Mülldeponie
Beim Giftmüll auf dem Ihlenberg sind noch viele Fragen offen

Die Deponie der Ihlenberger Abfallentsorgungsgesellschaft
Die Deponie der Ihlenberger Abfallentsorgungsgesellschaft
Bernd Wüstneck

Erstmals hatten Bürger der Deponie-Gemeinde Selmsdorf die Möglichkeit, direkt mit den Betreibern über unzulässigen Giftmüll zu sprechen. Die Resonanz war verhalten.

Die große Aufregung um unzulässigen Giftmüll auf der Deponie Ihlenberg ist in der Deponie-Gemeinde Selmsdorf in Ratlosigkeit umgeschlagen. Was ist dran am Prüfbericht des Innenrevisors der Ihlenberger Abfallentsorgungsgesellschaft (IAG), in dem von tausendfachen Grenzwertüberschreitungen bei giftigen Schwermetallen die Rede ist? Kann man den Gutachten zweier Berliner Anwälte vertrauen, die der Deponieleitung bescheinigen, dass alles mit rechten Dingen zugeht? Hat sich der Autor des Prüfberichts, Stefan Schwesig – Ehemann von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) – nach 14 Jahren in der IAG so wenig mit der Deponie-Verordnung ausgekannt, dass er zu einer gravierenden Fehlinterpretation kam? Oder hat er es einfach nicht mehr ausgehalten, die Missstände länger mit anzusehen, wie es der Mitbegründer der Bürgerinitiative „Stoppt die Deponie”, Hedlef Uilderks, vermutet?

Vor drei Wochen war Schwesigs Bericht bekannt geworden. Selmsdorfs Bürgermeister Marcus Kreft erhielt daraufhin täglich 10 bis 20 besorgte Anrufe. Er plante daher ein großes Bürgerforum, doch das passte nicht mehr in die Vorweihnachtszeit und wurde auf Januar verschoben. Dafür lud er die Einwohner und die Geschäftsführer der IAG zu einer Gemeindevertretersitzung am Donnerstagabend ein. Doch nur etwa 20 Frauen und Männer kamen.

„Ich hatte mit deutlich mehr gerechnet”, gab er zu. Aber das in der Vorwoche veröffentlichte Gutachten von zwei Berliner Anwälten habe die Situation beruhigt. Die meisten Einwohner scheinen sich mit der Deponie arrangiert zu haben. Und wenn, dann wollen sie mit Herrn Schwesig selbst sprechen. Auch der Wirtschaftsausschuss des Landtags will ihn im Januar anhören.

„Deponie-Verordnung scheint nicht Menschen nicht zu schützen”

Die Deponie-Chefs Beate Ibiß und Norbert Jacobsen beantworteten freimütig die Fragen, alle überzeugen konnten sie nicht. Das komplizierte Deponierecht ist für Laien nicht verständlich. „Warum gibt es Zuordnungswerte, wenn sie bedenkenlos überschritten werden dürfen?”, sagte Uilderks. „Die Deponie-Verordnung scheint nicht dafür gemacht zu sein, Menschen und Umwelt zu schützen”, schlussfolgerte er. Niemand spreche von den Lastwagenfahrern, die den Müll bringen und im Sommer mit offenem Fenster fahren. Die IAG-Mitarbeiter müssten Arbeitsschutzkleidung tragen, die Lkw-Fahrer nicht.

Unzufrieden ist er auch mit den Gesundheitsstudien für die Region, die um die Jahrtausendwende alle zwei Jahre versprochen waren, jetzt alle zehn Jahre erfolgen sollen. Und auch das nur mit Mühe, wie Geschäftsführer Jacobsen bestätigte. Er dränge selbst auf regelmäßige epidemiologische Studien. Nach 2008 wäre in diesem Jahr eine fällig gewesen. „Vor zwei Wochen lag erst der Vertragsentwurf mit der Universität Greifswald vor”, sagte er. Ein Mann macht sich Gedanken um den Staub, der in diesem trockenen Sommer von der Deponie wehte. Kann er Belastungen bringen? Staubmessungen sollen jetzt regelmäßiger erfolgen, stimmte ihm Jacobsen zu.

„Wir sind eigentlich immer belogen worden”

Uilderks kritisierte auch die Erfassung von Krebserkrankungen in der Deponie-Region. Gefühlt gebe es eine Häufung. Die Krankheitsfälle würden jedoch nicht ins Krebsregister Mecklenburg-Vorpommerns eingehen, wenn die Patienten im nahegelegenen Lübeck oder Hamburg behandelt würden. „Das Problem ist die Landesgrenze”, sagte er. Sollte es nicht möglich sein, diese Fälle am Wohnort zu erfassen?

„Wir sind eigentlich immer belogen worden”, ist Uilderks bittere Bilanz. Als der Ostfriese nach Selmsdorf zog, sei von der Schließung der Deponie 2005 die Rede gewesen. Stattdessen sollte dann eine Müllverbrennungsanlage gebaut werden. Dies habe die Bürgerinitiative verhindert. Uilderks sagte, er plädiere grundsätzlich für eine ortsnahe Müllentsorgung. Unmöglich: Jacobsen argumentierte dagegen, dass im Land zwar Nordwestmecklenburg eine große Last mit der Sondermülldeponie trage, Mecklenburg-Vorpommern aber selbst Müll exportiere. So gebe es gebe keine Sondermüllverbrennung und auch zu wenig Verbrennungsmöglichkeiten für Hausmüll.