Zu früh triumphiert

Corona-Krise holt Oberbürgermeister Madsen vom hohen Ross

Er saß in Talkshows, galt als Vorzeige-Oberbürgermeister mit den niedrigsten Inzidenzwerten – Claus Ruhe Madsen aus Rostock. Doch jetzt hat die Stadt die meisten Infektionen in MV. Was ist passiert?
Claus Ruhe Madsen wurde in der Corona-Krise bundesweit bekannt.
Claus Ruhe Madsen wurde in der Corona-Krise bundesweit bekannt. Danny Gohlke
Rostock

Rückblende, 23. April 2020: Die Hansestadt Rostock feuert eigens eine Pressemitteilung in die nahe und ferne Welt, in der Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen stolz verkündet, dass Mecklenburg-Vorpommerns einwohnerstärkste Stadt coronafrei ist – „vielleicht sogar als einzige Großstadt Deutschlands“, ergänzte seinerzeit der parteilose Rathauschef.

Lesen Sie auch: Fußball-Europameisterschaft: Rostocks Bürgermeister Madsen ohne Maske bei EM gefilmt

Es war jene Zeit, als das Stadtoberhaupt von der Ostseeküste Stammgast in den Talkshows der Republik war. Ob bei „Lanz“, „Hart aber fair“, „Anne Will“ oder „Maybrit Illner“ – Madsen war ein begehrter Gesprächspartner und absolvierte den Ritt durch die Medienlandschaft sichtlich genüsslich. Überall durfte der gebürtige Däne sein Erfolgsrezept erklären.

Mehr lesen: Rostock bleibt vorsichtig: „Corona-Wunder von der Küste” tritt auf die Öffnungsbremse

„Wir hatten unsere ersten Fälle am 12. März in der Uniklinik Rostock. Das waren Ärzte, die zuvor im Skiurlaub waren. Dadurch war auch ein Kind betroffen, das in eine Schule mit über 1000 Schülern geht. Ich habe daraufhin alle Schulen und Kitas schließen lassen. Dann haben wir die Verwaltung und die ganze Stadt heruntergefahren“, berichtete Madsen damals. Von seinen 2400 Mitarbeitern habe er mehr als 2000 sofort nach Hause geschickt. Gegen die Empfehlung des Robert-Koch-Instituts hätte man in Rostock außerdem auch Menschen getestet, die keine Symptome gehabt hätten. Und man habe vorsorglich die Mitarbeiter in den Kliniken, Pflegeeinrichtungen sowie Polizisten und Feuerwehrleute getestet, verkündete der Oberbürgermeister dem staunenden Publikum.

Corona-Ampel leuchtet schon gelb

Doch eineinhalb Jahre später hat sich die Situation an der Corona-Front gewandelt. Heute ist Rostock jene Stadt in Mecklenburg-Vorpommern, die mit einer Inzidenz von 66 den höchsten Wert hat und die als einzige Kommune im Nordosten auf der Corona-Ampel schon gelb leuchtet – während alle anderen auf grün stehen. Und der Oberbürgermeister Rostocks heißt immer noch Claus Ruhe Madsen.

Das könnte Sie auch interessieren: Bürgermeister-Interview: Madsen bei der Königin – „Die meisten Dänen sind Royalisten”

Eva-Maria Kröger, Landtagsabgeordnete der Linksfraktion aus Rostock, hat die Entwicklung in ihrem Wohnort genau beobachtet. Für sie ist klar: „Herr Madsen trägt genauso wenig Verantwortung für die höheren Zahlen in Rostock, wie für die niedrigen Zahlen zuvor. Es war überzogen wie er gefeiert wurde, jetzt wäre es übertrieben, ihn zu kritisieren.“ Sehr viele Faktoren und Ereignisse würden die Coronazahlen beeinflussen. Ein einzelner Mann sei hier weder Held noch Übeltäter, betont Kröger.

Ähnlich argumentiert auch Daniel Peters, CDU-Landtagsabgeordneter aus Rostock. „Ebenso wie Frau Schwesig um Mecklenburg-Vorpommern herum keine Virenvergrämungsmauer zu errichten vermochte, hat auch Herr Madsen regelmäßig eher von exogenen Faktoren wie etwa Randlage, dünner Besiedlung im Umland und Küstenwind profitiert.“ Dass die Inzidenz in Rostock jetzt höher liege als im Schnitt würde damit zu tun haben, dass sich das Virus in Ballungsräumen eben leichter verbreite – zumindest dann, wenn die sozialen Kontakte nicht eingedämmt würden, sagt Peters.

„Dieses Wir-sind-schlauer-als-andere-Getue habe ich schon immer für großen Unfug, aber gute PR-Arbeit gehalten – egal ob es von Schwesig oder Madsen kam“, macht Peters deutlich. Zur Wahrheit gehöre aber auch, dass die Geschichte von den Medien völlig unhinterfragt und geradezu bewundernd verbreitet worden sei, übt Peters auch Kritik an der Presse.

