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Die lange Odyssee der Flüchtlinge

Sie waren über Wochen und Monate unterwegs, sie sind erschöpft und haben viele Fragen. Im Nordosten fand die schwere Reise für Hunderte Menschen ein vorläufiges Ende. Manche  haben nur noch ihre Hoffnung.

Die sechs Monate alte Borusy aus Syrien lebt derzeit in einer Notunterkunft in der Nähe von Schwerin. Foto: Jens Büttner
Jens Büttner Die sechs Monate alte Borusy aus Syrien lebt derzeit in einer Notunterkunft in der Nähe von Schwerin.

Die sechs Monate alte Borusy schmiegt sich eng an ihre Mutter. Im Bett daneben hält der dreijährige Ahmed ein Plüschtier fest umschlungen. Wie die beiden Kinder sind auch die Eltern sichtbar gezeichnet von einer nächtlichen Busfahrt, vor allem aber von den Strapazen einer schon viel länger währenden Fluch. Mit Tausenden anderen Flüchtlingen war der Syrer Ibrahim Demmarie mit seiner Frau und den beiden Kindern auf der sogenannten Balkanroute bis nach Ungarn gelangt und dann mit dem Zug nach Deutschland.

Müde blicken die Augen des 31-jährigen Ibrahim über die langen Reihen von Feldbetten. Diese waren erst am Vortag rasch in einer ehemaligen Bundeswehrkaserne am Stadtrand von Schwerin aufgebaut worden, um knapp 150 der über Ungarn gekommenen Flüchtlinge ein Dach über dem Kopf und einen Schlafplatz bieten zu können. Die Kaserne wird seit wenigen Monaten als Erstaufnahmeeinrichtung genutzt. Privatsphäre lässt das kaum zu.

Dennoch huscht ein hoffnungsvolles Funkeln über Ibrahims Augen. Er will nach Monaten der Unsicherheit und Entbehrungen in Deutschland eine neue Heimat finden: „Wir wollen endlich ankommen.“ Seit eineinhalb Jahren, sagt er, seien sie auf der Flucht. „Das muss nun ein Ende haben. Ich will, dass meine Kinder in Frieden aufwachsen, in der Schule lernen, Freunde finden und ihren Weg gehen.“

Jeden Tag 70 bis 100 Neue

„Größere Verletzungen hat glücklicherweise keiner davon getragen“, konstatiert Heiko Stroth vom Malteser Hilfsdienst. Die Hilfsorganisation betreibt die erst Anfang Juni eingerichtete Erstaufnahmeeinrichtung vor den Toren Schwerins. Gleich nach ihrer Ankunft am Montagmorgen seien die Flüchtlinge medizinisch untersucht worden. Nun würden die Personalien der Menschen aufgenommen.

„Länger als zwei, drei Tage soll niemand in der Sporthalle bleiben müssen“, sagt Stroth. Er war zuvor in der zentralen Erstaufnahmeeinrichtung des Landes in Horst bei Boizenburg tätig, die schon längst nicht mehr alle neu ankommenden Flüchtlinge aufnehmen kann. Statt der noch zu Jahresbeginn prognostizierten 5000 kommen in diesem Jahr voraussichtlich mehr als 16 000 Flüchtlinge in den Nordosten. Laut Innenministerium sind es derzeit täglich zwischen 70 und 100.

Während in früheren Jahren Asylbewerber mit Koffern angekommen seien, trügen sie heute oft nur das Allernötigste in einem Beutel bei sich. „Das spricht dafür, dass viele ihre Heimat Hals über Kopf verlassen müssen. Und egal, welche Zäune auch immer aufgebaut werden, sie finden einen Weg zu uns nach Europa“, ist sich der erfahrene Hilfsdienst-Mitarbeiter sicher.