UNBEKANNTE ANGRIFFE

DDR-Schiffe zwischen Krieg und Frieden

Was sich an Bord von Handels- und Fischereischiffen fern der Heimat zutrug, davon erfuhr die DDR-Bevölkerung nur wenig. Ein Journalist hat jetzt dazu ein spannendes Buch vorgelegt.
Ralph Sommer Ralph Sommer
Zwei Jahre lang hat der Hamburger Journalist Wolfgang Klietz im Bundesarchiv, im Landesarchiv Greifswald und bei der Stasi-Unt
Zwei Jahre lang hat der Hamburger Journalist Wolfgang Klietz im Bundesarchiv, im Landesarchiv Greifswald und bei der Stasi-Unterlagenbehörde recherchiert. Behling
Rostock.

Beirut habe einst zu den beliebtesten Reisezielen der DDR-Seeleute gehört, erinnert sich der frühere Matrose Clemens Kölberg. Die Hauptstadt des Libanon, das einstige „Paris des Nahen Ostens“, sei berühmt gewesen als Einkaufsparadies. So mancher Mittelmeerfahrer habe vom Beiruter Goldbasar die Ringe für Verlobung und Hochzeit mitgebracht.

Kölberg, der heute auf seiner Website von seinen Seereisen berichtet, hatte im Oktober 1976 an Bord des Frachtmotorschiffs „Altmark“ den Beginn des libanesischen Bürgerkrieges erlebt, der die Stadt in Trümmern legte. Damals verlief die Frontlinie zwischen dem muslimischen Westen und dem christlichen Osten genau durch den Hafen in Höhe des Liegeplatzes der „Altmark“.

Autor musste wie ein Detektiv vorgehen

Von Bord aus hatte die Crew die heftigen Gefechte mit Maschinengewehren beobachtet, musste zusehen, wie Leichen fortgeschafft wurden. „Das war grausam, was da ablief“, schildert der Fahrensmann seine Erinnerungen in dem soeben erschienenen Buch „Schutzlos auf See – Angriffe auf die zivile Schifffahrt der DDR“. „Wir an Bord verschanzten uns so gut es ging, hatten Rettungs- und Evakuierungsmaßnahmen vorbereitet und waren zur Beobachtung an halbwegs sicherer Stelle verdammt.“

Zwei Jahre lang hat der Hamburger Journalist Wolfgang Klietz im Bundesarchiv, im Landesarchiv Greifswald und bei der Stasi-Unterlagenbehörde recherchiert. Er sichtete bislang unveröffentlichte Dokumente, verglich die Inhalte mit historischen Presseberichten in aller Welt und befragte Zeitzeugen. Manchmal habe er sich wie ein Detektiv gefühlt, der Informationen aus unterschiedlichen Quellen zu einer Story zusammenfüge, sagt er.

Schwierige Situationen im Kalten Krieg

Auf diese Weise entstand eine spannende Lektüre über schwierige Situationen von Seeleuten der Handels- und Fischereiflotte eines Staates, der nie selbst im Krieg stand und doch die Konfrontationen zwischen Ost und West, die Hochrüstung im Kalten Krieg und die Stellvertreterkriege in der sogenannten Dritten Welt zu spüren bekam. Der Autor schildert abenteuerliche und oft gefährliche Ereignisse fern der Heimat, von denen hierzulande nur wenig berichtet, und wenn, dann oft nur von der realsozialistischen Propaganda verkürzt und verzerrt dargestellt wurde.

Klietz berichtet zum Beispiel, wie das einstige DDR-Urlauberschiff „Völkerfreundschaft“ während der Kuba-Krise im Oktober 1962 die US-amerikanische Blockade durchfuhr und unversehrt Kuba erreichte.

Passagier verließ Schiff durch ein Bullauge

Ausführlich recherchierte der Autor auch die Geschehnisse acht Jahre später an Bord der „Völkerfreundschaft“, als nach einer Kubareise während der Osterfeiertage nachts ein Passagier im Fehmarnbelt durch ein enges Bullauge in die See sprang, um nicht mehr in die DDR zurückzukehren. Klietz beschreibt die abenteuerliche Republikflucht mit Unterstützung der vorab informierten Bundesmarine sehr detailliert und setzt sich mit der These auseinander, wonach es sich beim Geretteten um einen Agenten gehandelt habe. „Er war Lkw-Fahrer, der die DDR satt hatte und dem es gelungen war, Kontakt zur westdeutschen Marine aufzunehmen“, schlussfolgert Klietz.

Eine besonders gefährliche Reise erlebte auch die Besatzung des DDR-Stückgutfrachters „Arendsee“, der im Juli 1984 mit einer Ladung von 28 W50-Lkw, Decken, Zelten, Sturmlaternen, Lebensmitteln, Zeitungspapier und Seife auf Reede vor der angolanischen Hauptstadt Luanda lag, als in der Nacht eine von einer Haftmine ausgelöste Explosion ein großes Leck in die Steuerbordseite riss. Nur eine Ladung leerer Ölfässer hielt das 120 Meter lange Schiff noch über Wasser. Es wurde Anfang September 26 Seemeilen vor der Küste versenkt.

Unfall im Auftrag des US-Geheimdienstes?

Für Schlagzeilen – auch in der DDR – sorgte der Verlust des Motorfrachters „Magdeburg“, der 1958 auf der Londoner Themse mit einer Ladung von 42 Bussen für Havanna an Bord von einem japanischen Schiff gerammt wurde. Bis heute hält sich der Verdacht, es könnte sich damals um einen von der CIA eingefädelten Anschlag gehandelt haben, um das von den USA verhängte Embargo gegen Kuba durchzusetzen. Der von Schwimmkranen wieder aufgerichtete Havarist wurde später zur Verschrottung freigegeben, sank jedoch während der Verschleppung vor der bretonischen Küste.

Das Buch greift 29 brenzlige Schifffahrtsereignisse auf, darunter Übergriffe durch Piraten, Angriffe auf Hochseefischer, gefährliche Waffentransporte, Kollisionen und die Rettung von Bürgerkriegsopfern im umkämpften Jemen. Im Januar 1986 zum Beispiel hatte der von der Stasi misstrauisch überwachte Kapitän Andreas Neuendorf mit dem Stückgutfrachter „Müggelsee“ 229 Flüchtlinge aus der DDR sowie 63 Bürger der BRD, der CSSR sowie aus Pakistan, Jordanien, Syrien, Sri Lanka, Indien Algerien und dem Irak in Sicherheit gebracht.

 

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