GEHEIMBUND

Das Kreuz mit den Rittern in der MV-AfD

In der MV-AfD kursieren seit Monaten Gerüchte über ein ominöses Netzwerk, zu dessen Strippenziehern der unter Druck stehende Co-Landeschef Dennis Augustin gehören soll. Über die Inhalte der Gruppierung erzählt jeder etwas anderes, Augustin selbst leugnet ihre Existenz.
Philipp Schulz Philipp Schulz
Bereits als Dennis Augustin am 12. November 2017 in Gägelow überraschend zum Co-Vorsitzenden der MV-AfD gewählt wurde, trug er das rote Kreuz (im weißen Kasten) an seinem Revers.
Bereits als Dennis Augustin am 12. November 2017 in Gägelow überraschend zum Co-Vorsitzenden der MV-AfD gewählt wurde, trug er das rote Kreuz (im weißen Kasten) an seinem Revers. Jens Büttner
Schwerin.

Nein, eine richtige Strömung sei es eigentlich nicht, eher schon eine etwas mythische Gruppierung – so formuliert es ein AfD-Insider aus Westmecklenburg im Gespräch mit dem Nordkurier. Ein anderer sagt: Das Ganze sei eine eingeschworene Gruppe, ein Geheimbund. Alle Insider, mit denen der Nordkurier in den vergangenen Monaten über die „Kreuzritter“ sprach, sagen, die Truppe sei ultrarechts, islamfeindlich, machtversessen und gefährlich in ihrer Mission, die AfD nach ganz rechts außen zu rücken.

Demnach existiert die Gruppe rund zwei Jahre und ihre Mitglieder tragen kleine rote Kreuze am Revers ihrer Anzüge – immer wieder zu sehen bei Veranstaltungen wie Neujahrsempfängen oder Parteitagen. Das Symbol bezieht sich offenbar auf den „Santiago-Orden“ – der im Mittelalter existierte und in der Reconquista darum kämpfte, die Iberische Halbinsel für sich zurückzuerobern. Der christliche Kampf gegen die islamischen Besatzer.

Das Kreuz-Symbol ist auch der Grund dafür, dass diejenigen Parteimitglieder, die es tragen, von den übrigen AfD-Leuten den Spitznamen „Kreuzritter“ bekamen – die Träger selbst sprechen in internen Chats, die dem Nordkurier vorliegen, lieber ganz harmlos von „Schlossgruppe“. Der Name bezieht sich offenbar auf das Schloss von Philip Steinbeck, einem Unternehmer und AfD-Mitglied. Auf seinem Schloss bei Jessenitz in Westmecklenburg soll sich die Gründung der Gruppe vollzogen haben. Steinbeck und Dennis Augustin, einer der beiden Landessprecher der AfD, gelten als ihre Köpfe.

Nach Nordkurier-Recherchen umfasst das Netzwerk rund 70 Mitglieder und Sympathisanten, vom hohen Funktionär bis zum einfachen Parteimitglied. Dem Nordkurier liegen Chat-Protokolle von AfD-Mitgliedern vor, die versuchten, herauszufinden, was es mit der Gruppe auf sich hat. „Ich fand die Sache mit den Blutkreuzlern persönlich äußerst merkwürdig“, schreibt dort ein Parteimitglied. Er habe „auch so eine Anstecknadel haben“ wollen, doch ein „Kreuzritter“ verweigerte dies, weil man erst von mehreren Mitgliedern empfohlen werden müsse. Generell sollen die Mitglieder gereizt reagieren, wenn sie auf das Kreuz an ihrem Revers angesprochen werden.

Augustin fällt regelmäßig als „Rechtsaußen“ auf

Co-Landeschef Augustin fiel immer wieder mit mangelnder Abgrenzung nach Rechtsaußen auf. Zuletzt etwa, weil er Daniel Fiß, einem der führenden Köpfe der als rechtsextrem geltenden Identitären Bewegung, Geld überwies. Nach eigenen Angaben als Gegenleistung für Tätigkeiten, die Fiß für ihn erledigt habe. Erst vor Kurzem teilte er im Internet-Netzwerk Facebook einen Beitrag von Holger Arppe – jenem aus der AfD ausgeschlossenen Landtagsabgeordneten, der vor zwei Jahren mit rechten Hass-Fantasien von sich reden machte.

In den letzten Jahren soll die Schlossgruppe bereits mehrere Male Einfluss auf die Geschicke des AfD-Landesverbandes genommen haben, berichten Parteimitglieder. Allein durch ihre bloße Mitgliederstärke seien die Kreuzritter demnach in der Lage, Personalwahlen in ihrem Sinne zu beeinflussen. Das sei etwa gelungen, als im November 2017 die als nahezu sicher gegoltene Wahl des heutigen AfD-Bundestagsabgeordneten Enrico Komning zum zweiten Landesvorsitzenden neben Leif-Erik Holm verhindert wurde – stattdessen wählte der Parteitag damals den bis dahin weitgehend unbekannten Dennis Augustin.

Noch auf dem Parteitag übte Augustin Kritik an der bisherigen Arbeit der Parteiführung im Land. Es brauche jemanden, der „den Laden organisiert“ – und nicht Holm, der mehr in Berlin als in MV sei.

In der Landes-AfD verhärteten sich in der Folgezeit die Fronten, in den Kreisen und auf Landesebene wurde zum Teil erbittert um Macht und Posten gekämpft, wie im Kreisverband Vorpommern-Rügen: Dort ist seit Dezember 2018 mit Rene Kruschewski ein enger Vertrauter Augustins Sprecher. Mehrere Mitglieder berichten, wie Kruschewski den Kreisverband binnen kurzer Zeit umgebaut habe und alle Mitglieder, die eher zum Holm-Lager gehörten, systematisch aus dem Vorstand gemobbt habe.

Aktuell hat vor allem Dennis Augustin die Geschicke der Landespartei in der Hand, da er der Landeskoordinator für die Kommunalwahlen ist. Wirklich von sich Reden gemacht hat er in dieser Funktion bislang nicht – obwohl die Wahlen inzwischen kurz bevorstehen. Dass er innerhalb der MV-AfD „den Laden organisiert“, behaupten indes nicht einmal diejenigen, die eher mit ihm sympathisieren.

Augustin selbst wollte trotz mehrerer Kontaktversuche nicht mit dem Nordkurier reden. Allerdings verschickte er vor wenigen Tagen ein längeres Schreiben an alle AfD-Mitglieder, das dem Nordkurier vorliegt. Darin schreibt er, es handle sich bei dem Kreuz in der Tat um ein Santiago-Kreuz und er trage es, weil er der festen Überzeugung sei, „dass wir mit der zunehmenden Islamisierung unseres Landes und Kontinents eine starke Renaissance des Christentums erleben werden“. Weiter schreibt er: „Es gibt keinen ‚Orden‘ und auch keine wie auch immer geartete Struktur oder Interessenvereinigung innerhalb der AfD, die mit dem Jakobskreuz in Verbindung steht.“ Aufnahmerituale oder Ähnliches gebe es auch nicht.

Damit widerspricht Augustin mehreren AfD-Mitgliedern, die gegenüber dem Nordkurier Gegenteiliges berichtet haben. Vermutlich steht sein Dementi im Zusammenhang mit der Tatsache, dass die Vorgänge um die „Kreuzritter“ inzwischen auch die Bundespartei beschäftigen, wie die neuesten Äußerungen von Bundes-Parteichef Alexander Gauland (siehe Seite 1) zeigen.

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