbildungsbetrieb bald abrechenbar?

Angesichts langer Fahrwege fordert die IHK mit Blick auf die ländlichen Regionen Verbesserungen beim Azubiticket. Mit diesem Angebot können Lehrlinge für 365 Euro das ganze Jahr lang Bus und Bahn im Land nutzen. „Viele haben aber kaum etwas davon, weil das Angebot oft so schwach ist, dass man mit dem Nahverkehr nicht in angemessener Zeit zur Berufsschule oder zum Ausbildungsbetrieb kommt“, erklärt Ellen Grull. Sie schlägt eine Änderung im Schulgesetz vor, damit Fahrten zur Berufsschule mit eigenem Fahrzeug auch über eine Kilometerpauschale abgerechnet werden könnten.

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Die Azubi-Umfrage lässt erstmals einen Blick in die Gefühlswelt eines Jahrgangs zu, dessen Ausbildung komplett von Corona-Bedingungen geprägt war. Nach den Berichten der jungen Leute fand bei knapp einem Fünftel die Ausbildung nicht wie geplant statt – ein ähnlicher Wert wie 2020. So bekamen es knapp 14 Prozent der Befragten mit Kurzarbeit oder Teilzeit zu tun.

82 Prozent gaben an, dass alles „normal“ gelaufen sei. „Damit wurden Befürchtungen nicht wahr, dass wir es mit einem Corona-Jahrgang zu tun bekommen, dessen Lehre lückenhaft war“, schätzt IHK-Hauptgeschäftsführer Torsten Haasch ein. Das gelte auch für die Weiterempfehlungsrate: 89,5 Prozent der Befragten würden die Ausbildung in ihrem Betrieb auch möglichen Nachfolgern nicht ausreden wollen.

Der gute Ruf hat offenbar Folgen: Mit bisher mehr als 1400 abgeschlossenen Lehrverträgen in Industrie, Handel und Gastronomie trotze die Region dem Bundestrend, stellte Haasch fest. Das sei ein Plus von drei Prozent gegenüber dem Vor-Coronajahr 2019. Trotzdem bleibe es dabei, dass es mehr Lehrstellen als Bewerber gebe. Unterdurchschnittlich sei in der Region mit 19 Prozent der Anteil der Abiturienten, die sich statt eines Studiums für eine Lehre entscheide. Dieser Wert liege rund zehn Prozent unter dem ostdeutschen Durchschnitt.

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