CDU-PARTEIVORSITZ

Die Ostdeutschen haben einen überraschenden Favoriten

Wer wird der neue CDU-Chef? Das Interesse an der Wahl am Freitag ist riesig, wer gewinnt, könnte bald Kanzler werden. In den neuen Bundesländern scheint das Rennen erstaunlich deutlich auszufallen.
Carsten Korfmacher Carsten Korfmacher
Friedrich Merz, Annegret Kramp-Karrenbauer und Jens Spahn (von links) legten sich in den vergangenen Wochen bei den CDU-Regionalkonferenzen richtig ins Zeug.
Friedrich Merz, Annegret Kramp-Karrenbauer und Jens Spahn (von links) legten sich in den vergangenen Wochen bei den CDU-Regionalkonferenzen richtig ins Zeug. Carsten Rehder
Neubrandenburg.

1001 CDU-Delegierte aus ganz Deutschland dürfen am Freitag darüber abstimmen, wer ihre Partei in die Zukunft führt. Die Wahl ist wichtig, denn traditionell führt der CDU-Vorsitz auf direktem Wege ins Kanzleramt: von 7 CDU-Vorsitzenden seit 1950 waren 5 auch Bundeskanzler. Nach rund anderthalb Dekaden, in denen Parteivorsitz und Kanzlerschaft in den Händen einer ostdeutschen Frau lagen, stellt sich nun natürlich die Frage, wie die drei Hauptkontrahenten um den Chefsessel der CDU zum Osten stehen und im Osten gesehen werden.

Hier zeigt sich: Alle drei – CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer, Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und der fast ein Jahrzehnt politisch inaktive ehemalige Bundestagsfraktionsvorsitzende Friedrich Merz – scheinen sich nicht sonderlich für die Neuen Länder zu interessieren. Zudem besitzt jeder von ihnen ein Glaubwürdigkeitsproblem im Osten – und zwar jeder auf seine Weise.

Annegret Kramp-Karrenbauer (AKK)

Annegret Kramp-Karrenbauer steht sinnbildlich für die lineare Fortsetzung der Ära Merkel, auch weil sie auf dem letzten Bundesparteitag der CDU im Februar 2018 mit ausdrücklicher Unterstützung der Kanzlerin als Generalsekretärin der Partei installiert wurde. Ihr Vorgänger Peter Tauber gilt als enger Merkel-Verbündeter. AKK hingegen kündigte zwar an, unabhängig von Parteivorsitz und Regierung agieren zu wollen.

Dass Angela Merkel sie aber trotzdem uneingeschränkt unterstützte, werteten die Kommentatoren im politischen Berlin als Beweis für die Nähe zwischen Merkel und Kramp-Karrenbauer. Um ihr Profil zu schärfen, ging AKK in den vergangen Monaten deutlich auf Distanz zu ihrer Chefin, vor allem in Bezug auf die Migrationspolitik der CDU. Doch auch dies dürfte weitestgehend mit der Kanzlerin abgesprochen sein.

In Ostdeutschland ist man sich dieser Verstrickungen natürlich bewusst. Hier entstanden die ersten Konservativen Kreise innerhalb der CDU, hier wurden die ersten Stimmen laut, die offen das Ende der Ära Merkel forderten und hier überholte die AfD die CDU vielerorts bereits in der Wählergunst. Eine Personalie, die sinnbildlich für eine Fortführung der Flüchtlingspolitik der Kanzlerin steht, kommt deshalb im Osten deutlich schlechter an als in Westdeutschland.

Jens Spahn

Seit mehr als einem Jahr wird auch der junge Bundesgesundheitsminister Jens Spahn immer wieder als aussichtsreicher Kandidat für die Führung der Partei genannt. Doch Spahn hat sich in den vergangenen Monaten durch mehrere provokative Aussagen besonders im Osten ins Abseits befördert. Zum Beispiel sagte er, dass der Bezug von Hartz IV nicht mit Armut gleichzusetzen sei.

Spahn sagte außerdem: „Wenn von einer Million Pflegekräften 100.000 nur drei, vier Stunden mehr pro Woche arbeiten würden, wäre schon viel gewonnen.” In der Öffentlichkeit wurde dies als Aufforderung an die ohnehin schon überarbeiteten und unterbezahlten Pflegekräfte in Deutschland aufgefasst, noch mehr zu arbeiten. Gemeint war die Aussage wohl anders, doch die Formulierung war unglücklich genug, um zu einem Sturm der Entrüstung zu führen.

Hinzu kommt, dass der Gesundheitsminister es regelmäßig verpasste, Probleme wie den Pflegenotstand in einem explizit ostdeutschen Kontext zu thematisieren, selbst dann, wenn jene Probleme im Osten am ärgsten sind. Außerdem äußerte sich Spahn für das ostdeutsche Ohr zu häufig und zu plakativ russland-kritisch. Deshalb fällt es den Menschen in den Neuen Bundesländern verständlicherweise schwer, eine Grundlage der Identifikation mit dem Koloss (1,91 Meter Körpergröße, Schuhgröße 49) aus dem Münsterland zu finden.

Friedrich Merz

Mit Friedrich Merz kehrte in diesem Jahr eine schillernde Figur auf die politische Bühne zurück. Schon vor seinem jähen Ende als CDU-Fraktionschef im Jahr 2002 und seinem leisen Ausscheiden aus der Bundespolitik im Jahr 2009 galt Merz als hochintelligent und Querkopf, als einer, der der damaligen Parteivorsitzenden und Kanzlerkandidatin Angela Merkel gefährlich werden könnte. Doch Merkel biss Merz auf eine Weise weg, die sich in ihren Regenten-Jahren unzählige Male wiederholen sollte. Deswegen wird Merz heute als großer Gegenspieler Merkels betrachtet. Zudem hat er bewiesen, dass er den Politbetrieb verlassen kann, wenn er keine Lust mehr darauf hat. Für Ostdeutsche, die der Berufspolitikersparte gegenüber traditionell äußerst skeptisch sind, eine durchaus attraktive Mischung.

Auf der anderen Seite steht Friedrich Merz für all das, was im Osten als eher befremdlich empfunden wird: Er ist Vorsitzender der Atlantik-Brücke und russlandkritisch. Er ist reich, versteht sich aber als Mann der Mittelklasse. Und er besitzt eine Nähe zum Kapital, die im Osten häufig als unheimlich wahrgenommen wird. Außerdem hat Merz nie wirklich Interesse an Ost-Themen gezeigt.

Deshalb ist es durchaus erstaunlich, dass Friedrich Merz im Osten die besten Umfragewerte erzielt. Nach einer Emnid-Umfrage für die „Bild am Sonntag” führt Merz mit 42 Prozent vor AKK mit 30 Prozent, während im Westen AKK mit 33 Prozent vor Merz mit 25 Prozent liegt. Bundesweit sieht es aber anders aus: 52 Prozent aller CDU-Wähler sprachen sich für Kramp-Karrenbauer aus, 33 Prozent für Merz und 12 Prozent für Spahn.

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