In Stralsund streitet man, ob das schon ein schützenswerter Küstenwald ist.
In Stralsund streitet man, ob das schon ein schützenswerter Küstenwald ist. Sommer
In drei Jahrzehnten Nachwendezeit hat die Natur das frühere Kasernenareal in Stralsund-Andershof zurückerobert.
In drei Jahrzehnten Nachwendezeit hat die Natur das frühere Kasernenareal in Stralsund-Andershof zurückerobert. Sommer
In drei Jahrzehnten Nachwendezeit hat die Natur das frühere Kasernenareal in Stralsund-Andershof zurückerobert.
In drei Jahrzehnten Nachwendezeit hat die Natur das frühere Kasernenareal in Stralsund-Andershof zurückerobert. Sommer
Minister greift ein

Backhaus will angeblichen Küstenschutzwald in Stralsund roden lassen

Drei Jahrzehnte lang hat sich die Natur die ehemalige Kasernenfläche in Stralsund zurückerobert. Aber ist das schon ein schützenswerter Wald? Umweltminister Backhaus will ihn für einen Investor opfern und gerät damit in die Kritik.
Stralsund

Einst war hier die DDR-Bereitschaftspolizei kaserniert. Von dem Komplex am Sund existieren nur noch die Eingangswache und ein paar Gebäude wie das heutige Straßenbauamt. Andere Blöcke wichen neuen Wohngebäuden. Eine Brachfläche aber hat sich die Natur zurückerobert.

Ohne menschliches Zutun schossen auf dem 1,2 Hektar großen Areal im Stralsunder Stadtteil Andershof in drei Jahrzehnten Nachwendezeit Zitterpappeln, Birken, Sal-Weiden, Ahorn, Kiefern und Eichen in die Höhe.

Vor vier Jahren hatte Investor Fred Muhsal aus Waren die Fläche vom Land Mecklenburg-Vorpommern gekauft. Der 57-jährige Bau-Unternehmer, der nach Medienberichten schon in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern attraktive Objekte betreibt, erhofft sich von dem an der vielbefahrenen Greifswalder Chaussee befindlichen 1-A-Grundstück ein lukratives Geschäft. Er will dort eine Kita, einen Aldi-Markt und Parkplätze bauen.

Dafür hat Muhsal die Unterstützung der Stadt. Doch das zuständige Forstamt untersagte die Abholzung. Seit Monaten streitet man nun darüber, ob es sich bei dem verwilderten Areal schon um einen Wald oder gar um einen Küstenwald handelt, denn zwischen ihm und dem Strelasund liegt sogar noch eine Bebauung. Immerhin: Er grenzt unmittelbar an die Stralsunder Straße mit dem Namen „Zur Steilküste“.

Gut fürs Stadtklima und 28 Vogelarten

Forstamtschef Andreas Baumgart jedenfalls wertete das Wäldchen mit seinen 28 Vogelarten, darunter 13 brütende Arten, als wichtigen Lebensraum und bedeutend für das Stadtklima, zumal Stralsund wenig Wald habe. In einem 14-seitigen Papier hatte er 2019 die „Waldumwandlung” auf Grundlage des Landeswaldgesetzes abgelehnt und vorgeschlagen, zumindest auf einem kleinen Teil der Fläche den Kindergarten mit einem waldpädagogischen Bildungskonzept zu bauen.

Weil sich Investor und Stadt mit dem Nein der Forstbehörde nicht abfinden wollten, wurde im April 2019 Umweltminister Till Backhaus (SPD) von Oberbürgermeister Alexander Badrow (CDU) zum nichtöffentlichen Vor-Ort-Termin geladen. Nach einem NDR-Bericht kennen sich Backhaus und Investor Muhsal aus einer früheren Tätigkeit des Unternehmers. Muhsal war Chef des Pfanni-Werks in Stavenhagen.

Nach der Besichtigung habe der Minister den Andershofer Wald zur Chefsache gemacht, berichtete der NDR. Seine oberste Forstbehörde, die Landesforstanstalt, habe kurzerhand die Expertise des Forstamtes kassiert und Ende November 2020 die Abholzung des Waldes und zugleich Ausgleichsmaßnahmen auf Rügens Halbinsel Ummanz verfügt.

Backhaus hält Kritik für Wahlkampf

Das Vorgehen in Stralsund weht Backhaus nun stürmische Kritik ins Ministerium. Die Grünen werfen dem seit 23 Jahren im Amt befindlichen Minister in Sachen Waldschutz eine „Doppelmoral“ vor, weil er das Waldgesetz so hinbiege, dass die Bauinteressen des Investors befriedigt würden. Die Stadtverwaltung konterte auf Facebook, dass es sich nicht um einen ausgewiesenen Küstenwald handele und das Wäldchen auch keine Erhol- oder Lärmschutzfunktion erfülle.

Allerdings hat die Angelegenheit laut NDR auch ein lokalpolitisches Geschmäckle. Denn die Frau des Oberbürgermeisters pflege enge geschäftliche Beziehungen zum Investor Muhsal. Sandra Badrow sei Geschäftsführerin und Gesellschafterin des Pflegedienstanbieters Kleeblatt-Sund GmbH gleich gegenüber des Wäldchens. Sie plane den Bau einer Seniorenresidenz. Einer ihrer beiden Mit-Gesellschafter ist Muhsal. Oberbürgermeister Badrow hatte erklärt, er wolle an dem Vorhaben „vorsorglich” nicht mitwirken.

Backhaus selbst sieht die Waldrodung im öffentlichen Interesse. Die Kritik gegen ihn bezeichnet er als Wahlkampf. Die Bürgerschaft will am 4. März entscheiden. Dass die Rodung noch zur Brutzeit der Vögel im Frühjahr beginnt, ist fraglich.

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