Sechs Wochen Vorsprung in der ersten Welle

Deshalb: Gibt es objektive Gründe, warum Rostock in den ersten beiden Wellen glimpflich davon gekommen ist und jetzt – zu Beginn der vierten Welle – mit höheren Inzidenzwerten aufwartet? Im Rostocker Rathaus stellt man sich dieser Frage ganz offen – räumt aber zugleich ein, dass die Beantwortung gar nicht so leicht fällt.

„Es kommen sowohl für die niedrigen Inzidenzwerte in erster und zweiter Welle sowie die aktuellen erhöhten Zahlen mehrere Aspekte in Betracht“, sagt Ulrich Kunze, Pressesprecher der Stadt Rostock. „Da die erste Welle von Süden nach Norden rollte, hatten wir einfach einen zeitlichen Vorsprung von sechs Wochen. Wir konnten dadurch Superspreader-Events ganz konkret vermeiden“, blickt Kunze zurück. Erleichternd sei auch der geringe Migrationsanteil hinzugekommen – gerade nach Weihnachten habe man dadurch nicht so sehr das Problem mit ansteckenden Reiserückkehrern gehabt.

Und noch etwas spielte der Stadt Rostock zu Beginn der Corona-Krise in die Karte. „Im Gegensatz zu Schwerin oder dem polnischen Grenzgebiet in Vorpommern haben Rostock und Rügen relativ wenig Einpendler. Dadurch konnte das Virus weniger zirkulieren“, berichtet der Pressesprecher.

Weniger Einpendler habe Rostock zwar heute auch noch, aber bei der ansteckenderen Delta-Variante schlage negativ zu Buche, dass viele junge Menschen in der Stadt – gerade auch in der Uni-Szene – ungeimpft seien. Dieses Problem hätten auch größere Städte in Westdeutschland. „Diese jungen Leute sind halt unheimlich agil und mobil. Auch in Diskotheken und bei sonstigen Feiern“, weiß Kunze. Glücklicherweise aber seien die meisten Krankheitsverläufe relativ mild und die Hospitalisierungsrate gering.

Corona-Update per Mail

Der regelmäßige Überblick über die Fallzahlen, aktuellen Regelungen und neuen Entwicklungen rund um das Corona-Virus in Mecklenburg, Vorpommern und der Uckermark. Jetzt kostenfrei anmelden!

Stadt. Land. Klassik! - Konzert in Rostock

zur Homepage

Kommentare (4)

...in die Grippezeit offenbart das Wesen von Viren. Sie sind nie gleichzeitig überall. Mal hier, mal da, manchmal aus unerfindlichen Gründen Inseln der Glückseligkeit ohne Viren. Nicht OB Madsen begann den Unfug, sondern MP Schwesig schwadronierte im Sommer 2020, dass die MV-Bürger vorbildlich gewesen seien. Wir hatten lediglich Glück, bis das Virus im Herbst nach MV kam. Wir sollten uns von Hollywood-Filmen nicht beeinflussen lassen, die Viren einfach erklären und bekämpfen. Aber das Grippevirenwissen ist seit Beginn 2020 verschollen.

... wir hatten seit dem Beginn der Corona-Pandemie relativ wenig mit Grippe zu kämpfen. Weniger als in den Jahren zuvor. Also haben wir das Grippevirenwissen wohl eher nicht verbuddelt.

Grippe gab es vor 2020. Grippeviren und Coronaviren gehören zu den Rhinoviren. Die Übertragungswege sind dieselben. Verbuddelt ist das Wissen, weil man seit 2020 so tut, als ob Tröpfcheninfektionen was völlig Neues seien und die -zig Millionen Grippetoten seit einhundert Jahren nie existiert haben. Niemand hatte Angst vor Tod durch Viren. Seit 2020 will kaum wer an oder mit Corona sterben. Mit z.B. Krebs scheint der Tod anscheinend schöner zu sein. Niemand dieser Betroffenen lässt öffentlich von der Intensivstation verlauten "hätte ich doch mal" dieses oder jenes getan, um die Todesart selbst aussuchen zu können. Und welche Krankheiten man bekommt oder nicht, haben Lockdowns und Regierungen nicht zu entscheiden. Regierungen dürfen aufmerksam machen und informieren, aber nicht den Bürgern Lebensweise und Freiheiten stehlen bzw. vorenthalten. So gesehen sind Schwesig und Madsen mit ihren Selbstbeweihräucherungen Treiber desorientierter Öffentlichkeit.

Das Grippe- und Coronaviren die gleichen Ansteckungswege haben, bestreitet ja niemand. Trotzdem kann eine Virusvariante ansteckender sein als eine andere. Und damit die aktuell gängigen Schutzregeln durchaus dazu führen, dass sich z.B. Grippeviren eben nicht so stark verbreitet haben wie in anderen Jahren. Das zu verstehen kann ja eigentlich für einen potentiellen Nobelpreisträger wie Sie, der in seinen Kommentaren uns immer die ganze Welt erklärt, nicht so schwer zu verstehen sein.