Am Montagabend demonstrierten rund 500 Menschen in Waren gegen die Corona-Politik.
Am Montagabend demonstrierten rund 500 Menschen in Waren gegen die Corona-Politik. Ingmar Nehls
Kommentar

Die meisten Corona-Maßnahmen-Kritiker verbreiten weder Hass noch Hetze

Im Schweriner Landtag soll mit großer Mehrheit ein brisanter Antrag beschlossen werden, der radikale Kritiker der Corona-Maßnahmen ins Visier nimmt. Aber gibt es diese Extremisten auf den Demos überhaupt?
Schwerin

Es ist eine beeindruckend große Koalition, die sich am Mittwoch in Schwerin in die ehrenwerte Pflicht genommen fühlt, sich solidarisch und schützend an die Seite von Pflegekräften, Medizinern und auch Politikern zu stellen. Mittel dazu soll ein „Dringlichkeitsantrag“ sein, mit dem SPD, Linke, Grüne, FDP und wohl auch die CDU die Landesregierung auffordern werden, sich mit ganzer Kraft gegen Angriffe auf diese Berufsgruppen aus den Reihen von Kritikern der Corona-Maßnahmen zu wenden.

Gut möglich, dass dabei in der Debatte auch die zuletzt oft gehörte Warnung vor „Hass und Hetze“ durch Impf-Skeptiker bemüht wird, denen mit aktuell steigender medialer Lautstärke ein Hang zur Radikalisierung bis hin zur möglichen Begehung von Anschlägen attestiert wird.

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Maßnahmen-Kritiker und Gegner einer Impfpflicht als potentielle Terroristen – wer so argumentiert, sollte schon sehr klare Belege vorlegen können und nicht nur sein eigenes Unbehagen über die zuletzt stark gestiegene Zahl von Demonstrationen mit wachsenden Teilnehmerzahlen zur Grundlage alarmistischer Bedrohungsszenarien machen.

„Dringlichkeitsantrag“ gegen wen oder was genau?

Die Abgeordneten in Schwerin sollten deshalb sehr genau differenzieren, gegen wen oder was sich ihr „Dringlichkeitsantrag“ genau richten soll. Denn auf den Straßen sind auch viele Menschen, die tatsächlich einfach nur glauben, dass man mit friedlichen Demonstrationen in diesem Land etwas erreichen kann.

So erlebten es am Montag zumindest fünf Nordkurier-Reporter, die ihre Regionen und die jeweiligen Akteure bestens kennen und nicht nur von den jeweiligen Demos berichteten, sondern auch der Redaktion eine persönliche Einschätzung der Stimmung unter den Teilnehmern lieferten.

Einschätzungen von den einzelnen Protesten

Und das klang in der Summe so gar nicht nach Radikalisierung oder Hass und Hetze, sondern nach demokratischem Protest. Hier einige Beobachtungen unserer Reporter: „Die Demo-Teilnehmer gehörten – wie man so schön sagt – zur Mitte der Gesellschaft: Unternehmer, Angestellte, Erzieherinnen, Verkäufer usw. Der Protest war friedlich und unaufgeregt.“ (Malchin)

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Oder hier: „Wir konnten bislang bei den Montagsspaziergängen in Neubrandenburg in den allerwenigsten Fällen eine aggressive Stimmung ausmachen, so auch am vergangenen Montag. Viele sehen sich eher in aufklärerischer Mission, das Ganze hat eher einen Happening-Charakter, wirkt teils sogar familiär.“

Und dann noch Neustrelitz: „Es lief aus meiner Sicht ein breiter Durchschnitt der Neustrelitzer Bevölkerung mit, Männer und Frauen jeden Alters. Der Versammlungsleiter und eine weitere Teilnehmerin antworteten mir ohne jegliche Aggressivität. Man betonte, dass man friedlich protestieren wolle, keine Nazis in den Reihen habe und Corona nicht leugne.“

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Ähnlich der Blick nach Waren: „Wirklich alle Altersgruppen und auch viele Berufsgruppen vertreten, insgesamt friedlich.“ Allerdings einschränkend: „Wobei die Polizei auch nicht den Mindestabstand durchsetzte, obwohl die Teilnehmer keine Masken trugen.“

Schließlich noch Röbel: „Menschen aller Couleur: Senioren genauso wie junge Menschen, Angestellte, Unternehmer bis hin zu ganzen Familien. Eingreifen musste die Polizei nicht.“

Demonstriert haben also zumindest im Nordkurier-Land (und da kennen wir uns wirklich aus!) in allererster Linie Mitmenschen und Mitbürger, deren gutes Recht es ist, auch so angesprochen und behandelt zu werden. Sie – und sei es auch mit den besten Absichten – auch nur ansatzweise in die Nähe von Fanatikern oder gar Terroristen zu stellen, wäre fatal für die demokratische Kultur. Und könnte im Ergebnis genau das bewirken, was man doch vermeiden will: Die Spaltung der Gesellschaft und in der Folge dann eine tatsächliche Radikalisierung. Schwerin hat an diesem Mittwoch eine große Chance, genau dagegen anzugehen.

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