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Wegekarte veröffentlicht

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Die letzten Monate von Buckelwal „Lotta“

Die Stralsunder Forscher haben die Route des Wals rekonstruiert.
Die Stralsunder Forscher haben die Route des Wals rekonstruiert.
NK-Grafik

Anfang Juni strandete ein toter Buckelwal bei Graal-Müritz. Das Ozeaneum Stralsund veröffentlichte nun eine Karte, die die letzten Wege des Tieres dokumentiert.

„Wale haben keinen Atemreflex. Anders als beim Menschen müssen die Tiere aktiv atmen“, sagt Anja Gallus vom Deutschen Meeresmuseum Stralsund. Wenn aber ein Wal nicht rechtzeitig auftauchen kann, dann erstickt er ganz einfach unter Wasser. Vieles deutet daraufhin, dass auch der Buckelwal, der Anfang Juni bei Graal-Müritz strandete, an Atemnot starb. Wahrscheinlich, weil er sich zuvor in einem Fischernetz verfangen hatte.

Wissenschaftler des Ozeaneums haben nun eine Wegekarte erstellt, die die letzten Wochen des Walweibchens dokumentieren sollen. Demnach schwamm der Buckelwal von der Ostsee aus in nördliche Richtung, wo er Ende Mai wendete und in deutsche Gewässer zurückkehrte. Höchstwahrscheinlich verendete das Tier dann am 7. oder 8. Juni, meint Anja Gallus. Am 9. Juni wurde er schließlich tot an den Strand gespült.

Anfang Juni war der weibliche Buckelwal bei Graal-Müritz angespült worden.

Wal verfing sich mehrfach in Fischer-Netzen

Der Buckelwal war kein Neuling in der Ostsee. Bereits im Februar dieses Jahres wurde das Tier bei Dierhagen (Landkreis Vorpommern-Rügen) gesichtet. Damals verfing sich der Wal im Stellnetz eines Fischers. Das Weibchen konnte gerade noch befreit werden. Wenig später wurde das Tier noch bei Elmenhorst (LK Vorpommern-Rügen) gesehen, doch in den darauffolgenden Monaten verliert sich die Spur des Meeressäugers.

Erst am 11. Mai gab es die nächste Sichtung. Das Walweibchen hatte sich bis nach Nordschweden vorgeschwommen, 50 Kilometer südlich von Umea konnte der Buckelwal beobachtet werden. Die örtlichen Behörden tauften das Tier auf den Namen „Lotta“. Tags darauf verfing sie sich schon wieder in einem Fischernetz. Die Bergung war wohl besonders dramatisch für „Lotta“, erklärt Anja Gallus.

„Das Tier versuchte abzutauchen, doch die Netze verhinderten den Tiefgang. Auf dem Video erkennt man die typische Krümmung des Rückens.“ Nur mit vereinten Kräften konnte „Lotta“ gerettet werden. Doch die Odyssee des Walweibchens war noch immer nicht zu Ende. Nur drei Tage später, am 15. Mai, verfing sich „Lotta“ erneut in einem Lachsnetz. Kurz darauf verabschiedete sich der Wal aus dem Bottischen Meerbusen und schwamm in Richtung Russland. Dort wurde „Lotta“ bei Wyborg gefilmt.

Wohin es den Wal in den nächsten beiden Wochen zog, lässt sich nicht ermitteln. Grundsätzlich muss sich das Weibchen aber in südwestlicher Richtung fortbewegt haben. Am 5. Juni tauchte sie im Öresund an der dänischen Küste auf. Das Walweibchen war dann in nördlicher Richtung weitergezogen. Schon am nächsten Tag wurde der Buckelwal im Kattegat zwischen Dänemark und Schweden gesichtet.

Rätselraten über die Todesursache

„Was zwischen dem 6. und 9. Juni passiert, kann keiner genau sagen“, berichtet Anja Gallus. Erst mit dem Totfund des Tieres schließt sich der Kreis. Nach ersten Untersuchungen konnten schon mehrere Todesursachen ausgeschlossen werden. So waren am Körper des Wales „keinerlei äußere Verletzungen festzustellen“, sagt die Meeresbiologin.

Bei einer anschließenden Obduktion ließen sich zudem keine Vergiftung des Kadavers finden. Auch starb das Walweibchen nicht an Hunger. Die Wissenschaftler fanden Nahrungsreste im Magen des Wales. „Das Tier hat in der Ostsee gefressen“, bestätigt die Forscherin. „Beifang ist eine Ausschlussdiagnose“, erklärt die Forscherin. Nachdem also alle anderen Ursachen ausgeschlossen werden, bleibt im Grund nur noch Beifang als Todesursache.

Zumal der Wal in den letzten Monaten gleich dreimal zwischen Fangnetzen aufgefunden wurde. Die Rettungen verliefen zwar immer glücklich, trotzdem sei eine solcher Irrweg sehr selten, versichert Anja Gallus. Inmitten der deutschen Ostsee muss sich „Lotta“ damit in einem Fischernetz verfangen haben und daraufhin elendiglich verendet sein. „Wale ertrinken nicht, sie ersticken“, wiederholt die Biologin.