Lars Kaderali, Bioinformatiker an der Uni Greifswald, steht seit Beginn der Corona-Pandemie in engem Austausch mit der Landesr
Lars Kaderali, Bioinformatiker an der Uni Greifswald, steht seit Beginn der Corona-Pandemie in engem Austausch mit der Landesregierung in Mecklenburg-Vorpommern. Stefan Sauer
Corona-Pandemie

Die Corona-Zahlen sagen nicht die ganze Wahrheit

Inzidenzen, Infektionen, Intensivstationen: Professor Kaderali, Berater der MV-Landesregierung, ordnet die aktuelle Corona-Lage ein.
Greifswald

Zahlen, Modelle, Berechnungen und Statistiken sind sein tägliches Brot: Professor Lars Kaderali, Bioinformatiker an der Uni Greifswald, steht seit Beginn der Corona-Pandemie in engem Austausch mit der Landesregierung in Mecklenburg-Vorpommern. Immer wieder wird der Wissenschaftler gefragt, wie sich die Pandemie entwickelt, welche Maßnahmen bei welchen Inzidenzwerten oder Infektionsfällen sich wie auswirken.

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Um beispielsweise die derzeitige Situation zu bewerten, vergleicht Kaderali die Inzidenzwerte von Anfang November vergangenen Jahres mit den aktuellen. Während der Inzidenzwert, also die Anzahl der Neuinfektionen der vergangenen sieben Tage pro 100.000 Einwohner, am 3. November in MV bei 114 lag, bewegte sich dieser Wert vor Jahresfrist bei 46.

Ein gravierender Unterschied – versehen allerdings mit einem großen Aber: Heute müssen auf den Intensivstationen in MV trotz der doppelt so hohen Inzidenz im Vergleich zum Vorjahr lediglich 18 Personen behandelt werden. Vor einem Jahr dagegen wurden 34 Covid-Patienten intensivmedizinisch behandelt. „Dies zeigt die Wirkung des Impfstoffs – auch wenn die Impfquote seit Wochen bei rund 66 Prozent stagniert“, sagt Kaderali.

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Insofern mahnt der Professor, die Inzidenzwerte nicht Eins-zu-Eins zu bewerten. Ein Inzidenzwert von 500 habe heute einen ganz anderen Aussagewert als im Herbst/Winter 2020. In dem Zusammenhang sieht Kaderali auch ein Kommunikationsproblem.

Warum flachte dritte Welle im Frühjahr so schnell ab?

Beispiel: „Aktuell haben wir ein exponentielles Wachstum bei den Infektionszahlen – der R-Wert, der angibt, wie viele Personen ein infizierter Mensch ansteckt, liegt bei 1,2. Wenn sich bis zum Jahresende sowohl am R-Wert als auch an der Impfquote, an den Auffrischungsimpfungen und auch an den saisonalen Einflüssen wie dem Wetter absolut nichts ändern würde, könnten zum Jahreswechsel Inzidenzwerte von 500 bis 600 erreicht werden.“

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Wenn sich aber ein oder mehrere der genannten Parameter nur geringfügig änderten, könnte das große Auswirkungen auf Inzidenz und Infektionsgeschehen haben. Dies müsse immer wieder berücksichtigt und auch entsprechend kommuniziert werden. Am Ende sei es wie mit dem Wetter: Je langfristiger die Prognose ist, desto größer die potenzielle Fehlerquote.

Der Professor räumt ein, dass sich im Frühjahr in der dritten Welle die seinerzeit von ihm vorhergesagten Prognosen mit Inzidenzwerten von bis zu 500 glücklicherweise nicht bestätigt hätten. Ein Grund könnte sein, dass die saisonalen Einflüsse – in diesem Fall die ansteigenden Temperaturen im Mai und die vermehrten Aktivitäten der Bürger im Freien – nach heutigem Wissen Auswirkungen auf das Infektionsgeschehen in einer Größenordnung von 40 Prozent haben könnten.

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Kaderali sieht im übrigen in den nächsten Wochen das Hauptproblem in den Krankenhäusern nicht unbedingt in einer Überbelastung der Intensivstationen. „Aufgrund der Impfquote werden viele Patienten eher auf den Normalstationen landen – allerdings dürfte durch das dynamische Infektionsgeschehen ein nicht unerheblicher Teil der Mitarbeiter auch mal selbst in Quarantäne müssen. Und dann müsste die Bettenanzahl aufgrund des fehlenden Betreuungspersonals reduziert werden – und es könnte dadurch zu Engpässen kommen.

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