P+S-WERFTEN

Der 150-Millionen-Euro-Coup von Scandlines

Zum Schnäppchenpreis von 31,6 Millionen Euro erwarb die Reederei die Großfähren aus der insolventen Volkswerft Stralsund – nur ein Bruchteil der ursprünglichen Kaufsumme. Über die weiteren Pläne der Reederei mit den halbfertigen Schiffen wird viel spekuliert.
Scandlines erhielt die Fähren zum Schnäppchenpreis.             
Scandlines erhielt die Fähren zum Schnäppchenpreis.   Stefan Sauer
Stralsund.

Begleitet von Feuerwerk und klassischer Musik war am ersten Dezemberabend im Jahre 2011 das erste der beiden neuen Ostseefähren, die „Berlin“, aus der Montagehalle der Volkswerft in den Schiffslift gerollt. Werftchef Dieter Brammertz feierte sich damals noch selbst und kündigte den „Start einer erfolgreichen Auftrags-Akquise“ an. Auch sein Kunde war des Lobes voll. Der Neubau sei eine Pionierleistung der P+S-Werft, schwärmte Scandlines-Geschäftsführer Bent Pihl, der sich tags darauf mit der Weißen Flotte zur Schiffsinspektion über den Strelasund schippern ließ. Der breitschultrige Schwede ließ sich von Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) begleiten. „Dies ist ein großer Tag für die Werft“, sagte der Regierungschef. Er zeige, „dass die Werften in Mecklenburg-Vorpommern eine Zukunft haben.“

Gut zwei Jahre später herrscht Katzenjammer am Sund. Die nicht ganz fertiggestellten Fähren „Berlin“ und „Copenhagen“, die bis zu 20,5 Knoten (28 Kilometer pro Stunde) schnell sein sollen, auch mit Flüssiggas fahren und jeweils bis zu 460 Pkw und 1500 Passagiere an Bord nehmen können, dümpeln seit Monaten am Ausrüstungskai der Pleite-Werft.

Arbeiter klagen: Reederei ist Totengräber der Werft

Vor drei Wochen verkaufte Insolvenzverwalter Berthold Brinkmann die 169 Meter langen Schiffe an Scandlines – zum Schnäppchenpreis von gerade mal 31,6 Millionen Euro. Ursprünglich waren 184 Millionen Euro vertraglich vereinbart worden – ein mehr als 150-Millionen-Euro-Coup. Mitbewerber Nordic Yards, der 30,5 Millionen Euro für die Schwesterschiffe und die Werft geboten und sogar die Fertigstellung der Fähren in Stralsund erwogen hatte, kam – auch mit Billigung der Landesregierung als Gläubiger – nicht zum Zuge. Die wenigen Schiffbauer, die in der Werft noch an Restaufträgen arbeiten, sind nicht gut zu sprechen auf Scandlines. Die Reederei sei der Totengräber der Werft, klagt ein Schweißer, der seinen Namen nicht veröffentlicht sehen will. Schon während der Bauphase habe es immer wieder Probleme mit der Reederei gegeben, die ständig neue Änderungen oder Nachbesserungen gefordert habe, was Bauverzögerungen zu Folge gehabt habe. Mit der Kündigung der Bauverträge im November 2012 habe die Fährreederei dann auch die Suche nach einem neuen Investor für die Volkswerft enorm erschwert.

Doch auch in Dänemark runzelt man die Stirn, wenn die Rede auf den Vertragspartner Volkswerft kommt. Das Vertrauen sei dahin, konstatiert Scandlines-Sprecherin Anette Ustrup Svendsen. Die Volkswerft habe die Schiffe viel zu schwer gebaut. Das Risiko sei zu groß. In Stralsund werde man die Fähren auf gar keinen Fall zu Ende bauen lassen. „Wir werden verschiedene Werften in Deutschland und Dänemark einladen, ein Angebot für den Umbau und die Fertigstellung abzugeben.“

Es wird bezweifelt, dass die Reederei die Schiffe umbaut

Svendsen verteidigt das geringe Kaufangebot damit, dass die noch erforderlichen Umbaumaßnahmen noch weit über 100 Millionen Euro kosten werden. Die Inneneinrichtung fehle noch komplett, es handle sich um Schiffskörper, und dann gebe es ja noch das Gewichtsproblem. Beide Fähren müssten geleichtert werden. Eine Besichtigung der winterfest gemachten Schiffe gestattet Scandlines nicht, obwohl die „Berlin“ sogar schon eine erste Probefahrt absolviert hatte.

Doch in Werftkreisen wird inzwischen bezweifelt, dass die Reederei überhaupt noch derart viel in die Neubauten investieren wird. Statt die Schiffe mit Millionenaufwand zu verlängern oder zu leichtern, so die Mutmaßungen, werde Scandlines sie einfach so schwer lassen wie sie sind und Ausfallzahlungen an die Reedereikunden in Kauf nehmen, wenn die Fähren bei Niedrigwasser pausieren müssen. Im Durchschnitt soll pro Jahr etwa sechs- bis zehnmal Flachwasser herrschen, sodass die Fähren nicht an die Anleger andocken könnten. Trotz zu erwartender Umsatzeinbußen hätte Scandlines mit den Stralsunder Fähren womöglich doch noch einen für sie einträglichen Deal gelandet.

Im Frühjahr sollen die Schiffe umgebaut werden

Öffentlich bestreitet Scandlines derartige Erwägungen. Man habe die Absicht, die Schiffe unbedingt um 200 Tonnen abspecken zu lassen, sagt Svendsen. Ausfalltage könne man sich im Fährgeschäft nicht leisten. Und auch die Möglichkeit, bei Flachwasser auf die Mitnahme von etwa 150 Pkw zu verzichten, sei keine Option. Die Reederei würde gern schon im Frühjahr die Schiffe vom Strelasund zum Weiterbau in eine andere Werft abschleppen lassen. „Wir hoffen, dass wir die erste Fähre bereits zum Jahreswechsel auf der Strecke Rostock – Gedser einsetzen können.“

Stadt. Land. Klassik! - Konzert in Stralsund

Kommende Events in Stralsund (Anzeige)

zur Homepage