Volle Intensivstationen

Corona-Experte erwartet Triage in MV-Krankenhäusern

Die Corona-Infektionslage in Mecklenburg-Vorpommern hat sich rapide verschlechtert. Ob bald die sogenannte Triage droht, könnte auch von der Politik abhängen.
dpa
Können nicht mehr alle schwer erkrankten Personen auf einer Intensivstation aufgenommen werden, geht es um die ärztl
Können nicht mehr alle schwer erkrankten Personen auf einer Intensivstation aufgenommen werden, geht es um die ärztliche Einschätzung der klinischen Erfolgsaussicht. Fabian Strauch
Schwerin

Die Corona-Situation in Mecklenburg-Vorpommern hat in den letzten Wochen merklich an Dynamik gewonnen. Die Sieben-Tage-Inzidenz der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner im Nordosten lag laut Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lagus) vor einem Monat um die 130, jetzt sind es über 370. Die Zahlen der an einem Tag gemeldeten Neuinfektionen erreichten zuletzt ständig neue Höchstwerte, aktuell liegt dieser bei über 1400 neu gemeldeten Infektionen mit dem Corona-Virus innerhalb von 24 Stunden.

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Aus Sicht des Bioinformatikers Lars Kaderali von der Uni Greifswald ist das Land damit grundsätzlich keine Ausnahme in Deutschland. „Dass es sehr schnell ansteigen würde, haben wir eigentlich erwartet.” Wieso es jetzt schneller geht als im vergangenen Jahr, liege zum einen an der Delta-Variante mit der höheren Infektiosität – und auch daran, dass politische Maßnahmen nicht getroffen worden seien. „Wir haben ja sehr lange gar nicht reagiert und auf den Effekt der Impfungen gehofft.” Das räche sich jetzt.

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Doch wenngleich Mecklenburg-Vorpommern damit nicht allein dasteht, sieht es in den Nachbarbundesländern Schleswig-Holstein und Hamburg besser aus. Kaderali verweist diesbezüglich vor allem auf die höheren Impfquoten. Laut Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) vom Donnerstag galten im westlichen Nachbarland Schleswig-Holstein 72,5 Prozent als vollständig geimpft und in Hamburg 73,9 Prozent. In Mecklenburg-Vorpommern waren es 66,6 Prozent. „Das spielt eine ganz maßgebliche Rolle”, erklärt Kaderali.

Der Rostocker Epidemiologe Emil Reisinger pflichtet hier bei: Die geringe Impfquote im Nordosten bedeute, „dass 500.000 Menschen keinen Schutz haben. Durch diese Gruppe rauscht es jetzt durch.” Es gebe zwar auch Impfdurchbrüche, doch deren Zahl liege im Vergleich zu Erkrankungen bei Ungeimpften deutlich niedriger.

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Die aktuelle Brisanz führt laut Reisinger jedoch dazu, dass die Impfbereitschaft bei Ungeimpften steige. Nun müsse alles dafür getan werden, dass diese Menschen auch tatsächlich geimpft werden. Dies könnte jedoch zu spät kommen, um die von der Politik als Ziel ausgegebene Verhinderung einer Überlastung des Gesundheitssystems noch zu verhindern.

Laut Intensivregister des RKI ist die Anzahl der täglich gemeldeten Aufnahmen auf Intensivstationen im Nordosten im Verlauf des Monats nach oben geschossen. Einige Kliniken im Land haben bereits eine Vollauslastung gemeldet. Insgesamt sind dem Register zufolge 512 der landesweit 604 verfügbaren Betten belegt.

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Es gibt jedoch noch eine Reserve von 198 Betten, die innerhalb einer Woche aufgestellt werden können. Kaderali geht dennoch davon aus, „dass wir in zehn Tagen in Mecklenburg-Vorpommern Triagen in den Krankenhäusern haben werden”. Jetzt gehe es eigentlich nur darum, dass es danach nicht noch weiter ansteige.

Eine Triage lässt sich in etwa so definieren: Können nicht mehr alle schwer erkrankten Personen auf einer Intensivstation aufgenommen werden, geht es um die ärztliche Einschätzung der klinischen Erfolgsaussicht.

Ob Kaderali Recht behält, könnte auch davon abhängen, ob die Bundesregierung erneut die gesetzlich verpflichtenden Personaluntergrenzen auf den Intensivstationen aussetzt. Vereinfacht gesagt, legt die Verordnung fest, wie viele Intensivbetten ein Krankenhaus mit dem verfügbaren Personal betreiben darf. Sie wurde ab März 2020 zeitweise ausgesetzt, um „Krankenhäuser eine sehr kurzfristige Anpassung der Arbeitsabläufe zu ermöglichen”, heißt es beim Bundesgesundheitsministerium. Mit dem gleichen Personal konnten dann mehr Betten betrieben werden.

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Aus Sicht von Uwe Borchmann, Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft Mecklenburg-Vorpommern (KGMV), könnte eine Triage in den Kliniken bald nötig werden, solange es den Krankenhäusern nicht ermöglicht werde, zusätzliches Personal von den Normal- auf die Intensivstationen zu ziehen. Dieses hätte man bereits im Verlauf der früheren Corona-Wellen entsprechend fortgebildet.

Um das praktisch zu ermöglichen, müsste der Bund laut Borchmann erneut eine Übernahme der Erlösausfälle für nicht erfolgte anderweitige Behandlungen veranlassen, wie es sie bereits im Jahr 2020 und im Frühjahr 2021 gegeben habe. Um die akute Belastung der Krankenhäuser im Land zu verringern, werden laut der KGMV aktuell schon die Hilfskrankenhäuser reaktiviert. Dies sind Einrichtungen wie zum Beispiel Rehakliniken, die dann entsprechend ihren Möglichkeiten Patienten übernehmen können.

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