Berufe unter der Lupe

Demminer Gruselfamilie sucht Spukhaus

Ariane Witt aus Demmin ist professionelle Erschreckerin. Das Spuken hat für sie ebenso einen Reiz wie das Erschrecktwerden. Aber warum gruseln sich viele Menschen eigentlich so gern?
Ob schüchtern oder hyperaktiv: Bei den Demminer Freaks findet jeder seinen Platz.
Ob schüchtern oder hyperaktiv: Bei den Demminer Freaks findet jeder seinen Platz. ZVG
Mithilfe von Schminktechniken verwandeln sich ganz normale Menschen in schaurige Horrorgestalten.
Mithilfe von Schminktechniken verwandeln sich ganz normale Menschen in schaurige Horrorgestalten. ZVG
Demmin

„Ich habe mich eingepinkelt” – wer sich in Neuseeland bei Horrorveranstaltungen so richtig gruselt, gibt das sogar schriftlich auf einer großen Tafel zu. Für die Erschrecker sind diese Einträge, was für Musiker der Applaus ist. So sehr sie den aufregenden Moment, im Dunkeln zu lauern, auch lieben, das Kribbeln, kurz bevor sie sich auf ihre Opfer stürzen: „Das war immer das Größte”, erinnert sich Ariane Witt, die selbst in einem Spukhaus in Neuseeland gearbeitet hat, an die „Einpinkel-Tafel.” „Wenn man wusste: Ich hab's geschafft.”

Die Demminerin, die Down Under auch in Seifenopern mitspielte, hat bei einem Erschrecker-Casting Blut geleckt. Seitdem ist Horror ihr Leben. Ihren Mann hat sie beim Erschrecken kennengelernt, die Hochzeit fand im Gruselhaus statt. Seit einiger Zeit leben die beiden nun in der Hansestadt und haben den Horror nach Vorpommern mitgebracht: Im vergangenen Jahr hat sich Ariane Witt mit ihrer Gruselgruppe „Freaks & Co” selbstständig gemacht, sie baut mobile Gruselattraktionen, bastelt schaurige Requisiten aus Sperrmüll oder Ebayfunden, stellt Kostüme zusammen und organisiert Veranstaltungen und Fotoshootings rund um das Thema Horror.

Demminer Freaks erschrecken auch in Rostock und Schwerin

Damit ist sie die einzige in Mecklenburg-Vorpommern. Menschen aus Rostock, Schwerin und Bad Doberan lassen sich von den Demminer Freaks erschrecken, einige fahren den Freaks auch schon einmal Hunderte Kilometer hinterher, sagt Ariane Witt. Im vergangenen Jahr haben die Freaks für Karls Erdbeerhof sieben Gruselcontainer in Berlin aufgestellt, es war der erste Großauftrag. „Wer es ein Mal erlebt hat, kommt immer wieder”, weiß Ariane Witt. „Man gruselt sich, aber man lacht auch. Und man kommt immer wieder.”

Dieses Sucht-Potenzial können Grusel-Fans an Halloween in Demmin, Voelschow Berg, selbst erleben. Von 16 bis 20 Uhr spuken die Freaks dort in den „Freaky Woods”. Ab 20 Uhr gibt es eine Aftershow. Die vom Verein T30 ausgerichtete Veranstaltung ist ab 16 Jahren freigegeben. Am 1. November von 14 bis 17 Uhr laden die Freaks dann die Kinder zu der „Trick and Treat”-Veranstaltung „Im schauerlichen Märchenwald”, ebenfalls am Voelschow Berg.

Warum Veranstaltungen wie diese so beliebt sind, warum sich also viele Menschen so gerne gruseln, lässt sich schwer beschreiben, meint die Profi-Erschreckerin. „Das muss man selbst erleben.” Sie versucht trotzdem, es zu erklären: „Viele wollen etwas Reales machen, das nicht zu real ist. So eine Gruselattraktion ist ja wie interaktives Theater: Man kann hindurchgehen, man kann theoretisch fühlen, was um einen herum ist. Diese Anspannung, das Adrenalin, das hat man im Alltag nicht.”

„Menschen haben verschiedene Ängste”

So hat sie schon gestandene Männer mit einer leichten Berührung am Rücken dazu gebracht, sich vor Angst an ihre Frauen zu klammern. „Oft sind es die mit der größten Klappe, die am Schluss am Kleinsten sind”, hat Ariane Witt festgestellt. Völlig emotionslose Menschen, die jede Gruselattacke kalt ließe, habe sie zwar auch schon erlebt, sie seien aber sehr selten. „Menschen haben nur verschiedene Ängste”, sagt sie.

Auch die Erschrecker sind nicht angstfrei. So fürchtet sich Ariane Witt zwar nicht vor Horrorgestalten, dafür aber vor Spinnen. Und viele Menschen, das weiß sie, haben Angst vor Clowns, die deshalb bei den Freaks bislang keine große Rolle spielen.

Wer Erschrecker wird, muss also selbst nicht unbedingt ein unerschrockener Held sein, in der Gruselwelt findet jeder seinen Platz: Schüchternheit ist dabei nicht immer ein Hindernis: „Auch das kann gruselig sein”, weiß Ariane Witt. „Solche Menschen spielen dann zum Beispiel die Emily Rose, das Mädchen auf dem Stuhl.” In Kindergruppen seien es sogar oft die schüchternen, die in ihren Charakteren besonders aufleben und dabei selbstbewusster werden. „Sie haben dann ihr Make-up und sind plötzlich nicht mehr Joe oder Jimmy, sondern ein Monster. Dann bewegen sie sich auch ganz anders”, hat Ariane Witt beobachtet.

Nur ein eigenes Spukhaus fehlt noch

Auch Kinder mit ADHS hätten häufig ein Talent zum Erschrecken, weil sie so viel Energie investieren. Wer in der normalen Welt auffällt, fühlt sich im Gruselverein akzeptiert und hat mitunter sogar umso mehr Potenzial: „Sie spielen die Rollen mehr aus als jemand, der in einer 'normalen' Struktur zu Hause ist”, erklärt die Profi-Erschreckerin. In ihren Gruselkostümen stecken so auch Menschen mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen, die mit „Leib und Seele dabei” seien, sagt Ariane Witt.

In ihrer „großen Familie” lernen die Freaks voneinander. Durch Tipps von den Älteren und Workshops erfährt das Frischfleisch im Gruselteam, wie man sich grausige Wunden schminkt, wie man so knurrt, dass das Opfer die Flucht ergreift, oder wie man Kunstblut zu Hause herstellt. Ihre Kulissen und Kostüme basteln sie selbst zusammen. Nur ein eigenes Spukhaus fehlt der Gruselfamilie noch.

Seit einiger Zeit schauen sie sich deshalb nach einem Gebäude um, das für ein festes Spukhaus taugt, bislang jedoch ohne Erfolg. Und nun könnte die Corona-Krise den Traum von der Demminer Horrorzentrale vereiteln.Denn mit den abgesagten Veranstaltungen brachen den Freaks auch die Aufträge weg. „Meine Firma ist so gut wie vor dem Aus”, sagt Ariane Witt. Mit der Soforthilfe, die nur die Betriebskosten auffängt, kann sie ihre Familie nicht ernähren. „Das größte Problem ist, dass ich nicht weiß, wie es weitergeht.” In dieser Unsicherheit möchte sie keinen Kredit aufnehmen.

„Wenn zum Anfang des Jahres kein Auftrag kommt, muss ich mir etwas Neues suchen”, sagt sie. Den Verein aus rund 40 Freaks werde es dann zwar weiter geben, die Firma aber nicht.

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